Der zuversichtliche Abwracker

Stefan Klute leitet für die BKW den Abriss des Atomkraftwerks Mühleberg. Für den Rheinländer ist es «das spannendste Projekt der Schweizer Nuklearbranche».

Die erste AKW-Stilllegung in der Schweiz sei «eine abwechslungsreiche Aufgabe», sagt der Projektleiter der BKW, Stefan Klute.

Die erste AKW-Stilllegung in der Schweiz sei «eine abwechslungsreiche Aufgabe», sagt der Projektleiter der BKW, Stefan Klute. Bild: Adrian Moser

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Ein Atomkraftwerk zurückbauen. Das heisst unter anderem: nach dem Abschalten noch fünf Jahre lang Brennstäbe kühlen, stark radioaktive Reaktoreinbauten zerlegen, mehrere Tausend Tonnen verstrahlten Beton, Stahl und Kabel in Handarbeit dekontaminieren.

Und dies zu wesentlichen Teilen mit der Betriebsmannschaft, die ihren Arbeitsplatz demontieren wird. Was den meisten Leuten wohl als eine Strafaufgabe sondergleichen erschiene, ist für Stefan Klute dagegen vor allem eines: spannend.

Der 46-jährige Rheinländer mit dem hellwachen Blick bezeichnet sich als «durchgetaktet» und «fokussiert». Er entspricht dennoch nicht dem Klischee des zackigen deutschen Experten. Als Gesprächspartner wirkt er interessiert, freundlich und verbindlich. Seit vier Jahren ist Klute der Gesamtprojektleiter Stilllegung Kernkraftwerk Mühleberg bei der BKW.

AKW-Abriss als Puzzleim Grossformat

Die Stilllegung ist für ihn «das spannendste Projekt in der Schweizer Nuklearbranche», zunächst weil es die erste in der Schweiz ist – und damit auch für den Rückbau der anderen vier schweizerischen AKW die Weichen stellt. Klute hat sein Berufsleben in der Nuklearbranche verbracht, vor der BKW hauptsächlich bei der deutschen Firma Siempelkamp Nukleartechnik GmbH (SNT). Für die SNT war er an etlichen AKW-Rückbauten beteiligt, darunter auch an der Demontage der deutschen Prototypen für einen Schnellen Brüter und eine Wiederaufarbeitungsanlage – Reaktortypen, die als riskanter gelten als herkömmliche AKW.

«Puzzle» ist ein weiterer Begriff, den Klute im Gespräch häufig verwendet. Einerseits beschreibt er damit die Aufgabe, das AKW nach der Abschaltung 2019 in der richtigen Reihenfolge zu demontieren. Andererseits geht es darum, die bisherigen weltweiten Erfahrungen mit dem Abriss von AKW für Mühleberg passend zusammenzustellen, um sie zu nutzen.

Neue Jobprofile für die Betriebsmannschaft

So steht bereits fest, dass die grossen Reaktoreinbauten von einem «Konsortium deutscher Firmen» mit ferngesteuerten Maschinen unter Wasser zerlegt werden, die auf diese Aufgabe spezialisiert sind und sie weltweit erledigen. Ebenso werden einige der Firmen, die jeweils – wie gerade jetzt – an der jährlichen AKW-Revision arbeiten, wegen ihrer Kenntnis der Anlage auch beim Rückbau zum Zug kommen. Die Schlüsselrolle soll aber die Betriebsmannschaft übernehmen, die das Kraftwerk kennt.

Für jeden der rund 350 AKW-Mitarbeiter hat die BKW ein Arbeitsprofil für die Zeit nach der Abschaltung ausgearbeitet. Bis auf zwei hätten alle die künftige neue Stelle akzeptiert, heisst es bei der BKW. «Es stellt sich sogar eine gewisse Aufbruchstimmung ein, je näher der Abschalttermin vom 20. Dezember 2019 rückt», sagt Klute.

Sogar einzelne Mitarbeiter, die nicht weit von der Pensionierung entfernt sind, seien ob der neuen Aufgaben «wirklich aufgeblüht». Ob das bisherige Personal tatsächlich praktisch vollzählig für den Rückbau bleiben wird, wird sich zeigen. Sicher ist: Anders als sonst bei Betriebseinstellungen wird die Arbeit in Mühleberg noch lange nicht ausgehen.

«Dass man es beim Rückbau mit einer Anlage zu tun hat, die sich ständig verändert, macht die Aufgabe spannend und abwechslungsreich», sagt Klute. Er strahlt eine freundliche Zuversicht und, ja, Begeisterung aus, wenn er über den Rückbau von Mühleberg spricht.

Auch der langjährige Mühleberg-Kritiker Jürg Joss lobt, dass das Team der BKW an Informationsanlässen, die auch speziell für AKW-Gegner stattfanden, offen über das Stilllegungsprojekt informiert habe. Die Zuversicht, dass alles gar kein Problem sei, hat bei Joss «aber doch ein seltsames Gefühl im Bauch» hinterlassen. «Immerhin wird da ein AKW demontiert, da muss man mit Überraschungen rechnen.»

Die Krux liegt oft in den Details

Klar könne man nicht auf alles vorbereitet sein, räumt Stefan Klute ein. Er selber hat schon öffentlich gesagt, dass zum Beispiel ein Fehler bei der Berechnung der Lüftung zu einer Verzögerung von zwei bis drei Jahren führen könne. Warum gerade bei der Lüftung? Wenn man Betonmauern im Reaktor von Strahlung gesäubert habe, müsse man verhindern, dass via Lüftung neue radioaktive Partikel hineingelangten, erklärt Klute, die Ventilation müsse sorgfältig geplant sein. «Wenn Sie Ihren Wohnungsboden nass aufwischen, sollten Sie ja auch zuhinterst und nicht bei der Haustür anfangen.»

Für Klute ist die eigentliche Herausforderung nicht die Technik des Rückbaus, «die ist im Wesentlichen erprobt», sagt er. Es sei vielmehr das Verfahren, das neben der minutiösen Planung auch die rechtlichen und «kommunikativen» Aspekte umfasse. Diesbezüglich sieht er das Projekt auf gutem Weg. So sei es «verdammt cool», dass die Bundesbehörden mit der Stilllegungsverfügung den Zeitplan eingehalten hätten. Und das Unvorhergesehene? Das gehöre dazu, findet Klute. Teil einer sorgfältigen Planung sei auch, «dass man einen Plan B und C hat, falls A sich als nicht umsetzbar erweist». (Der Bund)

Erstellt: 04.09.2018, 06:42 Uhr

Rückbau dauert 15 Jahre

Am 20. Dezember 2019 wird das AKW Mühleberg definitiv abgeschaltet (sofern bis dahin die Sicherheitsauflagen der Atomaufsicht für den Restbetrieb erfüllt bleiben).

Bis 2024 müssen Brennstäbe im Lager innerhalb des AKW gekühlt werden. Parallel zu diesem «Nachbetrieb» wird die Demontage vorbereitet. So wird das Maschinenhaus ausserhalb des Reaktorgebäudes geräumt und zu einem Zentrum für die Reinigung von mittel- und schwach radioaktiven Materialien umgebaut.

Bis 2031 werden (nach dem Abtransport der letzten Brennstäbe 2024) alle radioaktiven Materialien entfernt. Teils werden sie gereinigt, teils müssen sie in Lagern ausserhalb des Geländes abklingen. Der radioaktive Rest gelangt wie die Brennstäbe ins Zwischenlager Würenlingen AG.

Bis 2034 sollen die nun nicht mehr radioaktiven Gebäude auf konventionellem Weg abgerissen werden. (st)

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