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Der tägliche Kampf gegen die eigene Natur

Auch im Sommer schwitzen Tausende in den Berner Fitnesszentren. Für ein gutes Gefühl, für den «Schriis» bei den Frauen – aber auch wegen der eigenen Komplexe.

Für ein gutes Gefühl: «Coach Mark» trainiert seine Muskeln.
Für ein gutes Gefühl: «Coach Mark» trainiert seine Muskeln.
Franziska Rothenbühler
Posen aus aller Welt: Pinnwand im Fitnesszenter Trainsane.
Posen aus aller Welt: Pinnwand im Fitnesszenter Trainsane.
Franziska Rothenbühler
Wer grosse Muskeln will, muss dicke kleine Fasern haben.
Wer grosse Muskeln will, muss dicke kleine Fasern haben.
iStock
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Ramiro leidet, stöhnt sogar leicht. Der junge Mann verzieht das Gesicht. Im Neonlicht betrachtet er seine Oberarme, die prall mit Blut gefüllt sind. In den Händen Hanteln, je 12 Kilogramm schwer. Ramiro hebt diese abwechslungsweise in die Höhe. Zehn Mal rechts, zehn Mal links. Später wiederholt er das Ganze zwei weitere Male. 60 Mal das Gesicht verziehen, 60 Mal leise stöhnen. Dann kommen die Schultern an die Reihe. Wieder stöhnen, wieder leiden. Dazwischen prüft Ramiro sein Werk kritisch im Spiegel. Aber auch zufrieden. Ramiro ist ein Bodybuilder.

«Wer nicht regelmässig trainieren will, muss nicht Bodybuilder werden.»

Jean-Marc Stettler, Geschäftsführer von Trainsain

Es ist heiss. Draussen scheint die Sonne. Diese dringt nur durch ein Lichthof ins zweite Untergeschoss. Im Licht der Neonröhren stehen trotzdem viele Männer vor den Spiegeln. Ihr Schweissgeruch kämpft mit dem Raumduft um die Hoheit. Verzerrte Gesichter schauen aus dem Spiegel. Körper mit geschulterten Gewichten. Hanteln in Männerhänden. «Auch wenn es draussen schön und heiss ist, kommen alle zum Trainieren», sagt Jean-Marc Stettler, Geschäftsführer von Trainsain, einem Fitnesscenter in Ostermundigen. Man will in Form bleiben.

Wer nicht regelmässig trainieren wolle, müsse nicht Bodybuilder werden, sagt Stettler, den hier im 2. UG alle «Coach Mark» nennen. «Aber ab und zu in einer Woche nur viermal zu trainieren, liegt schon drin.» Weniger aber nicht. Ansonsten «erreicht man sein Ziel nicht». Dieses bestehe nicht darin, möglichst kräftig zu werden, sondern möglichst grosse und schöne Muskeln zu bekommen. Es geht darum, die Natur in Form zu trimmen.

Darum trainieren Bodybuilder mit etwas weniger Gewicht als Gewichtheber. Doch letztlich wollen beide dasselbe: die Muskel zum Wachsen anregen. Beim Muskelwachstum vollziehen sich im Körper biologisch hochkomplexe Vorgänge (siehe Grafik in Bildstrecke und Box). Das Vorgehen, um diese auszulösen, scheint da vergleichsweise einfach: pressen, drücken, ziehen. An Geräten, an Seilzügen, an Hanteln. Immer und immer wieder. Ramiro tut dies ebenso wie Coach Mark, der eine imposante Erscheinung ist. Unterhalb des sanftmütigen Gesichts wölben sich massive Muskelberge.

Vegan ist im Trend

«Möglichst breit», das gefalle ihm, sagt der Fitnesstrainer. Dies zu erreichen, sei schwieriger, als man meine. Das Wichtigste sei die Ernährung. Man müsste stets «richtig essen». Im Bodybuilderjargon steht diese Redewendung für «Unmengen an Protein – kein Zucker». Um zu den Proteinen zu kommen, greifen Bodybuilder gerne zu Nahrungsergänzungsmitteln. Meist handelt es sich dabei um industriell verarbeitete Milchproteine in Pulverform. Beliebteste Geschmacksrichtungen: Vanille, Schokolade und Himbeere. In der Stadt Bern gibt es mehrere Geschäfte, die einzig solche Pulver verkaufen. Auch Stettler und seine Lebens-, Geschäfts- und Trainingspartnerin Bianka Marton verkaufen unter einem eigenen Label Proteinpulver.

