Die BKW und die Kohle aus Kolumbien

Kohle aus Kolumbien wird auch in einem BKW-Werk verfeuert. Für Samuel Arregocés bedeutete die Kohle das Ende seines Dorfes.

Das Kohlekraftwerk Wilhelmshaven wird auch mit Kohle aus Kolumbien befeuert.

Das Kohlekraftwerk Wilhelmshaven wird auch mit Kohle aus Kolumbien befeuert. Bild: Dominik Balmer

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Es ist eine Geschichte von zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und trotzdem miteinander verknüpft sind. Samuel Arregocés ist Sprecher der kleinen Gemeinschaft Tabaco in Kolumbien. Er weilt momentan auf Einladung der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien in Bern.

Die andere Welt ist die Geschäftswelt des bernischen Stromversorgers BKW. Der Strang, der sie verbindet, ist die Kohle, die in Kolumbien abgebaut und auch im Steinkohlekraftwerk Wilhelmshaven in Norddeutschland verfeuert wird. Die BKW ist zu einem Drittel an diesem Kohlekraftwerk beteiligt.

Die rund tausend Menschen der afrokolumbianischen Gemeinschaft Tabaco sind Nachfahren von Sklaven, die in Kolumbien aus den Plantagen in entlegene Gebiete fliehen konnten. Seit mindestens zweihundert Jahren betrieb die schwarze Dorfgemeinschaft in Tabaco Landwirtschaft, vor allem Viehwirtschaft – bis 2001 die Bagger kamen.

Langwierige Landkonflikte

Die Gemeinschaft wurde zugunsten der Ausweitung der Mine El Cerrejón zwangsenteignet, die kolumbianischen Ordnungskräfte vertrieben sie gewaltsam von ihrem Land. Seither streitet sich die Gemeinschaft mit der Minenfirma und den Behörden um die Ersatzsiedlung und die Entschädigungen. Land wurde offeriert, ebenso wurden finanzielle Entschädigungen ausgerichtet.

Doch die Fläche des Ersatzlandes reiche bei weitem nicht aus, um die vertriebenen Familien zu ernähren, sagt Arregocés. Unklar sei auch, wer ihnen neue Häuser baue. «Unsere Gemeinschaft lebt seit siebzehn Jahren zerstreut in der ganzen Provinz und teilweise auch in den Nachbarländern», sagt er, «unsere Kultur wurde zerstört.» Ein Teil der Gemeinschaft hat nun als Protestaktion das Ersatzgrundstück besetzt, ein Gerichtsverfahren ist weiterhin hängig.

«Unsere Gemeinschaft lebt seit siebzehn Jahren weit zerstreut, unsere Kultur wurde zerstört.» Samuel Arregocés, Sprecher der afrokolumbianischen Gemeinschaft Tabaco

Die BKW hat sich 2008 am Kohlekraftwerk in Wilhelmshaven beteiligt. Es ist bisher ein Verlustgeschäft und eigentlich eine Altlast aus jener Zeit, als die BKW auch ein neues AKW in Mühleberg bauen wollte.

Woher aktuell die Kohle stammt, die in Wilhelmshaven verfeuert wird – dazu hat die BKW «keine detaillierten Informationen», wie sie auf Anfrage mitteilt. Sie verweist an den französischen Konzern Engie, der als Mehrheitsaktionär für die Kohlebeschaffung zuständig sei.

Engie bittet um Verständnis dafür, «dass Daten zu einzelnen Lieferanten wirtschaftlich sensibel» seien. Bestätigt wird aber, dass die wichtigsten Lieferländer «einschliesslich Südafrika, USA, Kolumbien und Russland» berücksichtigt würden.

Rund um die Kohlemine El Cerrejón, die zu einem Drittel dem Schweizer Rohstoffkonzern Glencore gehört, spielen sich zähe juristische und politische Konflikte ab, die aus der Ferne kaum nachvollziehbar sind. Auf schwer durchschaubare Weise sind sie auch verknüpft mit Gewalt. Arregocés lebt seit Monaten nicht mehr im Gebiet und besucht es nur noch kurz und in Begleitung. Zuvor hatte er anonyme Telefonanrufe erhalten. «Halte dich vom Feuer weg, sonst wirst du dich verbrennen», drohte man ihm.

