Die Dienerin der Sache

SP-Nationalrätin Evi Allemann hat gute Karten, in die Berner Kantonsregierung gewählt zu werden. Doch ist sie für die Exekutive geschaffen?

Ein Bauprojekt nach ihren Vorstellungen: SP-Nationalrätin Evi Allemann hat sich für den Fototermin für die Siedlung Stöckacker-Süd entschieden. Bild: Franziska Rothenbühler

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Der Satz kommt so überraschend wie ungefragt. «Es ist nicht so, dass ich wegen meiner dichten Agenda und nebst Familie keine Freunde hätte.» Evi Allemann sagt das, als wolle sie etwas Wichtiges klarstellen, an dem oft gezweifelt wird. Dabei hinterlässt die SP-Nationalrätin und Vollzeitpolitikerin einen ersten Eindruck, der keine Gründe erahnen lässt, ihr die Freundschaft zu verweigern.

Mit einem Caffè Macchiato vor sich sitzt sie in einer Trattoria im Stadtberner Holligenquartier und spricht so, wie es Menschen tun, die es gewohnt sind, vor Publikum zu sprechen. Ihre Antworten sind ausschweifend, entfernen sich immer weiter von der Frage, kommen aber schlussendlich immer wieder auf sie zurück. So brettert Allemann mit abgeklärter Virtuosität durch verschiedene politische Aspekte, hangelt sich mühelos von Thema zu Thema, während die Frage offen bleibt, wo in einem Leben, dass sich derart der Politik verschrieben hat, noch Platz für Freunde bleiben soll.

Im Sommer wird Allemann 40 Jahre alt. Über die Hälfte ihres Lebens ist sie bereits in Parlamenten vertreten. Es ist ein Umstand, der in diesem Alter eher selten eintrifft. Wer ist diese Frau eigentlich und wieso kandidiert sie nun für den Regierungsrat?

Die liberale Linke

Die Gespräche der italienischen Rentner am Nebentisch sind laut – so laut, dass sie Allemanns Stimme fast überdecken. Sie ist eher ein Mensch der leisen Töne. «Ich will nicht die Schrillste sein», sagt sie. «Ich sage nur dann etwas, wenn ich wirklich etwas zu sagen habe.» So klingt es, wenn Allemann über sich selber spricht. Etwas Demut gemischt mit Tiefstapelei, die sie niemals eingestehen würde. Ihr Charakter ist aber nicht nur durch Zurückhaltung geprägt, sondern auch durch das unbändige Verlangen nach Veränderung. Mit 19 Jahren wurde sie als jüngste Kantonsparlamentarierin der Schweiz in den Grossen Rat gewählt. In diesem begann sich ihr politischer Stil zu entwickeln, der sich als gewissenhaft, pragmatisch und kompromissbereit umschreiben lässt. «Ich merkte, dass radikale Forderungen relativ wenig bewegen.» Das bekam sie am eigenen Leib zu spüren, als sie 1999 ihr Postulat zur Abschaffung von Schulnoten beerdigen musste.

2003 wechselte Allemann in den Nationalrat. Lange war sie als Sicherheitspolitikerin ein Dorn im Auge eines jeden Armeefreundes. Heute ist sie vor allem als gewiefte Verkehrspolitikerin bekannt. Dies nicht nur im Nationalrat, sondern auch als Präsidentin des Verkehrs-Club der Schweiz. Dieser will den Verkehr so effizient und umweltschonend wie nur möglich gestalten. Allemanns Politik steht zwar auf ökologischen und sozialen Grundpfeilern, dennoch politisiert sie am rechten Rand der SP. 2016 schloss sie sich dem «reformorientierten» Parteiflügel an, der mehr auf Pragmatismus als auf Klassenkampf setzt. Solche Annäherungen zur Mitte können Allemann gerade im Wahlkampf als Versuch auf Stimmenfang im bürgerlichen Lager ausgelegt werden. Sie widerspricht. «In gewissen Fragen war ich schon immer liberaler als viele Parteikollegen.» So sprach sie sich beispielsweise 2004 für längere Landenöffnungszeiten an Bahnhöfen aus, wofür sie als Rednerin an der 1.-Mai-Rede in Thun ausgeladen wurde.