Dass sich damit gutes Geld verdienen lässt, zeigt die Tatsache, dass auch die grossen Akteure in den Markt drängen. So bietet der Lebensmittelriese Mars Incorporated – Jahresumsatz 33 Milliarden Franken – seine bekannten Schokoladeriegel Mars, Snickers und Bounty nun auch in einer zuckerreduzierten und proteinangereicherten Version an. «Die meisten Zusatzpülverchen bringen nichts», sagt der Präventionsmediziner Samuel Iff. Milchproteinpulver seien aber durchaus sinnvoll. Iff ist selbst Bodybuilder und in Bern als Bodybuilder-Arzt bekannt, weil er in seiner Nebentätigkeit Bodybuilder beim Training berät.

Die aktuellen Ernährungstrends gehen aber auch an der Bodybuilderszene nicht vorbei. Vegan ist im Trend. In der Szene wird kontrovers darüber diskutiert, ob das gut ist – gut für die Muskeln, nicht für die Tiere. Doch während immer mehr Menschen das Gemüse aus dem eigenen Garten bevorzugen, ist das Eiweiss aus der Dose in den Berner Fitnessstudios weiterhin hoch im Kurs.

Sich im Marzili «zeigen» gehen

Muskeln will auch Kevin. Er zieht von oben nach unten. Zwischen den Händen hat er ein Tau, das über seinem Kopf V-förmig an einem Seilzug montiert ist. An dessen anderem Ende hängen Gewichte. Der Apparat steht in einem Fitnesscenter unweit des Marzilibads. Auch Kevins Kumpel Admir ist da. Er «arbeitet» an seinem Sixpack, seinem Stolz.

Die beiden wollen sich an diesem Sommerabend nach dem Feierabend nur kurz «pumpen». Sprich kurz alle Muskelgruppen durchtrainieren, damit sie gut durchblutet sind. So sehen sie praller aus. Der Grund: Die beiden Mittzwanziger wollen gleich rüber in die Badi. Aber nicht in erster Linie zum Baden, sondern um sich «zu zeigen». Sie wollen quer über die Wiesen stolzieren. Hin und her. Hin und her. Für ein paar bewundernde Blicke haben sie den ganzen Winter über trainiert, gelitten, tausendfach das Gesicht verzogen, Proteine en masse gegessen und auf Dessert und Bier verzichtet. Im Frühsommer haben sie auch noch gehungert – damit die «Muskeln schöner definiert sind».

Menschen in Fitnesscentern sprechen gerne von Bildhauerei am eigenen Körper. Die Statuen des antiken Griechenland sind denn auch hoch im Kurs. Doch viele trainieren aus handfesteren Gründen. Admir und Kevin für den «Schriis» bei den Frauen im Marzili, viele, weil sie schlicht fit sein oder etwa Rückenprobleme in den Griff bekommen wollen. Doch manche trainieren unfreiwillig. Sie leiden an Muskeldysmorphie.

Die Betroffenen fühlen sich in ihrem Körper nicht wohl, sind krankhaft überzeugt davon, nur mit mehr Muskeln gesellschaftsfähig zu sein. Die Krankheit tritt meist bei Männern auf und ist eng mit der vorwiegend bei Frauen auftretenden Magersucht verwandt. Weil die Eigenwahrnehmung auch mit mehr Muskeln meist eine negative bleibt, trainieren am «Adonis-Komplex» leidende Männer immer weiter – und schaden damit oft ihrem Körper.

