«Der Zusammenschluss war ein Fehler»

Da der Ertragswert von Kliniken sinkt, wird auch die Insel Gruppe noch weitere Sparmassnahmen vornehmen müssen, sagt Gesundheitsökonom Heinz Locher. Zudem leide der Konzern bis heute an den Folgen der Fusion mit Spital Netz Bern.

Die Frauenklinik des Berner Inselspitals (Archivbild).

Die Frauenklinik des Berner Inselspitals (Archivbild). Bild: Adrian Moser

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Herr Locher, worum geht es beim Stellenabbau in der Insel Gruppe?
Sämtliche Spitäler stehen zur Zeit unter einem grossen Druck. In diesem Sinne kommt der Stellenabbau nicht überraschend. Man muss aber aufpassen, dass man ein Spital nicht zu Tode spart. Wichtig ist, dass primär in patientenfernen Gebieten gespart wird - Einkauf, Lagerhaltung, Verwaltung, Hierarchiestufen, Stäbe. Spitäler haben heute einen viel zu grossen Überbau. Die Qualität eines Spitals hängt aber nicht vom Kader, sondern von einer genügenden Dotation in der Pflege ab. Wird bei der Pflege gespart, hat dies sofort Sicherheitsprobleme zur Folge. Es nützt nichts, die besten Professoren zu haben, wenn es nicht genügend Pflegepersonal gibt.

Die Insel Gruppe steht aber bereits heute schlecht da in Bezug auf die hohe Zahl der Wiedereintritte, wie eine neue Statistik zeigt. Gibt es da nicht ein Qualitätsproblem?
Eine hohe Zahl von Wiedereintritten muss nicht zwingend heissen, dass die Qualität der Behandlung schlecht ist. Es heisst primär, dass man die Ursachen dafür abklären muss. Es gibt im wesentlichen drei mögliche Gründe dafür: Fehler bei der Operation, bei der Austrittsplanung oder beim Follow up. Letzteres ist wohl die Hauptursache. Ein Spitalaufenthalt hört eben nicht mit dem Austritt auf. Wenn die Ursachen bei einer schlechten Nachbetreuung liegen, hat das nichts zu tun mit einem allfälligen Stellenabbau im stationären Bereich.

Die Patientenzahlen stagnieren und damit die Erträge. Wie müsste die Insel darauf reagieren?
Ein Spital ist primär ein Fixkostengeschäft. Bei sinkender Nachfrage kann das Personal nicht entsprechend abgebaut werden, da es ja trotzdem eine 24-Stunden-Bereitschaft braucht. Diese Kosten fallen auch an, wenn wenig Patienten kommen. Die Feinabstimmung ist sehr anspruchsvoll. Das ist eine Führungsaufgabe. In der Regel hat die Pflege das beste Gespür dafür, wo es zu viel und wo es zu wenig Personal hat. Die Pflege hat aber oft eine schlechte Stellung innerhalb der Spitalhierarchie.

Die Insel will nicht nur Personal abbauen, sondern auch Einkauf und Bewirtschaftung des Geräteparks optimieren. Das klingt bisher nach überraschend viel Ineffizienz?
In diesen Bereichen gibt es grosses Sparpotenzial bei allen Spitälern. Spitäler haben einst alles selber hergestellt anstatt einzukaufen. In den siebziger Jahren hat das Regionalspital Burgdorf noch eine eigene Metzgerei geführt und Würste selber hergestellt. Im Unterschied zu anderen Branchen ist der Anteil der selber hergestellten Produkte und Dienstleistungen auch heute immer noch sehr hoch. Das Gesundheitswesen hinkt hier anderen Branchen nach.

Ist der Abbau von 150 Stellen bloss der erste Schritt zu weiteren Sparmassnahmen?
Es geht vor allem um Umbaumassnahmen, die mit Abbau verbunden sein können. Das wird es noch mehr geben, weil der Ertragswert von Kliniken generell sinkt, wie auch die jüngsten Abschreibungen bei der Hirslanden Gruppe zeigen. Der Grundsatz “ambulant vor stationär” zum Beispiel hat auch zur Folge, dass die Erträge zusammenbrechen. Ambulante Behandlungen werden über Tarmed abgerechnet und nicht über den Spitalleistungstarif. Tarmed-Tarife wurden aber für Arztpraxen berechnet und nicht für Spitäler. Für Spitäler sind Tarmed-Tarife nicht kostendeckend. Zudem wurden die Tarife zig Jahre nicht aktualisiert. Das bedeutet, dass ambulante Behandlungen nicht mehr kostendeckend sind. Das gibt einen zusätzlichen Druck, vor allem für Uni-Spitäler wie die Insel Gruppe.

Welche inselspezifischen Gründe für den Abbau gibt es?
Rückblickend muss man sagen, dass der Zusammenschluss mit Spital Netz Bern ein Fehler war. Dadurch wurden grosse Managementkapazitäten gebunden und es gab viele Personalabgänge. Ich habe die Fusion einst als mögliche Lösung angesehen. Aber die Umsetzung war zu anspruchsvoll. Man muss die Lehren daraus ziehen. Heute würde man das nicht mehr machen.

Wegen des Ressourcenverschleisses?
Ja. Und wegen der Schliessung des Zieglerspitals zum Beispiel. Mit seiner Spezialisierung auf die Geriatrie war es eine der wichtigsten Säulen eines modernen Universitätsspitals in einer alternden Gesellschaft. Wenn dann zugleich behauptet wird, die Insel Gruppe wolle eines der weltweit führenden Spitäler sein, ist das nicht glaubwürdig.

Wird man in Zukunft auch auf Investitionen verzichten müssen, zum Beispiel auf ein neues Spital in Münsingen oder aufs Frauenspital?
Was Münsingen betrifft, ist der Fall klar: Da darf man kein neues Spital bauen. Wenn ein Spital erneuert werden muss, gibt es immer die Chance, darauf zu verzichten. Das hab ich schon zum Neubau beim Tiefenauspital gesagt, der lange in der Diskussion stand. Beim Frauenspital ist es die Frage, wie man das macht. Generell gilt, Kapazitäten müssen heruntergefahren werden, weil sie mit hohen Kosten der Leistungsbereitschaft verbunden sind, wie man so schön sagt. Eine der wichtigsten Lehren ist die Variabilisierung der Fixkosten. (Der Bund)

Erstellt: 18.12.2018, 12:42 Uhr

Zur Person

Der angesehene Berner Gesundheitsökonom Dr. Heinz Locher ist seit über 50 Jahren im Gesundheitswesen tätig. In der Vergangenheit hielt er die Position des 1. Sekretärs der Gesundheitsdirektion des Kantons Bern inne, heute arbeitet er als selbständiger Berater.

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