«Die Anerkennung als Roma gäbe mir mehr Sicherheit»

Die 29-jährige Amela A. ist Schweizerin und Bosnierin. Und Roma. Diese Identität beschäftigt die Bernerin in letzter Zeit besonders stark.

Noch hütet Amela A. ihre Roma-Identität – aus Vorsicht.

Noch hütet Amela A. ihre Roma-Identität – aus Vorsicht.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Markus Dütschler

Manche halten sie für eine Griechin oder Spanierin. Wenn sie jemand nach ihrer Herkunft fragt und vernimmt, dass sie aus Bosnien stammt – macht es bei einigen Klick. «In solchen Momenten fühle ich mich unwohl», sagt die 1988 im damaligen Jugoslawien geborene Frau.

Die Identität, die für andere Menschen so klar und unverrückbar erscheint, ist für Amela A. eine komplizierte Sache. Der Vielvölkerstaat Jugoslawien zerbrach in einem furchtbaren Krieg. Der Gliedstaat Bosnien war selbst ein kleines Jugoslawien: Kroaten, Serben und Bosniaken gab es dort, auch Juden – und Roma. Die Roma hätten nicht wirklich zur Gesellschaft gehört, sagt Amela, in deren frühester Kindheit der Krieg ausbrach.

Oft hätten Roma Zurückweisung erfahren. So sei ihr Onkel ein sehr guter Schüler gewesen. Doch statt ihn zu bestärken und zu fördern, hätten die Lehrer gesagt: «Aus dir wird nichts, du wirst eine Zigeunerin heiraten, viele Kinder haben und betteln.» Wenn man nicht geliebt oder wenigstens akzeptiert werde, ziehe man sich zurück. Zuweilen übt auch die eigene Gemeinschaft Druck aus, damit die Kinder nicht gesellschaftlich aufsteigen und sich von ihrer Herkunft entfremden.

Wie war das bei ihr? «Diesen Druck gab es bei uns nicht», sagt Amela. «Doch wir gehörten in Bosnien einfach nirgends dazu.» Das Gefühl der fehlenden Zugehörigkeit hat Amela in die Schweiz begleitet – bis heute, auch wenn sie hier bestens integriert ist. «Ich habe früh gelernt, dass das Leben einfacher ist, wenn ich mich nicht als Roma zu erkennen gebe.» Doch damit habe sie auch einen wichtigen Teil ihrer Kultur verdrängt. «Ich möchte herausfinden, wer ich bin.» Deshalb hat sie wieder damit begonnen, sich mit der Roma-Kultur zu beschäftigen. Und darum besucht sie den Aktionstag.

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Die junge Frau hat Erinnerungen an den Krieg in Bosnien, an die häufigen Ortswechsel und die Unsicherheit. Auch an das Hungergefühl, weil ein Stück Brot auf der Flucht oft für den ganzen Tag reichen musste. Noch heute packt sie automatisch einen Proviant in ihre Tasche, etwas Knäckebrot und eine Flasche Wasser, auch wenn sie nur in ihrem Berner Vorort spazieren geht. Die Familie floh mit ihr 1994 in die Schweiz.

Vorläufig Aufgenommen, Kategorie F: So lautete ihr Status. «Die Angst war da, dass sie uns wegschicken könnten.» Auch darum habe sie darum gekämpft, das Schweizer Bürgerrecht zu erhalten: «Das gab mir endlich Sicherheit.» Sie sei hier aufgewachsen und habe die hiesigen Werte aufgenommen und verinnerlicht. «Ich würde mich in Bosnien nicht mehr zurechtfinden.» Ihr einstiges Heimatdorf hat sie einige wenige Male besucht. «Auf den ersten Blick schien alles zu sein wie früher.» Doch der einst unbefangene Umgang der Volksgruppen untereinander sei nicht mehr spürbar. «Man lebt nun weniger miteinander als nebeneinander.»

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Amela kam in der Primarschulzeit in die Schweiz. Das aufgeweckte Mädchen fühlte sich gut betreut, doch konnte sie den schulischen Rückstand nie ganz aufholen. Als die Berufswahl anstand, hätte sie zwar drei Lehrstellen haben können, doch durften sie die Lehrmeister wegen der Kategorie F nicht nehmen.

Inzwischen hat sie berufsbegleitend eine Handelsschule absolviert, arbeitete in der Pflege und möchte sich im Kaufmännischen weiterbilden. Mit welchen Aussichten? «Bei mir kommt zum ‹i?› etwas erschwerend hinzu», sagt sie und lacht. Nicht bitter, aber so wie jemand, der weiss, dass es gescheiter ist, über etwas zu lachen anstatt zu weinen. Ihr sei bewusst, dass bei vielen Schweizern das generelle Misstrauen gegenüber Migranten weiche, sobald diese Fleiss und Engagement bewiesen. «Ich hoffe sehr, dass auch mir jemand diese Chance bietet.»

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Doch noch ist sie zurückhaltend beim Preisgeben ihrer Identität, weshalb sie weder ihren vollen Namen noch ihr Gesicht in der Zeitung sehen will: «Oft geht bei den Leuten ‹der Laden herunter›, wenn sie Roma hören.» Es sei darum ihr Herzenswunsch, «dass die Roma in der Schweiz als Minderheit anerkannt werden».

Ihr gäbe dies die Sicherheit, zu ihrer Identität stehen zu können. Eines Tages, so hofft Amela, werde sie problemlos zu ihrer Herkunft stehen können. So wie der homosexuelle Berliner Ex-Bürgermeister könnte sie dann offen sagen: «Ich bin Roma, und das ist gut so.»

Der Bund

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