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Der Spieler

Der Blocher-Vertraute Yves Bichsel prägt die Berner Politik als Generalsekretär von SVP-Regierungsrat Schnegg mit. Er setzt gezielt Provokationen ein.

Kamerascheu: Das Archivbild zeigt Yves Bichsel im Bundeshaus.
Kamerascheu: Das Archivbild zeigt Yves Bichsel im Bundeshaus.
Adrian Moser

Man hätte ihn glatt übersehen können, mit seinem Bubengesicht, dem schütteren Haar. Doch alle wussten, dass er da war und gleich vom Stuhl aufstehen würde. Denn das tat Yves Bichsel jedes Jahr. Immer dann, wenn an der Gemeindeversammlung in Uetendorf die Jahresrechnung verabschiedet wurde. Umringt von Sichtbetonmauern und Sprossenleitern der Mehrzweckhalle Bach beanstandete er dann als Bürger und Präsident der lokalen SVP-Sektion freundlich, aber bestimmt das Budget, vor allem aber die seiner Meinung nach zu üppigen Sozialhilfeausgaben.

Seit September nun ist der 45-jährige Bichsel Generalsekretär der bernischen Gesundheits- und Fürsorgedirektion GEF. Diese sorgte im Januar mit der Ankündigung für Aufsehen, die Sozialhilfeleistungen so stark zu kürzen, wie dies noch kein anderer Kanton getan hat. Ausgearbeitet hatte der zuständige Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (SVP) die Vorlage nicht wie üblich mit den kantonseigenen Experten, sondern einzig mit seinem Generalsekretär. Mit Yves Bichsel.

Gemeinsam mit Bichsel entschied der GEF-Vorsteher auch, auf eine Vernehmlassung zu verzichten, obwohl eine solche rechtlich vorgeschrieben wäre. Das sorgt für Kritik (siehe rechts). Es gibt Insider, die sagen: Die scharfe Gangart ist die Handschrift von Bichsel. Schnegg sei bemüht, ausgleichend zu wirken; Bichsel verpasse Vorlagen zuletzt «den SVP-Schliff». Bichsel wolle eine Politik mit Ecken und Kanten machen.

«Der Mann fürs Grobe»

«Intelligent», «sehr fleissig», «immer freundlich», «immer gut gelaunt», «zuverlässig»: Fragt man nach Bichsel, sagen Lokalpolitiker, Chef Schnegg oder der Präsident der grossrätlichen Gesundheitskommision, Hans-Peter Kohler (FDP), das Gleiche. Wie passen diese Eigenschaften mit dem Anbringen politischer Provokationen zusammen? Das wurde Bichsel einmal von einem evangelikal ausgerichteten Radiosender gefragt. Das passe sehr gut, meinte Bichsel: «Provokationen sind nötig, man muss nur wissen, wo und wie man sie anbringt.»

Verinnerlicht hat Bichsel das Provozieren spätestens als SVP-Mediensprecher. Er sagt zwar von sich selbst, lieber im Hintergrund zu arbeiten. Doch war er zu Beginn des Jahrhunderts vier Jahre lang eines der Aushängeschilder der Partei. Der studierte Chemiker wetterte dann etwa gegen «ausländische Drogenhändler, die den Terror finanzieren», oder die «völlig übertriebene Angstmacherei vor Klimakatastrophen». Später, als Generalsekräter seiner Partei, forderte er eine «Neuregelung des Sonderproblems Roma». Und die Provokationen bleiben nicht unbemerkt – damals wie heute.

«Bichsel scheint eher der Mann fürs Grobe zu sein», sagt die Co-Präsidentin der Grünen, Natalie Imboden. Er agiere bisher nicht so, wie man das von einem Generalsekretär erwarte. Negativ aufgefallen ist Bichsel auch bei mindestens einem seiner Antrittbesuche in Institutionen. «Einen frechen Siech» nennt ihn eine Person, die der Sitzung beiwohnte. Auch in Uetendorf gab es Konflikte. Doch viele loben Bichsels aufmerksame, interessierte Art. Auf diese zwei konträren Wesenszüge Bichsels stösst man immer wieder, wenn man mit Wegbegleitern spricht.

