«Der Roboter könnte die Medikamente bringen»

Ursula Zybach, die künftige Präsidentin des kantonalen Spitex-Verbands, sagt, weshalb medizinische Pflege allein in Zukunft nicht genügen wird.

Eine pflegebedürftige Person erhält Hilfe von einer Spitex-Angestellten.

Eine pflegebedürftige Person erhält Hilfe von einer Spitex-Angestellten. Bild: Samuel Schalch (Archiv)

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Frau Zybach, der Spitex werden aufgeblähte Strukturen vorgeworfen, und jetzt erweitert der Kantonalverband den Vorstand. Weshalb?
Weil es uns damit gelingt, den Verband sowohl regional als auch fachlich breiter abzustützen. Die Vorstandsmitglieder werden viel Fachwissen einbringen. Ein Gremium mit zehn Mitgliedern ist nicht aufgebläht.

Dann halten Sie den Vorwurf für ungerechtfertigt?
Als er in der Spardiskussion im Grossen Rat gefallen ist, hat mich das überrascht. Ich übernehme das Präsidium erst im Juli und kenne noch nicht alle Einzelheiten, aber bisher bin ich keiner aufgeblähten Struktur begegnet.

Die Spitex der Stadt Bern steckt in der Krise. Werden Sie als neue Kantonalpräsidentin eingreifen?
Die Spitex Bern ist eigenständig. Man konnte in den Medien lesen, wie sie ihren Vorstand neu aufstellen will. Ich bin zuversichtlich, dass damit die Führungsebene rasch wieder handlungsfähig wird. Die Basis blieb dies jederzeit, die Arbeit bei den Kundinnen und Kunden funktionierte weiter.

In der Kritik steht die Spitex der Stadt Bern auch aufgrund der Höhe von Löhnen auf Führungsebene. Braucht es mehr Transparenz?
Ja, man sollte sowieso viel mehr über Löhne reden, dann würde auch der Unterschied zwischen Frauen- und Männerlöhnen schneller verschwinden. Reden führt zu klareren Lohnstrukturen.

Ist auch eine Begrenzung nötig?
Da bin ich vorsichtig. Es mag Unstimmigkeiten gegeben haben, und man sollte den eigenen Lohn nicht selbst bestimmen können. Aber grundsätzlich geht man in der Spitex haushälterisch mit den Mitteln um. Man soll immer alle Faktoren anschauen und nie von aussen urteilen.

Der Kanton hat derzeit mit der öffentlichen Spitex vereinbart, dass sie alle Kunden annimmt, wird aber für diese Aufnahmegarantie künftig weniger bezahlen. Zu Recht?
Man kann immer sparen. Die Folgen sind aber Einbussen bei Qualität oder Quantität. Der Kanton Bern ist gross, und wenn man flächendeckend einen Dienst aufrecht erhält, der bei einer Anmeldung am Morgen einen Pflegebesuch bereits am Nachmittag gewährleistet, so kostet das etwas. Die Verhandlungen sind im Gang, ich bin nicht involviert und möchte ihnen auch nicht vorgreifen.

Sollen alle, auch private Organisationen, eine Aufnahmepflicht haben?
Der Grosse Rat behandelt im Juni eine Motion, die das verlangt. Mich überzeugt diese Forderung nicht ganz. Es ist kaum effizient, wenn alle dasselbe machen. Wenn man sich dafür entscheidet, muss man klare Rahmenbedingungen definieren, sodass keine Doppelspurigkeiten oder Lücken entstehen.

Halten Sie die jetzige Abgeltung für die Aufnahmepflicht mit einer Pauschale pro Einwohner für gerecht?
So schlecht erscheint mir dieses Modell nicht. Aber natürlich sind andere Lösungen möglich. Bedingung ist, dass sie fair sind und verhindern, dass Patienten zurück ins Spital geschickt werden, weil zu Hause das richtige Spitex-Angebot nicht rechtzeitig zur Verfügung steht. Denn das wäre wesentlich teurer und auch menschlich der falsche Weg.

