Die Hüter des militärischen Erbes

Die in der Kritik stehende Sammlung für historisches Armeematerial hütet nicht nur Panzer, sondern pflegt etwa auch die historische Garderobe der Armee.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Kritik ist klar, und die Konsequenzen sind weitreichend. Beim Sammeln von historischem Armeematerial liege vieles im Argen: So urteilt die Eidgenössische Finanzkontrolle. Und weil dem so ist, wird der Leistungsvertrag mit der Stiftung Historisches Material der Schweizer Armee (HAM) aufgekündigt und neu ausgeschrieben: So entschied das VBS. Die insgesamt 17 Hüter des militärischen Erbes, die in Burgdorf und Thun arbeiten, stehen somit vor einer unklaren Zukunft.

Nur: Was tut die HAM überhaupt? Der Augenschein vor Ort zeigt rasch: Zu den musealen Sammlerobjekten gehören längst nicht nur Panzer und anderes schweres Gerät. So ist etwa Andreas Laubacher hier am Werk – und geht leicht gebeugt zwischen Tausenden von Uniformen der Schweizer Armee hin und her. Er sortiert aus, ordnet, archiviert und bürstet die Uniformen, wenn nötig, sauber. Er bewahrt die Stücke für die Nachwelt. Seit rund 10 Jahren sammelt die Stiftung hier in Thun historische Objekte der Schweizer Armeegeschichte.

Vom Abzeichen bis zum Panzer

Während Laubacher weiter die militärische Garderobe der Schweiz pflegt, fährt HAM-Geschäftsführer Stefan Schärer auf dem Waffenplatz Thun vor. Dort liegt auch das Panzermuseum und somit ein Teil des musealen Guts. Gelangweilte Soldaten salutieren Schärer, der selbst Oberst in einem Spezialdetachement der Armee war. Damals noch zuständig für die Archivierung der Daten.

Das Panzermuseum im Thuner Militärkomplex ist eindrücklich. Ausgestellt sind nebst gepanzerten Fahrzeugen aus schweizerischen Beständen auch deutsche, amerikanische und britische aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Mehr als einfach bloss herumstehen tun die schweren Dinger nicht. Schärer: «An diesen Panzern haben wir in den letzten sechs Jahren keinen Pinselstrich vorgenommen.» Die Sammlung in Thun ist bemerkenswert gross und umfasst zwei Gebäude und zusätzlich eine Halle.

Das erste Gebäude ist unter anderem Laubachers Reich. Nichts, was je ein Schweizer Armeeangehöriger getragen hat, fehlt. Nebst Uniformen lagern hier Waffen, Abzeichen, Schuhe. Laubacher spricht fachmännisch über die Pflege, die Raumtemperatur und die Gründe, warum es trotz des vielen Stoffs nicht muffig riecht.

Der Auftrag des VBS sei laut Sammlungskonzept klar, sagt Geschäftsleiter Schärer: «Von jedem Objekt werden in der Regel zwei Stück in die Sammlung aufgenommen.» Es gibt Ausnahmen: Bei Fahrzeugen beschränke man sich oftmals auf ein Exemplar. Doch am Standort Thun wird nicht nur gesammelt. Museale Stücke müssen auch konserviert und instand gestellt werden. So wird ein Labor geführt, das korrosionsgefährdete Bleistücke mit einem speziellen Verfahren stabilisieren kann. Und eben ist ein Mitarbeiter im Begriff, eine Sanitätskiste zu vervollständigen, die unter anderem gefährliche Stoffe beinhaltet hatte.

Schärer schreitet zum nächsten Gebäude. Es handelt sich um eine ehemalige Reithalle. Im riesigen Raum ist es kalt und still, schier einschüchternd. Hier werden unter anderem Artilleriegeschütze gelagert – von der einfachen Kanone bis hin zur Schweizer Artillerie der Neuzeit.

«Zehn Jahre lang gekrampft»

Das ganze mächtige Waffenarsenal verhilft den Mitarbeitenden derzeit nicht zum Gefühl von Arbeitsplatzsicherheit. Wie es weitergeht, ist ungewiss. Das trifft Schärer, habe man doch «zehn Jahre lang gekrampft». In ihrem Jahresbericht zeichnet die Stiftung ein dunkles Bild: Falls es bei der Kündigung des Leistungsvertrages durchs VBS bleibe, «müssen wir unsere 17 Mitarbeiter auf Ende 2018 entlassen».