Lob von SVP-Chef Rösti

Einer, der Bichsel schon lange kennt, erklärt sich dies mit Bichsel «Spielernatur». Bichsels Lust am Streitgespräch wird denn auch ebenso oft erwähnt wie seine Fähigkeit, Optionen, Chancen und Gefahren in Sekundenbruchteilen zu erkennen und antizipieren. Unter letztere Kategorie ordnete er offenbar dieses «Bund»-Porträt ein. Bichsel «stand nicht zur Verfügung», wiederholten Nachfragen zum Trotz. Er störte sich unter anderem daran, dass sein Glaube erwähnt werden sollte. Bichsel ist Mitglied einer Freikirche, in der er auch Religionsunterricht erteilt. Sein Glaube sei Privatsache, sagt er.

Das sah er nicht immer so. Auf die Frage, weshalb er nicht in einer evangelikalen Partei politisiere, sagte er 2007: «Es ist wichtig, auch in anderen Parteien Einfluss zu nehmen.» Wenn er seine Partei auf «seine Seite» ziehen könne, dann könne er viele zusätzliche Stimmen für die christliche Sache generieren. Damals sagte er auch, es gebe eine christliche Politik – zum Thema Abtreibungen etwa.

Eine andere Erklärung für das Anecken von Bichsel liefert SVP-Präsident Albert Rösti. Beide leben in Uetendorf und sind dort zu «Freunden geworden». «Bichsel ist sehr überzeugt von der SVP und ihren Positionen.» Das wirke für viele als Provokation. Tatsächlich ist Bichsel, der sich als «grundkonservativ» bezeichnet, eng mit der Partei verknüpft. So war er nicht nur Mediensprecher und für kurze Zeit Generalsekretär – er arbeitete als Kadermann auch für drei SVP-Bundesräte. Die Bindung zu Christoph Blocher, der ihn als stellvertretenden Generalsekretär ins Eidgenössische Justizdepartement holte, war besonders eng. So eng, dass Medien wahlweise von «Blocher-Intimus», «Blocher-Vertrauter» oder «Blocher-Spion» schrieben.

Verhinderter Politiker?

Und auch mit Schnegg harmoniert Bichsel schon nach kurzer Zeit gut. Manche in der GEF sprechen schlicht vom «Duo», wenn sie Schnegg und Bichsel meinen. Bichsel war der Favorit des im letzten Frühling frisch gewählten Schnegg. Sie hätten sich im Wahlkampf kennen gelernt, sagt Schnegg. Auch dass Bichsel ein enger Vertrauter Blochers war, beeindruckte Schnegg, der den SVP-Doyen als Vorbild nennt. Bichsel hatte im Wahlkampf Leserbriefe für Schnegg geschrieben. Letzterer «hoffte», dass Bichsel sich auf die öffentlich ausgeschriebene Stelle als Generalsekretär bewerben würde. Das ordentliche Ausschreibungsverfahren habe er aber durchlaufen müssen.

Bei dem von einem externen Planungsbüro durchgeführten Bewerbungsverfahren fiel Bichsel durch – wegen fehlender Sozialkompetenz. Doch Schnegg wollte Bichsel und ordnete deshalb eine weitere Bewerbungsrunde an. Schnegg lobt Bichsel in den höchsten Tönen. Er sei sein «Chef d’orchestre», stets bestens über die Geschäfte informiert und perfekt zweisprachig. Provokationen von Bichsel gebe es keine, sagt Schnegg. «Auf politischer Ebene bin ich der Chef.»

Bichsel sei der perfekte Generalsekretär, sagt SVP-Chef Rösti. Und doch: Immer wieder probierte Bichsel, aus dem Hintergrund zu treten. Er kandidierte in Zürich und Zollikofen für das Gemeindeparlament, wollte für die SVP gar Bundeskanzler werden. Doch er reüssierte nicht.

Bei der letzten Gemeindeversammlung in Uetendorf blieb Bichsel erstmals sitzen. Mit gutem Grund: Seine Frau amtet inzwischen als Finanzvorsteherin im Dorf. Einfluss auf die Sozialhilfekosten nimmt ihr Mann nun anderswo. «Als Berater eines Exekutivpolitikers kann ich viel grundsätzlicher Einfluss nehmen als im Parlament», sagte Bichsel einmal. Nun tritt er den Beweis an.

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