Nun wollen auch Frauen Muskeln

Frauen sind im Fitnesscenter in der Minderheit. Doch es würden immer mehr, sagt Bianka Marton. In ihrem Studio Trainsane sei rund ein Drittel der Mitglieder weiblich. Und während Frauen früher meist Gruppenangebote wie Aerobic buchten, seien sie heute immer mehr im Kraftraum anzutreffen. Auch sie stossen, ziehen und drücken. Grund sind veränderte Schönheitsideale, die durch soziale Medien verbreitet werden. Muskulöse, auf künstliche Weise wohlproportionierte junge Frauen sind auf dem Portal Instagram Stars mit mehreren Dutzend Millionen Anhängern.

«Immer wieder kommen Frauen zu mir, die aussehen wollen wie eines dieser Fitnessmodels», sagt Marton, die selber Wettkämpfe bestreitet. In der Kategorie «Bikini», in der die Frauen wenig Muskeln haben – vergleichsweise zumindest. Denn man erkennt Marton auf den Wettkampfbildern, die sie zeigt, kaum wieder. Der Grund: Sie ist derzeit schwanger und trainiert deshalb nicht.

Bodybuilding sei «viel mehr, als gut auszusehen», sagt die studierte Ökonomin, die früher auch Marathon lief. «Das Bodybuilding fordert mich heraus und gibt mir Regeln vor.» Es sei wie eine Religion. Ihr Partner ergänzt: «Wer gut trainiert ist, ist im Leben erfolgreicher.»

Tatsächlich boomen Fitnessangebote. In und um Bern weibeln über 50 Studios um Kundschaft. Und immer neue kommen hinzu. Wie gross der Fitnesstrend ist, zeigt auch die Tatsache, dass die Banken Studiobetreibern Kredite zu guten Konditionen vergeben.

Anabolika: Hoch dosiert

Auch wenn es immer mehr Frauen hat –Fitnessstudios sind männerdominierte Orte geblieben – mit Kodizes und Hackordnungen. Ungeschrieben, aber vorhanden. Dies obschon die Mitgliederschaft oft sehr heterogen ist. Alle trainieren hier zusammen: vom brasilianischen Surfertypen mit alternativem Hauch bis zum kahl geschorenen Rechten.

Oben in der Hierarchie stehen meist die mit den grossen Muskeln. Sie erteilen solchen mit weniger Körpermasse gerne Tipps. Für Neueinsteiger steigert dies die Motivation, in kürzester Zeit ebenfalls grosse Muskeln zu haben. Tinu hat dies geschafft. Der Neueinsteiger hat innert kurzer Zeit «an Masse zugelegt». Der junge Handwerker erhält dafür Schulterklopfer von anderen Besuchern des Fitnesscenters im Marzili.

Schulterklopfer. Das negative Selbstbild abstreifen. Frauen beeindrucken. Erfolgreich sein: Für manche ist das alles derart erstrebenswert, dass sie es nicht allein der Natur und dem eigenen Trainingsfleiss überlassen wollen. Sie greifen zu Medikamenten. Das Mittel der Wahl sind anabole Steroide, die im Körper ähnlich wirken wie das männliche Sexualhormon Testosteron.

Steroide erhalten etwa Männer, denen wegen einer Krebserkrankung die Hoden, in denen das Testosteron produziert wird, entfernt werden mussten. Die Patienten erhalten alle drei bis vier Wochen eine Depotinjektion. Bodybuilder spritzen sich dieselbe Dosis aber bis zu dreimal in der Woche. Mit teilweise weitreichenden Konsequenzen: Haarausfall, Brustwachstum, Organversagen, um nur einige zu nennen.

Das Tinu ein «Kürli» mit Steroiden machte, ist im Fitnesscenter kein Geheimnis. Auch sonst wissen alle, dass nicht alle Muskeln natürlich gewachsen sind. Doch reden will niemand darüber. Man will lieber trainieren. Drücken, stossen, ziehen. Bis man nicht mehr kann. «Nur so könnt ihr mit einem guten Gefühl nach Hause gehen», sagt Coach Mark am anderen Ende der Stadt seinen Kunden. Doch das gute Gefühl hält jeweils nur kurz. Denn der Kampf gegen die eigene Natur ist schnell verloren.

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