Die Kapriolen der Bieler Kulturpolitik

In Biel wollen Liberale den Musikclub Singe subventionieren. Und der Gemeinderat, der bei anderen Institutionen radikal sparen will, unterstützt das Anliegen. Hängt es mit dem Programmgestalter zusammen?

Daniel Schneider gilt als begabter Konzertveranstalter.

Daniel Schneider gilt als begabter Konzertveranstalter. Bild: Valérie Chételat

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Noch vor gut zwei Jahren wollte der Bieler Gemeinderat bei der Kultur mehrere 100'000 Franken einsparen, und jetzt scheint es fast so, als ob er darauf brenne, neue Institutionen auf seine Subventionsliste zu nehmen. «Das Projekt Le Singe verdient Unterstützung», hält er in seiner Antwort auf zwei Vorstösse fest, die städtische Beiträge für das Kulturlokal fordern.

Das Singe ist ein überregional bekannter Musikclub über dem Restaurant St. Gervais in der Bieler Altstadt. Er organisiert vor allem Live-Konzerte von Stiller Has bis Manillio, fördert aber auch unbekanntere Formationen. Vor zweieinhalb Jahren hatten Daniel Schneider und Chantal Emmenegger Club und Beiz übernommen und zu neuer Blüte gebracht. Finanziell scheint die Rechnung aber zumindest beim Club nicht aufzugehen. «Ohne zusätzliche Subventionen können wir höchstens noch eine Saison so weitermachen», sagt Daniel Schneider.

Mehr Geld oder budgetneutral?

Jetzt soll die Stadt in die Bresche springen. Angeführt von den Grünliberalen fordern Vertreterinnen und Vertreter von BDP und FDP bis hin zu SP und Grünen in zwei Postulaten die städtische Subventionierung des Lokals. Die Rechte will eine budgetneutrale Lösung, die Linke zusätzliches Kulturgeld. «Das Singe leistet einen unverzichtbaren Beitrag zum Bieler Kulturleben», begründet Max Wiher, Fraktionschef der GLP. Trotz allen Anstrengungen sei ein Live-Club ohne Subventionen jedoch kaum finanzierbar.

Bisher erhielt der Club lediglich städtische und kantonale Defizitgarantien für einzelne Veranstaltungen. Dieses Jahr gibt es nun erstmals Unterstützung in der Höhe von 25'000 Franken. Schneider möchte den Club jedoch mit einem Leistungsvertrag absichern, wie ihn andere Kulturinstitutionen auch kennen. Je 50'000 Franken pro Jahr von Stadt und Kanton seien nötig, um das Singe zu erhalten.

«Im Budget 2018 berücksichtigen»

Trotz starkem Spardruck unterstützt der Gemeinderat das Anliegen schier enthusiastisch. «Die Präsenz des Programmgestalters Daniel Schneider ist ein Gewinn für das kulturelle Leben der Stadt Biel», schreibt er. Subventionen brauche es nicht nur, um den Fortbestand des Singe zu sichern, sondern auch, «damit Daniel Schneider seine experimentelle und mutige Programmierung entwickeln kann». Daniel Schneider hat den Konzertveranstalter Groovesound mitgegründet, war unter anderem Leiter des Kultur- und Kongresszentrums Thun und künstlerischer Leiter des Moods in Zürich.

2014 hat ihn die Stadt Biel für seine besonderen kulturellen Verdienste ausgezeichnet, und jetzt möchte sie die Anliegen seines Clubs «im Budget 2018 berücksichtigen». Von einer kostenneutralen Lösung ist allerdings nicht mehr die Rede. «Das macht Hoffnung», sagt Schneider. Zu früh will er sich allerdings nicht freuen: «Zuerst müssen jetzt die Facts auf den Tisch.»

Mitte August wird der Stadtrat über die Vorstösse entscheiden. Doch wäre es nicht ein ordnungspolitischer Sündenfall, wenn eine Stadt den Betrieb eines privaten Musikclubs subventionierte? «Live-Clubs, die nicht voll kommerzialisiert sind, können ohne Subventionen gar nicht überleben», sagt Schneider.

Ein Blick über die Stadtgrenzen hinaus gibt ihm recht. Bee-Flat in Bern wird ebenso öffentlich unterstützt wie das Mokka in Thun, das Kofmehl in Solothurn oder La Spirale in Freiburg. In der Regel fliessen gar deutlich höhere Summen, als sie das Singe fordert. Lyss zum Beispiel hat eben erst die bisherige Unterstützung von jährlich 80'000 Franken verdoppelt, um die Kufa zu retten.

«Dann ist das sehr liberal»

Max Wiher, der die Diskussion angestossen hat, sagt, er könne die Subventionierung des Singe mit seinem liberalen Gewissen durchaus vereinbaren: «Wenn man die Stadt mit einem guten Kulturangebot attraktiver machen will, um neue Steuerzahler anzuziehen, dann ist das sehr liberal.» Für ihn gehört Live-Musik ebenso zu einem städtischen Kulturangebot wie beispielsweise Theater.

Stefan Kaufmann, Fraktionschef der FDP, bereitet dieses Denken allerdings Sorgen: «Wenn man solche Angebote nur mit öffentlichen Geldern erhalten kann, muss man sich fragen, ob sie tatsächlich ihre Berechtigung haben.» Kaufmann befürchtet auch, dass weitere Veranstalter anklopfen werden, wenn die Stadt Subventionen für das Singe spricht. «Das Ganze droht willkürlich zu werden.» (Der Bund)

Erstellt: 12.08.2017, 08:32 Uhr

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