Die «absolut geeignete» Asylunterkunft, die niemand wollte

Der verbreitete Eindruck: Niemand bietet neue Unterkünfte für Asylsuchende an. Der grundsätzliche Einwand des Immobilienexperten: Das stimmt so überhaupt nicht.

Oberirdisch und verfügbar: Das Gebäude in Frauenkappelen.

Oberirdisch und verfügbar: Das Gebäude in Frauenkappelen. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Suche nach Liegenschaften, die sich als Unterkünfte für Asylsuchende eignen würden, sei sehr schwierig und sehr langwierig: Das ist der gängige Erklärungsansatz für den Umstand, dass sich heute viele Asylbewerberunterkünfte im Kanton Bern unter Tag befinden («Bund» von gestern). Dieser Grund­tenor schlägt auch bei der Erörterung der Frage durch, warum gestern zwar eine solche unterirdische Anlage geschlossen wurde, just heute aber in Bern-Riedbach eine vergleichbare eröffnet wird.

Das Beispiel Bern-Riedbach ruft jetzt den Berner Immobilientreuhänder Paul Schüpbach von der P.S.I Immobilien AG auf den Plan. Er widerspricht der verbreiteten Haltung. Schüpbach, der für eine sehr viele Liegenschaften besitzende Familie arbeitet, zeichnet ein anderes Bild: Selbst «absolut geeignete Liegenschaften» würden von Behördenseite ausgeschlagen. Die gängigen Argumente muteten ihn deshalb «sehr eigenartig» an.

Als Grundlage für seine Gegenposition zieht er eine konkrete Offerte heran: Schüpbach hat den Behörden eine an der Murtenstrasse 116 in Frauen­kappelen gelegene Liegenschaft angeboten. Praktisch alle in die Abklärungen involvierten Fachleute hätten die Eignung der Liegenschaft als Durchgangszentrum bestätigt. Sie sei sogar «absolut geeignet»: Das nur zwei Kilometer vom neuen, kritisierten Standort Bern-Riedbach entfernt liegende Gebäude böte mindestens 200 bis 300 Leuten ein Dach über dem Kopf, liege am Ortsrand, biete Tageslicht. Schüpbach: «Wer hier wohnt, stört niemanden.» Überdies sei die Eigentümerfamilie willens, auf eigene Kosten die nötigen Umbauten vorzunehmen und etwa zusätzliche Duschen einzurichten. Zeithorizont für den baulichen Eingriff: vier Wochen.

Dreimal ein «wir bedauern»

Vor exakt zwei Wochen beschied die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern aber, man verzichte auf das Gebäude, sei aber «laufend interessiert an weiteren möglichen Immobilien». Zuvor sagte bereits das Staatssekretariat für Migration ab, obwohl – Zitat – «die Räumlichkeiten (...) die Einrichtung eines Asylzentrums ermöglichen würden». Noch eine Runde früher, im Herbst 2015, liess der Migrationsdienst des Kantons Bern Schüpbach wissen, man lege den «Fokus auf rasch realisierbare Projekte», sage also ab, und bedaure, «keinen besseren Bescheid geben zu können». Was Schüpbach ­irritiert, ist der Kontrast zu den positiven Feedbacks. Die Heilsarmee Flüchtlingshilfe sei vom Objekt sehr angetan gewesen. Der Brandschutzexperte habe bestätigt, feuerpolizeilich sei «alles auf dem neusten Stand». Die beigezogenen und in Asylfragen kundigen Architekten hätten bestätigt, es sei ein Leichtes, die Liegenschaft zu einem Durchgangszentrum umzugestalten. Nicht die Offerten fehlten, sagt Schüpbach, «sondern der Wille, sie anzunehmen».

Ein Schluss lässt sich aus der gesammelten Korrespondenz ziehen: Letztlich kollidierte die Idee der Asylbewerberunterkunft mit den Entwicklungsperspektiven der Gemeinde Frauenkappelen. In der Nähe der offerierten Liegenschaft sollen nämlich Neubauten mit Wohnungen entstehen. Die Gemeindebehörde befürchtet, die ­Asylunterkunft brüskiere den Investor der Wohnbausiedlung. Sie unterstützt darum die Asylunterkunft nicht. Ein in die Abklärungen involvierter Kantonsvertreter zog das Fazit: «Der Kanton Bern muss hier politisch agieren.» Will heissen: Er musste Schüpbach eine Absage erteilen. (Der Bund)

Erstellt: 01.06.2016, 07:56 Uhr

Artikel zum Thema

Kein Ort zum Wohnen

Das Areal des Coop-Verteilzentrums Bern-Riedbach ist unwirtlich. Quartiervertreter kritisieren deshalb den Standort. Hans-Jürg Käser verteidigt das Vorgehen, er bereite sich auf Notlagen vor. Mehr...

Notunterkunft Riedbach: Für Teuscher ein «Affront»

Der Kanton eröffnet eine unterirdische Asylunterkunft im Riedbach. Die Stadtregierung kritisiert die Standortwahl scharf. Mehr...

Das Hochfeld geht zu, doch die Flüchtlinge bleiben unter Tag

Der Kanton Bern eröffnet im Coop-Verteilzentrum Bern-Riedbach eine neue unterirdische Notunterkunft. Mehr...

Dossiers

Paid Post

Erfolgreich anlegen

ETF-basierte Anlagen sind im Trend, Online-Angebote auch. Durch die Kombination von beidem wird eine kostengünstige Anlagelösung angeboten.

Kommentare

Paid Post

Erfolgreich anlegen

ETF-basierte Anlagen sind im Trend, Online-Angebote auch. Durch die Kombination von beidem wird eine kostengünstige Anlagelösung angeboten.

Die Welt in Bildern

Schlacht mit weichen Waffen: Die Studenten der St.-Andrews-Universität sprühen sich am traditionellen «Raisin Weekend» voll mit Schaum. (23. Oktober 2017)
(Bild: Russell Cheyne) Mehr...