Der tollkühne Schleusensurfer

Surfen, bis das Brett auseinanderbricht: Sandro Santschi reitet mitten in Thun auf einer stehenden Welle.

Video: zec/rot/amü

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ohne zu zögern stürzt sich Sandro Santschi in die tosende Aare. Schnurstracks paddelt der 34-Jährige auf seinem Surfbrett zum Strudel der Mühlischleuse im Herzen Thuns. Er schnappt sich ein an der Schleuse befestigtes Seil, platziert sich bäuchlings auf der stehenden Welle. Take off: Schon steht der waghalsige Oberstufenlehrer auf seinem Brett.

«Mitten in der Stadt auf der Welle zu reiten ist ein fantastisches Gefühl», erzählt der Sunnyboy aus Hilterfingen, der auf der Suche nach den besten Surf-Spots seit Jahren um die ganze Welt reist. Eine seiner Lieblingswellen ist und bleibt die Mühlischleuse mitten im Thuner Bälliz.

Denn dort ist Nervenkitzel garantiert. Santschi geht auf dem Surfbrett in die Knie, zieht nach links und rechts. Dann passierts: Er fällt vom Brett, die starke Aare-Strömung treibt ihn mit hohem Tempo Richtung Mühlebrücke: «Es bleiben nur zwei Sekunden, um dem Pfeiler auszuweichen», sagt Santschi zum «Bund»-Reporter, dessen Lust auf einen kleinen Selbstversuch urplötzlich schwindet.

Innert Sekundenbruchteilen müsse er sich jeweils entscheiden, ob er das Brett noch packen könne oder wegtreiben lassen müsse. «Dieser Surf-Spot ist nicht ungefährlich. Und ganz sicher nichts für Anfänger. Es braucht viel Erfahrung und Respekt», sagt Santschi.

Brett zerbricht am Brückenpfeiler

Denn nicht nur die Brückenpfeiler sind eine Gefahr für die Wassersportler. Scharfkantige Felsen und Untiefen lauern unter der Wasseroberfläche. «Ob im Ozean oder in der Aare: Beim Surfen kriegt man unweigerlich Blessuren», sagt Santschi.

Einen schweren Unfall habe es bei der Mühlischleuse aber noch nie gegeben, führt der passionierte Wellenreiter aus. Kurze Zeit später vergeht dem wortgewandten Strahlemann das Lachen. Als er vom Brett stürzt, knallt sein oranger Surfboard mit voller Wucht in den Brückenpfeiler und bricht entzwei. Es bleibt glücklicherweise beim Materialschaden.

Unberechenbare Schleuse

Santschi hat in seinem VW-Bus ein zweites Brett. Er springt erneut von der Mauer ins Wasser und startet die nächste Surf-Session. Zahlreiche Schaulustige haben sich inzwischen im Bälliz versammelt und verfolgen die Manöver des tollkühnen Schleusensurfers.

«Die Surferjungs zeigen, dass Thun alles andere als langweilig ist», sagt eine Passantin. Touristen nehmen Sandro Santschi mit ihren Kameras ins Visier. Wenn er aus der Aare steige, werde er oft angesprochen. «Meistens fragen mich die Leute, wie kalt die Aare ist», sagt er mit einem Augenzwinkern.

Egal wie eisig die Aare ist: «Wenn die Welle gut ist, gehe ich aufs Brett», sagt der Oberländer weiter. Für die Thuner Surfer sind die Schleusen extrem unberechenbar. Bereits kleinste Verschiebungen bei den Schleusentoren können dazu führen, dass die Welle plötzlich verschwindet. Wegen des hohen Wasserstands ist in den vergangenen Wochen oftmals gar keine surfbare Welle entstanden.

Surfen als Lebensschule

Wenn Sandro Santschi nicht auf dem Brett steht, unterrichtet er Musik, Geografie und Sprachen an der Oberstufe Progymatte in Thun. Aber wie ist der Oberländer überhaupt zum Surfen gekommen? Vor acht Jahren habe er im australischen Surfer-Mekka Byron Bay ein «Kürsli» gemacht.

