Die fast freisinnige Kulturförderin im Grossen Rat

Die neugewählte Stadtberner Grossrätin Nicola von Greyerz (SP) über den Wahlsonntag, Kulturgeld und die Bernburger.

Nicola von Greyerz: «Bern profitiert von der Burgergemeinde.»

Nicola von Greyerz: «Bern profitiert von der Burgergemeinde.»

(Bild: Thomas Reufer)

«Es war wie ein Schock», sagt die frisch gewählte Grossrätin Nicola von Greyerz. «Ich stand am Sonntag auf dem Rathausplatz und dachte, ich müsste noch viele Stunden zittern. Da klopfte mir jemand auf die Schultern und sagte, ich sei gewählt.» Die Partei habe weder Wunden lecken müssen noch richtig feiern können. «So war ich um neun bereits weg vom Zirkus», sagt sie. Sie ist Stadträtin von Bern und sieht in ihrem Amt einen der Gründe für das gute Wahlresultat. Sie habe auch der Frauenliste viel zu verdanken.

Kunst ist Gesellschaftsforschung

Beruflich ist sie für PR und Kommunikation an der Universität Bern angestellt. «Twittern tue ich aber nur privat.» Stattdessen organisiert sie Anlässe, wie die Forschungsnacht von kommendem September oder den sogenannten Science Slam, an dem Vortragende versuchen, ein Forschungsgebiet auf möglichst unterhaltsame Weise vorzustellen. «Nebenbei», wie sie sagt, ist sie Präsidentin des Vereins Dampfzentrale. So ist es auch die Kunst, die Kultur, die sie am meisten zu beschäftigen scheint.

«Ich will nicht, dass an der Kultur gespart wird», sagt sie. «Kunst und Kultur ist Gesellschaftsforschung. Und genau wie es Forschungsgelder braucht, braucht es auch Kulturförderung. Wenn man Nischenkultur nicht fördert, haben wir bald einen Einheitsbrei – und das kann nicht das Ziel sein.»

Im Grossen Rat sieht sie es als grosse Aufgabe an, den Stadt-Land-Graben zu überwinden. Gleichzeitig will sie die Stadtregion Bern als «Wirtschaftsmotor» fördern. Ob das nicht widersprüchlich ist? «Nicht unbedingt», sagt sie. «Im Emmental müsste man einsehen, dass die Postautolinie nicht eingestellt wird, wenn man in der Stadt Bern einen schnelleren ÖV-Takt fährt.»

Es sei das Gegenteil der Fall. Dass eben oft die Stadt Bern das Geld verdiene, mit dem schliesslich die Buslinie bezahlt werde. «Viel mehr müssen die Stärken der einzelnen Regionen gefördert werden. Wie zum Beispiel das Gewerbe der Feinmechanik im Jura.»

Eine Burgerin in der SP

Gewisse freisinnige Züge sind unverkennbar. Sie sieht sich selbst als wirtschaftsfreundlich und nervt sich zuweilen ab den «Denkverboten», die im links-grünen Lager vorherrschen würden. Sie sagt, «wir Linken wollen Geld ausgeben, für Bildung, für soziale Ausgaben und eben für Kultur, was alles wichtig ist. Aber irgendwoher muss das Geld kommen.» Es störe sie darum konkret, wenn in der Lorraine am Centralweg der Bau von dringend nötigen Wohnungen unter anderen von ihren Parteikollegen verhindert würde. Ob denn der Quartiercharakter nicht darunter leide? «Es sind zwölf Wohnungen. Das ist nicht die Welt.»

Nicola von Greyerz ist, wie der Name erahnen lässt, Burgerin. Sie konnte das nicht entscheiden, sie sei da reingeboren worden, sagt sie. Und doch würde sie sich gerne aktiver in der Burgergemeinde einsetzen. Sie findet, die Stadt profitiere stark von den Geldern, die von der Burgergemeinde gesprochen würden. «Gerade von den Juso», sagt sie, «kommt oft die Forderung, die Burgergemeinden aufzulösen. Ich glaube aber, das wäre ein sehr grosser Fehler.»

Politisiert wurde von Greyerz durch Tschernobyl und die Wagensiedlung Zaffaraya. Aktiv wurde sie im Gymnasium, als sie einen Frauenstreik organisierte. «Politik», sagt sie, «heisst für mich mitmachen, statt verärgert zuzuschauen. Deshalb habe ich mich auch als Grossrätin aufstellen lassen.»

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