In Kolumbien kommen Morde an Aktivisten und Gewerkschaftern oft vor. «Es gibt eine Häufung von Drohungen in der Umgebung von existierenden und geplanten Minen», sagt Jenny Paola Ortiz von der Menschenrechtsorganisation Cinep, die gemeinsam mit Arregocés in Bern auftritt. Eine Involvierung der Minenbetreiberin lasse sich allerdings nicht nachweisen. Die Drohungen könnten auch von lokalen Akteuren stammen, die vom Minengeschäft profitieren.

Das Unwissen über die Urheber macht die Drohungen nicht weniger gefährlich. Anfang Oktober streute eine Organisation namens Schwarze Adler Flugblätter mit den Logos von indigenen Organisationen, die sich gegen den Kohleabbau engagieren. «Tod all diesen Banditen» stand darunter. Laut Ortiz sind die Schwarzen Adler bisher unbekannt. «Wir vermuten, dass der Armeegeheimdienst dahintersteckt.» Für eine Beteiligung der Armee spricht, dass die Flugblätter entlang der streng bewachten Bahn verteilt wurden, mit der die Kohle aus El Cerrejón an den Hafen transportiert wird.

«Bessere Kohle»

Die BKW betont, es sei ihr «sehr wichtig», dass die Kohle für Wilhelmshaven ohne Schäden für die lokale Bevölkerung und ohne Menschenrechtsverletzungen abgebaut werde. Sie fordere gestützt auf ihren eigens verfassten Kodex für Lieferanten von diesen «die Einhaltung von Gesetzen sowie die Wahrung der Menschenrechte».

Was bedeutet dies für die Kohle für das Kraftwerk Wilhelmshaven? Das Thema ist nicht neu. Schon 2010 erkundigte sich die SP im Grossen Rat, ob die BKW wegen absehbarer kolumbianischer Kohlelieferungen für das damals erst geplante Werk eine Mitverantwortung für Menschenrechtsverletzungen tragen werde. Der Regierungsrat erklärte, dass zwar nicht die BKW, sondern der Mehrheitsaktionär von Wilhelmshaven zuständig sei. «Die BKW hat jedoch das wichtige Thema aufgenommen», sie werde von diesem verlangen, dass er seinen eigenen Verhaltenskodex bei der Beschaffung der Kohle einhalte.

«Was diese Intervention bei Engie direkt bewirkt hat, entzieht sich unserer Kenntnis», teilt die BKW nun auf Anfrage mit und fügt an: «In unserer Wahrnehmung kommt Engie ihrer Verantwortung diesbezüglich nach.» Die BKW verweist darauf, dass Mehrheitsaktionär Engie bei der Industrieinitiative «Bessere Kohle» mitmacht. In diesem Rahmen hat Engie 2017 «eine zunehmend proaktive Haltung unter den Kohleproduzenten Kolumbiens festgestellt, die Anspruchsgruppen über Themen zu informieren, die Menschenrechte betreffen».

Arregocés genügt dies nicht. «Es geht nicht an, dass sie sich auf unserem Rücken billige Energie beschaffen», sagt er zu den Kohlekäufern. Zumindest sei es ihre Pflicht, «sich dafür einzusetzen, dass die Minenbetreiber ihre sozialen und ökologischen Altlasten bereinigen».

(Der Bund)

Erstellt: 23.10.2018, 07:10 Uhr

Das Kohlegeschäft und die Konzernverantwortungs-Initiative

Samuel Arregocés und Jenny Paola Ortiz sind auf Einladung der Arbeitsgruppe Schweiz-
Kolumbien in der Schweiz, die mit der Vortragstournee für die Konzernverantwortungs-Initiative wirbt. Im Vordergrund steht jedoch nicht der bernische Stromkonzern BKW.

Direkter als die BKW ist der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore in den Kohleabbau involviert. Die umstrittene Mine El Cerrejón gehört ihm zu einem Drittel. Würde die Volksinitiative angenommen, stünde Glencore in der Pflicht, beim Kohleabbau für die Einhaltung der Menschenrechte und internationaler Umweltstandards zu sorgen. Die Verpflichtung gilt, wenn eine Schweizer Firma ausländische Firmen kontrolliert. Ob auch die BKW als Minderheitsaktionärin des Kohlekraftwerks Wilhelmshaven zu Massnahmen verpflichtet wäre, ist laut Initiativtext dagegen fraglich.

Samuel Arregocés und Jenny Paola Ortiz treten heute an
der Uni Bern auf (Hauptgebäude, Raum 120). Beginn: 19.15 Uhr.


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