Ist Allemann denn überhaupt genug links, um die SP in einem voraussichtlich bürgerlich geprägten Regierungsrat zu vertreten? Nationalratskollege und Gewerkschafter Corrado Pardini hat daran keine Zweifel. «Wenn es um den Schutz von Arbeitnehmern und Schwächeren geht, sind wir uns immer einig.» Ihre Rolle sei innerhalb der SP nicht umstritten.

Unter Beweiszwang

Es sind 15 Jahre vergangen, seit Allemann auf kantonaler Ebene aktiv war. Eigentlich keine gute Voraussetzung, um für die Kantonsregierung zu kandidieren. Sie gesteht ein: «Ich bin keine Allrounderin in den kantonalen Themen. Ich müsste einiges auffrischen.» Jedoch beginne sie nicht bei null. «Es ist nicht so, dass ich die Kantonsseiten in den Zeitungen überblättere.» Zudem sei sie als Präsidentin des kantonalen Mieterverbands gut informiert, was Wohnpolitik betrifft. Auch wenn sie im kantonalen Geschehen Nachholbedarf hat, bringt sie einiges an den Tisch, das ihre Wahlchancen steigert. Sie verfügt über ein nationales Netzwerk, das gerade im Regierungsrat sehr wertvoll sein kann, und hat jahrzehntelange Erfahrung. Diese beschränkt sich aber wiederum nur auf die Legislative. In einer Exekutive hat sich Allemann noch nie unter Beweis gestellt. Mit ihrer eher zurückhaltenden Art kommen Zweifel auf, ob sie die Leaderrolle der abtretenden Barbara Egger füllen könnte.

«In gewissen Fragen war ich schon immer liberaler als die Kollegen.»Evi Allemann

GLP-Chef Jürg Grossen sitzt mit ihr in der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen. Er sagt: «Sie kann fordernd sein, wenn ihr eine Sache wichtig ist.» Gleichzeitig sei sie aber auch zu Kompromissen bereit und rücke von ihren Idealen ab. Jedoch müsse sie sich gerade als SP-Politikerin zuerst beweisen. «Die Partei fährt oft auf Oppositionskurs und stellt Anforderungen.» Dem treu zu bleiben, werde in der Exekutive schwierig. Manfred Bühler (SVP) ist Vizepräsident der Kommission und «schätzt» Allemann als politische Gegnerin. «Bei ihr weiss ich, woran ich bin.»

Ohne Plan B

Allemann sitzt schon so lange im Nationalrat, dass sie nächstes Jahr der SP-internen Amtszeitbeschränkung zum Opfer fällt. Ein Platz in der Regierung bleibt also eine der raren Möglichkeiten auf politischen Einfluss. Bedeutet für sie ihre Kandidatur die letzte Hoffnung auf Relevanz? «Mein Politikverständnis geht über Mandate hinaus», entgegnet sie. Einen Plan B hat Allemann bei einer Nichtwahl allerdings keinen. «Ich würde mich beruflich neu orientieren, hätte mehr Zeit für meine Kinder und andere Sachen.» Zum Beispiel, um etwas mit ihren Freunden zu unternehmen. (Der Bund)

Erstellt: 22.02.2018, 07:50 Uhr

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Foto: Stöckacker-Süd

Evi Allemann hat für den Ort des «Bund»-Fototermins die Berner Siedlung Stöckacker-Süd gewählt. Das passe zu ihrem Engagement als Mieterverbandspräsidentin des Kantons Bern. «Es ist eine Siedlung, in der vieles zusammenkommt, für das ich mich in meiner politischen Arbeit einsetze», sagt sie. Dazu zählt sie zum Beispiel den attraktiven Wohnraum, die gute Durchmischung oder die hohe Anforderungen an die Umweltverträglichkeit.

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