Der Senkrechtstarter

Carlos Reinhard sitzt erst seit zwei Jahren im Grossen Rat, dennoch übernimmt er jetzt schon das Präsidium.

Ein Thuner im Hof des Berner Rathauses: Carlos Reinhard ist ab Juni höchster Berner.

Ein Thuner im Hof des Berner Rathauses: Carlos Reinhard ist ab Juni höchster Berner. Bild: Franziska Rothenbühler

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Als Grossrat verfügt Carlos Reinhard nur über einen bescheidenen Leistungsausweis. Er hat noch keinen Vorstoss eingereicht, erst viermal war er am Rednerpult. Dennoch wird der FDP-Politiker aus Thun übernächste Woche zum Grossratspräsidenten gewählt, am Dienstagabend erfolgt die Stabsübergabe – für ein Amt, das normalerweise gedienten Parlamentariern vorbehalten ist. Reinhard hingegen wurde erst vor zwei Jahren in den Grossen Rat gewählt.

Gleich in seiner ersten Session im Juni 2014 wurde Reinhard als künftiger Grossratspräsident in Stellung gebracht; innerhalb der FDP-Fraktion fehlte es an Alternativen. Zuvor war noch nie ein Neuling für dieses Amt vorgeschlagen worden.

Im Grossen Rat sorgte dies denn auch für Diskussionen, sogar von einem Affront war die Rede. Die Parlamentarier wählten Reinhard schliesslich erst nach einer einwöchigen «Kennenlernzeit» zum neuen Vizepräsidenten. Mittlerweile hat sich die Lage beruhigt.

Reinhard ist froh darüber. Vielleicht sei es sogar gut, dass der Grosse Rat nun mit ihm etwas Neues wage, sagt er. «Wenn es wie immer läuft, besteht die Gefahr, dass sich nichts mehr bewegt.»

Akteur im Thuner Stadionstreit

Dissonanzen haben Reinhard auch schon früher begleitet – etwa bei der neuen Thuner Fussballarena. Als Präsident der Stadion-Genossenschaft war er in die Streitereien mit dem FC Thun involviert, die nach der Eröffnung auftraten.

«Es ist schade, kam es zur Konfrontation», sagt Reinhard. Er führt den Zwist auf unterschiedliche Ziele zurück. Der Fussballclub habe kurzfristig gedacht, ihm sei hingegen das langfristige Überleben von Stadion und Club wichtig gewesen.

Vor dem Stadionbau hatte sich Reinhard auch im Vorstand des Clubs engagiert, zudem war er mit seiner Firma, einer Grosswäscherei, langjähriger Sponsor. «Der FC Thun war dreimal klinisch tot. Ich kam jeweils rein, als alle wegsprangen.» Heute sponsert Reinhard den SC Bern.

Carlos Reinhard konnte auch den Niedergang des Thuner Freisinns nicht verhindern. Zwischen 1998 und 2010 war er Präsident und Vizepräsident der Sektion. In dieser Zeit musste die Partei bei mehreren Wahlen Niederlagen einstecken.

«Die FDP hatte damals national einen schweren Stand, das spürten wir auch auf lokaler Ebene», sagt Reinhard. Er selbst war sechs Jahre Stadtrat und kandidierte mehrere Male für die Stadtregierung – ohne Erfolg.

All das hat Reinhard offenbar nicht geschadet, sonst wäre er bei den letzten Wahlen nicht mit einem guten Resultat in den Grossen Rat gewählt worden. «Ich hatte immer den Mut hinzustehen», sagt er.

Wenn man sich exponiere, seien aber nie alle einverstanden. Zumindest das Kapitel Fussball ist für den 43-Jährigen unterdessen jedoch abgeschlossen. Ihm fehlt die Zeit, um gleichzeitig in Sport und Politik präsent zu sein.

Geschäfte mit dreckiger Wäsche

Reinhard führt ja auch noch ein Unternehmen. In seiner Grosswäscherei sind rund 60 Personen angestellt. Reinhard kennt sein Metier von Grund auf. Ursprünglich absolvierte er eine Lehre als Textilpfleger.

Er weiss also, wie man perfekt Hemden bügelt – und macht das auch heute noch ab und zu. Die Kunden der Grosswäscherei stammen nicht nur aus der Uhren- und Pharmaindustrie. Es sind auch Handwerksbetriebe, Hotels, Spitäler oder Heime.

Im Markt trifft Reinhards Betrieb zum Teil auf Konkurrenten aus dem Ausland, wo die Löhne tiefer sind. «Das Umfeld ist schwierig, auch wegen des starken Frankens.» Um sich zu behaupten, hat Reinhard die Familienfirma in den letzten Jahren neu organisiert und in Uetendorf wurde ein Neubau erstellt.

Gemäss Reinhard ist sich die Politik zu wenig bewusst, was die Unternehmen leisten. Dies will er ändern. Die Firmen hätten eine wichtige Funktion in der Gesellschaft, sagt er. «Wenn es keine Arbeitsplätze gibt, können AHV, Universitäten, Spitäler oder Rathäuser nicht finanziert werden.»

Reinhard will sich aber nicht primär für tiefere Unternehmenssteuern einsetzen, vielmehr stören ihn die vielen Regulierungen. «Alles ist tausendfach abgesichert. Weniger wäre manchmal mehr.» Als Beispiel nennt er den Bau einer Strasse. «Die Abklärungen kosten mehr als der Bau.»

Noch muss sich Reinhard aber zurückhalten, erst nach seinem Präsidialjahr wird er mit dem Politisieren im Grossen Rat so richtig beginnen können. (Der Bund)

Erstellt: 16.05.2016, 22:51 Uhr

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