Die Kosten sind zu hoch

Der Bau der Umfahrungsstrasse in Aarwangen ist für den Kanton Bern ein finanzieller Kraftakt. Zudem gibt es eine bessere Lösung.

Durch Aarwangen fahren viele Lastwagen. Das Bernervolk entscheidet nun, ob der Ort eine Umfahrung erhält.

Durch Aarwangen fahren viele Lastwagen. Das Bernervolk entscheidet nun, ob der Ort eine Umfahrung erhält. Bild: Franziska Rothenbühler

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Das Dilemma ist bekannt: Sehr viele Berner und Bernerinnen fahren täglich Auto – häufig alleine im Wagen. Und sie sorgen oder ärgern sich zugleich über den Verkehr in ihrem Wohnort. Baut endlich eine Umfahrungsstrasse! So lautet dann meist die Forderung. Doch sehr oft sind die Ressourcen an Land, das den Bauern und der Natur zur Verfügung steht, und vor allem an Steuergeld zu knapp für dieses Rezept.

Ein Musterbeispiel dafür ist die Umfahrungsstrasse, mit der das Dorf Aarwangen vom Durchgangsverkehr entlastet und die Langenthaler Industrie besser an die Autobahn A 1 angeschlossen werden soll. Sehr lange galt das Projekt als nicht finanzierbar für den Kanton. Zu Recht. Nötig ist eine fast 500 Meter lange neue Hochbrücke über die Aare und ein Tunnel. Entsprechend stattlich sind die – geschätzten – Kosten für die Lösung, über deren Projektierung das Bernervolk jetzt abstimmt: 136 Millionen Franken – für eine 3,6 Kilometer lange neue Strasse.

Genau aus diesem Grund versuchte der Kanton, die Kosten komplett auf den Bund zu überwälzen – mit dem Argument, es handle sich um einen Autobahnzubringer. Ohne Erfolg. Vom Bund ist nun bloss ein Beitrag in unbekannter, aber wohl bescheidener Höhe zu erwarten. Finanziert werden kann die Umfahrung nur mit einem massiven Zustupf aus einem kantonalen Investitionsfonds, der aufgelöst wird.

Für die Promotoren der Umfahrung ist der Fonds ein Glücksfall. Doch es unterstreicht, dass es sich um einen finanziellen Kraftakt des Kantons handelt – und um einen Einzelfall. Andere ebenso verkehrsgeplagte Ortschaften dürfen nicht auf eine so kostspielige Lösung hoffen. Die Ausnahme ist die Verkehrssanierung im Emmental, die ebenfalls von einem Zustupf aus demselben Fonds profitiert. Doch im Emmental hat man zumindest auf die Umfahrung von Burgdorf verzichtet. Das senkt die Kosten und macht das dortige Projekt zu einem verkehrspolitischen Kompromiss.

Unbestritten ist, dass Aarwangen stark unter dem Durchgangsverkehr leidet – und eine Lösung dringlich ist. Gerade in Zeiten, in denen der Kanton stets neue Sparpakete mit einschneidenden Kürzungen schnürt, sind jedoch Nutzen und Kosten möglicher Sanierungen sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Im Auftrag des Kantons haben Experten dies mehrfach getan – letztmals vor zwei Jahren. Ergebnis: «Per Saldo» schliesst die Umfahrung schlechter ab als die Alternativlösung.

Alternative liegt in Schublade

Die Alternative zur Umfahrung ist kein vages Konzept. Sie liegt als Projekt in den Schubladen der Planer. Es handelt sich um eine Sanierungsvariante, die in anderen viel befahrenen Ortschaften erfolgreich angewandt wurde – und nun auch in Burgdorf realisiert werden soll. Im Kern geht es darum, auch an stark befahrenen Strassen Raum für Fussgänger und Velofahrer zu schaffen. Das geht – auch in Aarwangen –, wenn man den Autoverkehr und den ÖV auf eine Fahrspur konzentriert. Mit Ampelsteuerung kann man den Verkehr dennoch flüssig abwickeln. So gewinnt man am Rand und in der Mitte der Strasse Platz für den Langsamverkehr – etwa für Fussgängerinseln, die den Schulweg für Kinder sicherer machen.

Klar: Aarwangen bliebe mit dieser Lösung ein stark befahrenes Dorf – mit dem Spezialproblem eines hohen Lastwagenanteils. Doch eine Umfahrung verlagert diesen im Wesentlichen. Das gilt gerade für die vielen ausländischen Lastwagen, deren Chauffeure den Autobahnbogen bei Härkingen abkürzen. Mit der Umfahrung würde die Abkürzung durch Landschaft und Dörfer des Oberaargaus sogar noch attraktiver. Der Hauptvorteil der Alternative ist, dass sie den grössten Teil der akuten Probleme ebenfalls löst – aber dreimal weniger kostet als die Umfahrungsstrasse. Zudem verschont sie das Kulturland und das Smaragd-Gebiet für bedrohte Pflanzen und Amphibien. Es gibt keinen Grund, weshalb man die Alternativlösung nach einem Nein zur Umfahrung nicht aus der Schublade ziehen und zügig realisieren könnte. (Der Bund)

Erstellt: 08.05.2017, 06:39 Uhr

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