Prinzip Vertrauen

Sehr gesellig mutet der HAM-Arbeitsalltag nicht an. Wer hier arbeitet, arbeitet meistens alleine. Das bedeute, dass die Mitarbeitenden ihre Aufgabe natürlich «mehrheitlich auf Vertrauen hin» erfüllten, sagt Schärer. Anders «geht es auch nicht». Und ganz anders als die Finanzkontrolle schätzt er die Lage ein. So gelte es zu berücksichtigen, dass viele Stücke historische Unikate seien: «Wenn bei uns ein Fahrzeug in Bearbeitung genommen wird, kann man nicht im Voraus sagen, wie lange der Vorgang dauert.» Wenn das Fahrzeug in gutem Zustand sei, gehe es schneller, in schlechtem Zustand eben länger. Schärer: «Unsere Arbeit ist nicht so einfach messbar.»

Betriebswirtschaftliches Konzept

Genau darauf zielt das VBS aber jetzt ab. Zwar sagt Jürg Reusser, der Chef der dem VBS angegliederten Zentralstelle für historisches Material der Schweizer Armee (ZSHAM): «Ich bin mit der Arbeit der Stiftung HAM grundsätzlich zufrieden.» In der neuen Ausschreibung stünden aber betriebswirtschaftliche Konzepte stärker im Vordergrund als bisher. «Ich persönlich wünsche mir aber auch in Zukunft eine Zusammenarbeit mit der HAM», sagt Reusser, zumal er die Kritik der Finanzkontrolle nicht in allen Punkten teile. Man liquidiere nach wie vor historisches Armeematerial aus den grossen Beständen, die sich über 170 Jahre hinweg angesammelt hätten. Der Abschluss der Inventarisierung sei noch nicht abgeschlossen – gerade weil die Menge des Materials sehr gross sei. «Dies ist einer der Gründe für die Unstimmigkeiten mit der Finanzkontrolle», sagt Reusser. (Der Bund)

Erstellt: 23.04.2018, 06:33 Uhr

General Guisans Befehl

Der Startschuss für ein Armee-Museum gab General Guisan. Während des Zweiten Weltkriegs beauftragte er das Verteidigungsdepartement damit, die Kriegsgeschichte der Schweiz zu dokumentieren. Es wurde aber bereits zuvor, Mitte des 19. Jahrhunderts, ausser Dienst gestelltes Material gesammelt. Im Jahr 2000 beschloss der Bundesrat jedoch, dass doch kein Armeemuseum entstehen solle. 2007 entschied sich der Bundesrat zu einem Kompromiss: Das Material soll gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das VBS hat mit der Bearbeitung drei Stiftungen beauftragt. Darunter die Stiftung Historisches Material der Schweizer Armee (HAM), die in Thun und Burgdorf ansässig ist. Diese betreibt ein Schaulager für interessierte Besucher auf Voranmeldung. (cse)

Kritik der Finanzkontrolle

Die Art und Weise, wie die zum VBS gehörende Zentralstelle historisches Armeematerial (ZSHAM) ihren Auftrag umsetzt, steht in der Kritik. So erneuerte die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) Anfang Jahr ihre zahlreiche Punkte umfassende Mängelliste:


  • Der Sammlung fehle das nach Museumsgesetz erforderliche klare Profil. Es liege kein mit anderen Museen abgestimmtes Sammlungskonzept vor.

  • Ein Kritikpunkt betrifft das «Panzermuseum Thun», welches mehrheitlich ausländische Panzer ausstellt.

  • In der Tendenz werde zu vieles gesammelt, zu weniges aussortiert, zu vieles repariert und zu weniges präsentiert.

  • Die ZSHAM könne nicht genau beziffern, wie viel die Sammeltätigkeit koste. Es sind laut EFK aber mindestens 7,4 Millionen.

(cse)

Artikel zum Thema

Armee hortet zu viele alte Panzer und Kampfjets

Allein das Aufbewahren von alten Panzern, Kampfflugzeugen oder Uniformen kostet den Steuerzahler jährlich 7,4 Millionen Franken. Zu viel, findet die Finanzkontrolle. Mehr...

Schusssichere Panzerwesten für alle Schweizer Soldaten

Video Für 377 Millionen Franken rüstet die Armee sämtliche 100'000 Soldaten auf. Braucht es das wirklich? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Vier Pfoten für die Zukunft: Chilenische Polizistinnen marschieren mit den Welpen zukünftiger Spürhunde an der jährlichen Parade in der Hauptstadt Santiago de Chile. (19. September 2018)
(Bild: Rodrigo Garrido) Mehr...