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Der schwindsüchtige Gletscher

Der Oberaargletscher baut rapide ab. In fünfzig Jahren könnte das Ursprungsgebiet der Aare komplett eisfrei sein, sagt der Glaziologe Michael Zemp. Noch ist offen, welche Gefahren durch die Klimaerwärmung drohen.

Der Oberaargletscher mit Stand vom August 2014 und vom Juli 2017. Das Volumen ist stark geschwunden.
Der Oberaargletscher mit Stand vom August 2014 und vom Juli 2017. Das Volumen ist stark geschwunden.
Simon Oberli (gletschervergleiche.ch)

Es ist ein Trauerspiel: Wo vor wenigen Jahren Gletscher dick und weiss die eisigen Zähne bleckten, sind oft nur noch kümmerliche Reste – bedeckt von Geröll und Schutt – zu sehen. Die steigenden Temperaturen führen zu einer allgemeinen Schwindsucht (siehe «Bund» vom 3. August). Besonders augenfällig und eindrücklich ist die Auszehrung etwa am Oberaargletscher. Der Berner Fotograf Simon Oberli hat den Rückzug in den letzten Jahren dokumentiert. «Wenn man die Bilder nebeneinanderlegt, ist man schockiert über das Ausmass des Rückgangs», sagt er. Oberli hat den Gletscher von verschiedenen Stellen aus fotografiert. Die Aufnahmen rechts liegen zeitlich nicht einmal drei Jahre auseinander.

Im unteren Bild hat sich das Schmelzwasser in die unter Steinen bedeckte Eisschicht am Hang gefressen. Wenn sich solche Höhlen bildeten, ströme warme Luft hinein und beschleunige den Schmelzprozess, sagt der 53-jährige Oberli. Er ist seit Jahrzehnten im Hochgebirge unterwegs. «Manchmal kenne ich die Orte fast nicht mehr wieder, weil sie sich so stark verändert haben.» Seine vergleichende Fotografie belegt den Gletscherschwund auch an vielen anderen Orten, wie zum Beispiel am Rhone-, am Gries- oder auch am Gamchigletscher, wo imposante Eiskuppen in sich zusammengefallen sind. Der Gamchi-?gletscher liegt zuhinterst im Kiental.

Das Eis ist noch 50 Meter dick

Michael Zemp, Leiter des World Glacier Monitoring Service, gibt dem Oberaargletscher noch etwa fünfzig Jahre. «Mitte Jahrhundert ist er wohl komplett geschmolzen», sagt der Glaziologe, der an der Universität Zürich lehrt. Je nach Szenario könnte dies auch schon früher der Fall sein. Die Rechnung ist relativ einfach: Der Gletscher ist gemäss Messungen der ETH noch etwa 50 Meter dick und verliert jedes Jahr einen Meter davon. Seit dem Ende der kleinen Eiszeit Mitte des 19. Jahrhunderts zog sich der Gletscher um 3,2 Kilometer zurück und verlor 50 bis 60 Prozent seiner Fläche und seines Volumens. Bei diesen Annahmen stützt sich Zemp auf die Siegfried- und Dufourkarten, die eine Rekonstruktion der Ausdehnung des Gletschers erlauben. Das Wasser, das noch im Eis gebunden ist, fülle noch eine Million Badewannen oder drei Mal den Oberaarstausee, schätzt Zemp. Als der See Anfang der 1950er-Jahre aufgestaut wurde, reichte die Gletscherzunge noch ins Wasser hinein. Die Eisabbrüche im Wasser verstärkten die Gletscherschmelze bis 1990. Dann verlor die Gletscherzunge den Seekontakt. Der See liegt auf 2300 Metern. Auch wenn sich die Erwärmung sofort stoppen liesse, der Oberaargletscher und die anderen Gletscher in der Schweiz würden weiter schmelzen. «Für das aktuelle Klima sind die Gletscher in der Schweiz noch etwa 30 bis 40 Prozent zu gross.» Die Gletscher reagierten verzögert auf die Klimaveränderung, sagt Zemp. «Der Wandel findet statt, und wir haben das Problem nach wie vor nicht im Griff.» Wenn Felsen und Steine ans Licht treten, so wärmt das die Umgebung zusätzlich auf. Der Schmelzprozess wird angeheizt.

Die Frage, ob beim Oberaargletscher ein ähnliches Ereignis möglich wäre wie bei Bondo im Bergell, lässt sich aus dem Stand nicht beantworten. «Man kann weder sagen, es drohe ein Bergsturz, noch, es könne nichts passieren.» Jedes Tal müsse für sich beurteilt werden, sagt Zemp. Erst danach könne man sagen, mit welchen Gefahren zu rechnen sei.

Frühere Schneeschmelze

Das Dahinschwinden der Gletscher hat auch Auswirkungen auf die Stauseen. Ohne die Eisreserven wird das meiste Wasser im Frühling anfallen. Im Sommer komme dann nicht mehr viel, erklärt Zemp, nur noch bei Niederschlägen. Das Gletscherwasser aber fällt weg. Die Schneeschmelze setzt früher ein und wird für die Abflüsse dominanter. Nach Schätzungen beträgt der Anteil des Gletscherwassers am Jahresabfluss der Aare beim Eintritt in den Brienzersee 13 Prozent; in Sommermonaten kann es aber ein Mehrfaches sein. Für Zemp heisst das, dass die Trinkwasserversorgung im Mittelland nicht generell gefährdet sein sollte. In Hitze- und Trockenperioden könne es aber zu Problemen bei der Verteilung der Restwassermenge kommen.

Der Oberaargletscher schmilzt auf der ganzen Länge – auch ganz oben beim Oberaarjoch auf 3208n Meter über Meer. Irgendwann könnte die Verbindung hinüber zum Studergletscher gekappt sein.

Beim Aletschgletscher, dem grössten Gletscher in der Schweiz, stellt sich die Frage, ob sich dieser gar bis zum Konkordiaplatz zurückziehen könnte. Dort ist das Eis noch 800 bis 900 Meter dick, 1850 waren es 150 Meter mehr. Der Aufstieg zur Konkordiahütte ist wegen des Rückgangs bereits entsprechend lang geworden. Jedes Jahr muss die Leiter wieder um ein Stück verlängert werden. Wie schnell der Abbauprozess beim Konkordiaplatz vor sich geht, hängt auch von einem unbekannten Faktor ab: «Wenn sich dort ein See bildet, kann es schneller gehen», sagt Zemp. Der Glaziologe rechnet aber damit, dass es den Aletschgletscher noch bis Ende des 21. Jahrhunderts geben wird, zumindest als Eisreste an den Bergflanken.

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