«Mit der ersten Welle hat es mich gepackt», sagt er. Ob Thun, Kapstadt, San Diego, Panama oder Bali: Seither lässt er auf dem Globus keine Welle aus. «Surfen ist für mich eine Lebensschule», sagt Santschi. Man sei der Natur vollends ausgeliefert. Die spürt er nicht nur, wenn die Gischt über ihn hereinbricht.

Wenn man im tosenden Ozean zehn Minuten auf die richtige Welle warten müsse, werde man plötzlich geduldig. Von Geduld ist aber an der Surf-Session in Thun wenig zu spüren. Kaum verabschiedet sich das «Bund»-Team, springt Santschi wieder in die tosende Aare. Zurück in sein Element. (Der Bund)

Erstellt: 11.07.2016, 06:50 Uhr

Collection

D Aare ab

Bilder-Galerie

Schicken Sie uns Ihre Aare-Bilder

Auch Sie können ein Teil der Sommerserie werden: Schicken Sie uns ihre besten Aare-Bilder, ihr schönstes Aare-Plätzli oder ihre interessanteste Aare-Geschichte. Kontakt: aare@derbund.ch.

Surf-Szene

Boom im Kanton

Flusssurfen hat in den letzten Jahren in Thun einen Boom erlebt. Laut Surfer Sandro Santschi treffen sich manchmal an die 30 Surfer bei der stehenden Welle der Scherzligschleuse. Diese ist deutlich einfacher zu fahren als die Mühlischleuse und auch für Einsteiger geeignet.

Santschi hat vor fünf Jahren den Verein Flusssurfen Thun mitbegründet. Dieser hat sich unter anderem dafür eingesetzt, dass bei der Sanierung der Flusssohle die Welle beibehalten werden konnte. Derweil wächst die Anzahl der Aaresurfer in Bern rasant. Manuel Gerster und seine Surfer-Kollegen führen in Bern bereits regelmässig Aare-Surferkurse durch.

«Wir werden von Anfragen überrannt», so Gerster. Im Gegensatz zu Thun gibt es in Bern aber keine stehende Welle. Das soll sich bald ändern: Unter der Tiefenaubrücke soll eine künstliche Welle entstehen. Die Gemeinde Ittigen unterstützt das Projekt des Vereins Flusswelle Bern. Vereinsmitglied Dani Schmutz schätzt, dass in der Region Bern über 1000 Leute auf der Aare surfen.

Sommerserie: D Aare ab



Die Lebensader des Kantons lässt niemanden kalt: In der diesjährigen «Bund»-Sommerserie folgen wir der Aare von ihrer Quelle beim Unteraargletscher bis zur Mündung in den Rhein. Auf den 288 Aare-Kilometern spüren «Bund»-Reporterinnen und Reporter die besten Aare-Stories auf - und werden dabei selbst nass. Ob kälteresistente Aare-Taucher, ungeduldige Fischer oder braungebrannte Marzili-Fanatiker, wir begleiten in den nächsten Wochen «Aare-Spezialisten» an ihren Lieblingsfluss.

www.aare.derbund.ch

Artikel zum Thema

Auch die Menschen zwängen sich durch die enge Schlucht

Die Aareschlucht bei Meiringen ist seit 1888 ein Klassiker unter den Ausflugszielen. Der Schluchtkenner Otto Winterberger besucht sie am liebsten ausserhalb der Öffnungszeiten. Mehr...

Das steinerne Grab des Unteraargletschers

Der Ursprung der Aare verschiebt sich von Jahr zu Jahr. Der Weg zur Lauteraarhütte wird heuer wohl zum letzten Mal übers Eis des Unteraargletschers führen. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

History Reloaded Die erste Bankenkrise der Schweiz

Michèle & Friends Wir brauchen keinen Sex-Nachhilfeunterricht

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Adieu, du schöne, grüne Aare

Bei Koblenz fliesst die Aare in den Rhein. Vor allem für Berner ist rätselhaft, warum die Aare dort ihren Namen aufgeben muss. Mehr...

Die Wächterin am Tor

Evelyne Wasem hat einen der exklusivsten Jobs der Schweiz: Sie ist Schleusenwärterin. Mehr...

Ein Stromkonzern baut Natur

An der Mündung der Aare in den Bielersee entsteht ein neues Naturparadies für Fische, Wasservögel und Biber. Mehr...