Der unaufgeregte Unbekannte

Hans Kipfer ist das neuste Marketinginstrument der EVP. Der unauffällige Münsinger bringt jedenfalls Publizität.

In seiner Beiz im Schlossgut Münsingen, wo er nah an der Bevölkerung ist, fühlt sich Grossrat Hans Kipfer daheim.

In seiner Beiz im Schlossgut Münsingen, wo er nah an der Bevölkerung ist, fühlt sich Grossrat Hans Kipfer daheim.

(Bild: Adrian Moser)

Sophie Reinhardt@sophiereinhardt

Hans Kipfer sitzt seit fast zehn Jahren im Grossen Rat. Trotzdem sagt sein Name den meisten wenig bis nichts. Das mag verschiedene Gründe haben. «Populistische Voten sind nicht meine Art», sagt Kipfer über sich und warum man ihn wenig wahrnehme im Rat. Und man glaubt ihm: Wenn man Kipfer eine Frage stellt, dann nimmt er sich Zeit, sie zu beantworten. Seine Worte sind bedacht, präzise und direkt gewählt. Doch mit seiner gar zurückhaltenden Art hat es Kipfer in den letzten Jahren so gut wie nie in die grossen Schlagzeilen geschafft.

Andererseits lag es nicht nur an seinen angepassten Voten, dass er wenig im Gespräch war. Kipfer hat letztes Jahr keinen Vorstoss im Rat eingereicht. Er leiste aktuell seinen Beitrag auf eine andere Art, sagt er – und meint die Kommissionsarbeit. «Ich erreiche meine Ziele auf diesem Weg, denn ich bin ein Hintergrundarbeiter.» So hätten seine Anträge in der Finanzkommission durchaus Erfolg, sagt er. «Es ist nicht alles schlecht, was Kipfer möchte, aber seine Anträge werden oft abgelehnt», sagt der FDP-Grossrat Adrian Haas, der mit Kipfer in der Finanzkommission sitzt. Aber Kipfer sei ein sehr «angenehmer Kollege».

Dass man wenig über Kipfer weiss, liegt auch daran, dass seine Partei, die Evangelische Volkspartei (EVP), im Grossen Rat eine Nebenrolle einnimmt. Nur mit einer Motion bewegte er, jener, die der Rat im Januar 2016 überwies: Sein Vorstoss forderte, dass in der Regierung Arbeitsabläufe, Standard und Effizienz der Verwaltung überprüft und optimiert werden.

Nun tritt Kipfer also bei den Regierungsratswahlen an – ohne grosse Erfolgsaussichten: «Ich bin mir bewusst, dass meine Chancen klein sind», sagt Kipfer. Er wolle mit seiner Kandidatur erreichen, dass die EVP als Mittepartei ebenfalls in der Kantonsregierung vertreten sei. Bei der Bekanntgabe seiner Aufstellung im August bestritt er im «Bund» auch gar nicht erst, dass er die Kandidatur auch als Werbeplattform für die eigene Partei nutze.

Seine Parteipräsidentin, Christine Schnegg, sagt zu seiner Wahl als Regierungsratskandidat: «Man muss halt jemanden finden, der diesen Wahlkampf auf sich nimmt.» Doch Kipfer sei guter, bodenständiger und dossiersicherer Kandidat, weshalb sie sich ihn auch einst als Nationalratskandidaten vorstellen könne. Seit Jahren stellt die EVP Regierungsratkandidaten auf, 2010 und 2014 war es Marc Jost.

Nun soll ein Neuer antreten, nachdem Jost mitteilte, er stehe nicht mehr zu Verfügung. Kipfers politisches Engagement beschränkte sich bis 2008 auf die Vorstandstätigkeit in der EVP Thun. In diesem Jahr rutschte er in den Grossen Rat nach. Während seine Parteikollegen wie beispielsweise Ruedi Löffel sich in den sozialen Medien gerne pointiert äussern, ist es um Kipfer in dieser Hinsicht sehr still.

