«Die Kesb waren für viele Leute eine Blackbox»

Die Dauerkritik habe das Vertrauen in die Kesb nachhaltig erschüttert, sagt Thomas Büchler, der Präsident der bernischen Kindes- und Erwachsenschutzbehörden.

Der Jurist Thomas Büchler ist seit 2016 Präsident der Kesb Kanton Bern.

Der Jurist Thomas Büchler ist seit 2016 Präsident der Kesb Kanton Bern. Bild: Adrian Moser

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Herr Büchler, sind Kinder und Erwachsene heute besser geschützt als vor fünf Jahren?
Davon bin ich überzeugt. Unter dem alten System waren Laien am Werk, heute sind es Profis. Sie sind dafür ausgebildet, verfügen über Berufserfahrung und beschäftigen sich regelmässig mit komplexen Situationen.

Die harsche Kritik an den Kesb lässt vermuten, dass es früher besser war.
Früher wurde auch gute Arbeit geleistet. Ein Gemeindeschreiber zum Beispiel beschäftigte sich aber nicht jedes Jahr mit einem schwierigen Fall. Zudem hatte er noch andere Aufgaben zu erledigen.

Schreckte man früher vor einschneidenden Massnahmen eher zurück?
Der moderne Kindes- und Erwachsenenschutz sieht vor, dass so früh wie möglich und gleichzeitig so mild wie möglich interveniert wird. Früher wurde zum Teil eher zugewartet und gehofft, dass es wieder gut kommt. Es gab aber auch im alten System Fremdplatzierungen.

Wie erklären Sie sich die Dauerkritik an den Kesb?
Wir arbeiten in einem hochsensiblen Bereich. Es geht um die persönliche Freiheit von Menschen, um Kinder und innerfamiliäre Konflikte. Dies ist mit Emotionen verbunden. Die Kesb können es nicht allen recht machen. Zudem gab es Anlaufschwierigkeiten, die Schaffung der Kesb waren eine Jahrhundertreform. Für viele Leute waren die Kesb auch eine Blackbox. Man wusste nicht, welches die Aufgaben der Kesb sind und wie sie arbeiten. Dann kam der tragische Extremfall Flaach dazu, wo eine Mutter ihre fremdplatzierten Kinder tötete. In den Boulevardmedien war die Rede davon, dass die Kesb Blut an den Händen habe. Politiker begannen, das Thema zu bewirtschaften.

Wie wirkte sich das auf die Arbeit der Kesb aus?
Das Feindbild, das in der Öffentlichkeit gezeichnet wurde, nahm zuweilen groteske Züge an. Wir sind weder Schreibtischtäter, noch haben wir Freude daran, Eltern ihre Kinder zu entreissen. Solche Anschuldigungen erschütterten das Vertrauen in unsere Behörde nachhaltig. Dabei bildet das Vertrauen das Fundament unserer Zusammenarbeit mit den Schutzbedürftigen. Diese sind deshalb die Leidtragenden, wenn solche Feindbilder geschaffen werden.

Wie reagierten Ihre Klienten?
Nach dem Fall Flaach stiessen wir oft auf Misstrauen. Wir mussten einiges in den Vertrauensaufbau investieren, zum Teil ist das heute noch nötig. Nach den Gesprächen sind die Leute aber immer wieder überrascht, dass sich jemand für ihre Situation interessiert und gemeinsam mit ihnen nach Lösungen für die Probleme gesucht wird. Es gab auch Leute, die Angst vor uns hatten und sagten, die Kesb wollten ihnen die Kinder wegnehmen.

Verweigerten sie das Gespräch?
Zum Beispiel. Wenn dann weitere Gefährdungsmeldungen, etwa aus der Schule, bei uns eintreffen, wird es schwierig. Dann versuchen wir nochmals, mit den Eltern in Kontakt zu treten. Wenn das nicht hilft, kommt der Punkt, an dem wir nicht mehr zuschauen können. Im Extremfall müssen wir die Polizei einschalten. Solche Situationen können auch für unsere Mitarbeitenden zur Belastung werden, zumal in den Gesprächen manchmal eine gewisse Enthemmung spürbar ist.

Werden Kesb-Mitarbeitende beschimpft?
Es ist nicht Alltag, aber es kommt zu Beschimpfungen oder Bedrohungen, selten sogar zu Tätlichkeiten. In einem schwierigen Fall, in dem wir Kinder fremdplatzieren mussten, sagte mir der Vater, mit meinen Kindern werde das gleiche geschehen, ich könne mich draussen nicht mehr sicher bewegen.

Was haben Sie gemacht?
In solchen Fällen können wir uns an die Fachstelle Drohung und Gewalt der Polizei wenden. Gemeinsam erarbeiten wir Massnahmen.

Geben Kesb-Mitarbeitende ihre Stelle auf, weil sie den Druck nicht mehr aushalten?
Bei mir hat noch niemand mit dieser Begründung gekündigt. Mit Druck müssen wir umgehen können, das gehört zur Professionalität. Manchmal ist es aber schon frustrierend, weil die Mitarbeitenden mit viel Engagement versuchen, richtige Entscheide zu treffen. Die Polemik in der Kesb-Diskussion ging so weit, dass Mitarbeitende von uns an privaten Anlässen nicht mehr erwähnten, dass sie bei den Kesb arbeiten, weil sie ansonsten entweder mit Kritik konfrontiert oder bemitleidet wurden.

Bei Kritik können die Kesb ihre Dossiers nicht einfach zugänglich machen, um ihr Vorgehen zu begründen. Ist das ein Problem?
Die Frage, wie offensiv die Kesb kommunizieren können, ist in Fachkreisen umstritten. In der Regel gelangen Leute an die Öffentlichkeit, die nicht einsichtig sind. Daher konnten die Kesb mit ihnen auch keine Lösungen finden. Die Betroffenen präsentieren ihre Sichtweise, die wir in unseren Entscheiden würdigen. Hinzu kommt: Wir sind an das Amtsgeheimnis gebunden. Wenn wir unsere Akten ausbreiten, werden die Leute mit ihren intimsten Problemen in der Öffentlichkeit blossgestellt. Im Interesse der Betroffenen sind wir dazu angehalten, zurückhaltend zu informieren.

Durch die defensive Kommunikation der Kesb wurde die einseitige Wahrnehmung verstärkt.
Das ist das Dilemma. In der Geschäftsleitung der Kesb Kanton Bern haben wir unterdessen beschlossen, dass wir uns künftig einschalten, wenn falsche Behauptungen gemacht werden. Zudem wollen wir in Extremfällen gegenüber den Betroffenen auch mündlich kommunizieren. Wir haben die Krisenkommunikation angepasst. (Der Bund)

Erstellt: 19.08.2017, 08:04 Uhr

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