Der Streit um die Sexarbeit erreicht die Schweiz

Das Thema Prostitution polarisiert selbst unter Fachleuten. Alle wollen aber dasselbe: Mehr Schutz für die Frauen.

Eine Prostituierte wartet am Strasssenrand in Lausanne auf Kundschaft.

Eine Prostituierte wartet am Strasssenrand in Lausanne auf Kundschaft.

(Bild: Keystone Jean-Christophe Bott)

«Jeder Gast hat die Möglichkeit, die acht Bläserinnen gratis zu testen und seine Bewertung abzugeben.» In dieser Werbung geht es nicht um Musikerinnen. Es geht um Oralsex. Sexclubs in der Schweiz werben heutzutage mit solchen Angeboten Kunden an. Ist das Werbung für einen normalen Geschäftszweig, oder ist Prostitution noch ein Ort, wo Macht und Dominanz über Frauen ausgelebt werden kann?

Andrea Gisler, Präsidentin der Zürcher Frauenzentrale, unterstützt letztere Vermutung. Sie beurteilt die Werbestrategie als empörend und frauenverachtend. «Es zeigt, wie Frauen und ihre Körper kommerzialisiert werden.» Die Sexindustrie profitiere von Stereotypen wie dem Mann als triebgesteuertem Wesen, das ein Ventil braucht. «Die Konsumgesellschaft verstärkt unsere Ansicht, dass jedes Bedürfnis erfüllt werden muss – auch beim Sex», so Gisler.

Anders sieht es Xenia, die Fachstelle für Sexarbeit im Kanton Bern. Der überwiegende Teil der Frauen arbeite selbstbestimmt in der Sexarbeit und sei nicht Opfer, so die Haltung der Fachstelle. Auch wenn Menschen aus dem Ausland aufgrund mangelnder Alternativen als Prostituierte arbeiteten, sei das kein Grund, ihnen grundsätzlich Entscheidungsfähigkeit abzusprechen. Denn jeder Mensch habe das Recht, sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen, sagt Christa Ammann, Leiterin von Xenia. Dabei müsse unterschieden werden: In der Sexarbeit verkauft niemand seinen Körper, sondern die Dienstleistung.»

Fokus auf den Frauen

Die Frauenzentrale Zürich lancierte im Juni den Kurzfilm «Für eine Schweiz ohne Freier. Stopp Prostitution». Mit dem Video ist der Organisation das gelungen, was sie wollte: das Thema Prostitution zu einem gesellschaftspolitischen Thema zu machen. Denn auch in der Schweiz, wo Sexarbeit legal ist, solle man sich fragen, ob Prostitution gegen die Menschenwürde verstosse, so Gisler. Beim Prostitutionsverbot in Schweden gehe es in erster Linie um die Haltung einer Gesellschaft. «Wollen wir Schweizerinnen und Schweizer eine Gesellschaft, in der Menschen andere Menschen kaufen können?»

Video: Eine Nachricht von Schweden an die Schweiz

Das Video zur Anti-Prostitutions-Kampagne der Frauenzentrale Zürich.

Die Fachstelle Xenia und Amnesty International sprechen sich hingegen für die Entkriminalisierung von Sexarbeit aus, denn ein Verbot in der Schweiz würde die Rechtssituation ihrer Meinung nach nur verschlechtern. Xenia fordert stattdessen, dass Sexarbeit als normale Arbeit anerkannt werden müsse, damit die Prostituierten auf ihren Rechten bestehen könnten. Zudem müsse man von den gesellschaftlichen Rollenbildern wegkommen. So gebe es auch Freierinnen und nicht nur weibliche Prostituierte. «Der Mann ist nicht immer nur Täter», sagt Ammann.

Warum der Fokus bei der Prostitution vor allem auf Frauen liegt, könnte mit fehlendem Interesse zu tun haben. Das bestätigt Benjamin Abt-Schiemann, Sexarbeiter aus der Stadt Bern. Im Diskurs um Prostitution werde vor allem auf die Frauen fokussiert, dadurch werden männliche und andere Prostituierte einfach ausgeblendet, sagt er.

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