Gegen das Sparpaket ...

In der letzten Finanzdebatte trat Kipfer mehr auf als auch schon, und zwar als Gegner des kantonalen Sparpakets. Wie seine Partei war er dagegen, dass Steuersenkungen «auf Kosten Dritter» finanziert werden. «Es kann nicht sein, dass wir Massnahmen bei den schwächsten Mitmenschen brauchen, um die gewinnstärksten Unternehmen steuerlich zu entlasten», sagte er damals. Denn die Schwächsten, für die will sich Kipfer einsetzen. Daher stellte er den Antrag, bei der Steuersenkung bei grossen Firmen weniger weit zu gehen. Ausser bei den Linken fand seine Partei aber keine Unterstützung. «Dass man bei Leuten spart, die bereits am Existenzminimum leben, das tut mir weh im Herz», sagt er.

Bei der Spardebatte habe es auf beiden Seiten eine relativ starke Klientelpolitik gegeben, sagt Kipfer. Extremforderungen nach Steuersenkungen auf der einen und auf der anderen der Wille, möglichst nichts anzurühren. Er und seine Partei hätten gerne einen Mittelweg eingeschlagen, sagt der 51-Jährige. Doch der scheint nicht immer gefragt: «Kipfer bringt immer wieder Kompromisse ein, die aber oft auch wegen der Mehrheitsverhältnisse im Rat zwischen Stuhl und Bank fallen», sagt die grüne Grossrätin Natalie Imboden.

... für Integration

Doch von wo kommt sein Engagement für die Schwächsten in der Gesellschaft? Offenbar von seinem Glauben. Kipfer wurde in eine Alttäufer-Familie im Emmental geboren und besucht heute mit seiner Familie die Veranstaltungen der Freikirche der freien Evangelischen Gemeinde. Es sei ihm ein Anliegen, dass christliche Werte Eingang fänden in die Gesetzgebung, und so ist beispielsweise für ihn die Ehe nur zwischen Mann und Frau denkbar. Genauso steht er der öffentlichen Finanzierung von Kita-Plätzen kritisch gegenüber, wie auch dem Vaterschaftsurlaub.

Solidarität ist eines seiner Hauptanliegen, und Kipfer lebt diese Werte auch selbst. So beschäftigt er in seinem Gasthof einen Mitarbeiter mit Downsyndrom und vergab einen Ausbildungsplatz an einen vorläufig aufgenommenen Flüchtling. Auch bei den weiteren Ausbildungsplätzen schaut er darauf, Menschen eine Chance zu geben, die etwa leistungsbeeinträchtigt sind.

«In der Gastronomie und im Tourismus stellen wir sehr viele Mitarbeiter aus dem Ausland an, obwohl wir Leute in der Schweiz hätten, die man beruflich integrieren könnte», sagt Kipfer. Er nehme wahr, dass man heute viele Massnahmen für die Integration der ausländischen Bevölkerung treffe, was er richtig finde. «Aber manchmal müsste man sich auch wieder fragen, was machen wir eigentlich für die einheimische Bevölkerung?» Gastronomie und Tourismus hätten viel Potenzial, um niederschwellige Arbeitsplätze zu schaffen. «Das bedeutet aber, auch mit Einzigartigkeit und Eigenarten dieser Menschen zu leben», sagt der Vater von vier Kindern.

Kipfer zog noch als Jugendlicher von Langnau an die Lenk, wo er im Lenkerhof seine Lehre als Koch absolvierte. Danach folgten verschiedene Stationen, etwa in der Küche des bekannten «Chrüter-Oski» oder im Bellevue Bern. Danach liess er sich zum Hotelier ausbilden, leitete verschiedene christlich geprägte Institutionen, etwa als Geschäftsführer das Gwatt-Zentrum. Heute führt er mit seiner Frau die Gastwirtschaft Schlossgut, wo seine Ehefrau nebenbei als präventiv-medizinische Trampolintrainerin arbeitet.

Der Bund

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