Die Hühner haben den Gast von überall fest im Blick

Der Testesser und die beste Begleiterin bestehen auf Traditionellem. Im Löwen in Wichtrach kommen sie auf die Rechnung.

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Für uns ist am Tisch beim Fenster reserviert, unter der alten Holzuhr mit dem mächtigen «Plämpu». Doch dieser bewegt sich nicht. In der Tat scheint es, als sei die Zeit im Löwen Wichtrach stehen geblieben. Die hölzerne Rustikalität ist nicht vom Innenarchitekten verordnet, sondern echt. Auch die Dekoration hat sich über die Jahre angesammelt. Uns fallen die Hühner und Güggel aus Steingut oder Porzellan auf, die sich über die Jahre offenbar vermehrt haben.

Dem Huhn ist auf der grossen Speisekarte das Kapitel «Tschikeria» gewidmet. Unter anderem findet sich dort das Güggeli im Chörbli (Fr. 14.–) oder das Poulet Cordon Bleu mit Gemüse und Pommes frites (Fr. 19.–). Rund um uns – der Testesser ist mit der besten Begleiterin von allen unterwegs – wird gegessen und angeregt geschwatzt. Man kennt sich und fühlt sich im Löwen wie zu Hause. Zwischen den Vorhängli scheint die Sonne herein, manchmal geht der Wirt Martin Büttiker gut gelaunt durch die Reihen. Das Tagesmenü wird uns – ohne Preisangabe – mündlich vorgetragen von den aufmerksamen und freundlichen Frauen im Service: Wir hören etwas mit Schorle, aber es war wohl Scholle, ein Flachfisch namens Goldbutt. Die Alternative wäre ein Pouletbrüstchen. Da aber das Etablissement mit Traditionellem wirbt, lassen wir das Menü beiseite und suchen à la carte. Die Begleiterin wünscht Läberli, nicht die sauren, die sie nicht mag, sondern mit Madeira-Sauce, dazu Rösti und Salat (Fr. 29.–). Der Testesser bestellt Suure Mocke (klein) mit Salat (Fr. 25.–). Es kommt kein mickriges Menü-Salätli, sondern ein reich bestückter Teller mit Ei, Champignons und Bratspeck-Stückchen. Auch die Begleiterin findet ihren Salat überdurchschnittlich gut. Sogar mit dem Epesses (Fr. 4.20) kann sie sich anfreunden, denn im Löwen hält man beim offenen Weisswein das herkömmliche Schweizer Sortiment bereit – und nicht Chardonnay aus Chile oder Sauvignon blanc aus Südafrika.

Zum Hauptgang trinkt der Testesser Rioja (Fr. 6.–/dl), dem die Werbeaffiche einen «klar definierten Fruchtausdruck von Brombeeren und schwarzer Johannisbeere» attestiert. Wie auch immer: Es ist ein kräftiger, voller Wein, der zum Suure Mocke passt. Dieser lässt sich mit der Gabel zerteilen, weil er lange eingelegt und gekocht worden ist. Der Kartoffelstock ist luftig und fein. Die Bohnen sind in Specktranchen gewickelt. Beide Esser mögen ihr Mahl: auswärts essen wie früher, gut, genug und mit Liebe zum Detail angerichtet. Die Portionen waren gut bemessen, von daher brauchten wir nicht unbedingt ein Dessert, verlangen aber dennoch die Karte.

Diese enthält ebenfalls Traditionelles, doch im Gegensatz zu anderen Beizen wurden hier nicht die Glace-Konzern-«Helgeli» hineingeklebt, sondern selbst gemachte Fotos der Süssspeisen, die oft mit fein geschnittenen Apfelschnitzen serviert werden. Zudem werden die Desserts auf den Fotos mit Blumen umrahmt – herzig. Parfait mit Eierlikör (klein Fr. 7.50) ist nicht das Ding der Begleiterin, aber der Testesser bestellt es gerne für sich. Sie wählt die kleine Meringue mit Rahm (Fr. 7.–), denn auch beim Dessert wollen wir die bernische Tradition auskosten. Die Begleiterin bereut es nicht. Der Testesser ist angenehm überrascht über die Leichtigkeit des Desserts, das dezent nach Eierlikör schmeckt und keineswegs mastig ist, sondern luftig. Zum Kaffee gibt es ungefragt noch ein Stückchen wunderbar feuchten Haselnuss-Schokoladekuchen. Wir warten auf die Serviererinnen, die beschäftigt sind. Deshalb sieht man nur die Rücken ihrer Blusen mit den ulkig gezeichneten Werbehinweisen. Dann können wir zahlen. Die paar Kilometer nach Wichtrach haben sich gelohnt. Schön, dass es das noch gibt, denn Gasthöfe, hört man stets, hätten es heute nicht leicht. (Der Bund)

Erstellt: 04.02.2017, 09:14 Uhr

Die Rechnung, bitte

Karte: Bernisches und Schweizerisches, traditionell, solid und gut gekocht.

Preise: Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Kundschaft: Viele Einheimische, deren Wünsche die Serviererinnen bestens kennen.

Öffnungszeiten: So/Mo/Di 9–23.30 Uhr, Mi Ruhetag, Do 17–23.30 Uhr, Fr/Sa 9–0.30 Uhr.

Adresse: Gasthof Löwen, Martin Büttiker, Dorfplatz 12, 3114 Wichtrach; 031 781 02 20;

Internet: www.loewen-wichtrach.ch;

E-Mail: m.buettiker@loewen-wichtrach.ch

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