Heute bestehen, zumindest in grösseren Gemeinden, öffentliche und private Spitex-Organisationen sowie freischaffende Pflegefachpersonen nebeneinander. Finden Sie das gut?
Wettbewerb belebt den Markt. Es gibt viele Möglichkeiten zu regeln, wer um welche Zeit mit welchen Verkehrsmitteln Patienten zu Hause aufsucht. Sofern die Qualität stimmt, die Vielfalt nicht zu hohen Verwaltungskosten führt, die Abgeltungen den Leistungen entsprechen und gewährleistet ist, dass immer eine angemessen qualifizierte Person vor Ort sein kann, begrüsse ich diese Situation.

Was wird die Alterspflege langfristig beeinflussen?
Die steigenden Kosten im Gesundheitswesen, der sich abzeichnende Mangel an Fachpersonal und insbesondere die Digitalisierung. Dass Patientendaten ortsunabhängig verfügbar sind, verändert die Ausgangslage. Ausserdem stehen vermehrt Roboter zur Verfügung.

Möchten Sie von Robotern gepflegt werden?
Kürzlich ging an einem Pflege-Informationsanlass ein Roboter hin und her. Ich könnte mir schon vorstellen, einen solchen im Haus zu haben, wenn er mir meine Medikamente bereitstellt und mir schwierige Handgriffe abnimmt. Pflege enthält aber immer einen menschlichen Aspekt, den Roboter nicht abdecken.

Was verändert die Pflege noch?
Die Bevölkerung wird älter. Mein Vater ist soeben aus dem Spital zurückgekehrt, meine Eltern gehen auf die 90 zu. Früher wäre es kaum denkbar gewesen, dass 90-Jährige nach einem Spitalaufenthalt in die eigenen vier Wände zurückkehren. Das Unterstützungsangebot muss entsprechend angepasst werden. Hier genügt medizinische Pflege allein nicht.

Was braucht es zusätzlich?
Damit die Lebensqualität stimmt, braucht es Betreuung und die Vermittlung von Sicherheit.

Welche Rolle wird die Spitex dabei spielen?
Sie wird enger mit Pflegeheimen und weiteren Organisationen zusammenarbeiten und ihre Arbeit mit digitalen Innovationen ergänzen können. Wichtig ist auch die Arbeit von Sozialarbeitenden in Spitälern, die vor dem Austritt klären, welche Unterstützung Patienten zu Hause brauchen und wer sie anbietet. (Der Bund)

Erstellt: 29.05.2018, 06:55 Uhr

Ursula Zybach


Die SP-Politikerin und Spiezer Gemeinderätin ist noch bis Ende Mai Grossratspräsidentin. Sie wird ab Juli Präsidentin des Spitex-Verbands Kanton Bern.

Spitex: Turbulente Zeiten

Der Spitex-Verband Kanton Bern hat vergangene Woche Ursula Zybach zur neuen Präsidentin gewählt und den Vorstand auf 10 Mitglieder erweitert. Der Verband bildet das Dach für rund 50 öffentliche Spitex-Organisationen. Eine dieser Organisationen ist die Spitex Bern, die in den letzten Monaten wegen Konflikten auf der Führungsebene von sich reden machte. Die Spitex Bern ist für die Stadt Bern und Kehrsatz zuständig.

Die Krise war so heftig, dass der Gesundheitsdirektor des Kantons Bern, Pierre Alain Schnegg (SVP), das Vertrauen in den Verwaltungsrat der Spitex Bern verlor und ihn zum Rücktritt aufforderte. Mit der Nomination von Therese Frösch als neuer Präsidentin will die Organisation jetzt einen Weg aus der Krise finden. Die Generalversammlung wählt im Juni.

Beim Modell der Spitex stehen im Kanton Bern ab kommendem Jahr Veränderungen an: Derzeit geben die öffentlichen Spitex-Organisationen eine Versorgungsgarantie ab, sie nehmen sich also jederzeit aller Klienten an. Für diesen Dienst erhalten sie vom Kanton jedes Jahr eine Entschädigung, die gemäss Finanzkommission derzeit 21,6 Millionen Franken beträgt. Ab kommendem Jahr wird der Beitrag um 6 Millionen Franken gekürzt, so hat es der Grosse Rat beschlossen.

Ausserdem arbeitet die Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) an einer neuen Regelung, wie diese Entschädigung künftig auf die Spitex-Organisationen verteilt werden soll (der «Bund» berichtete). Wie sie kürzlich in einer Vorstossantwort mitteilte, prüft die GEF dabei auch den Vorschlag, die Versorgungspflicht auf alle Spitex-Organisationen mit einem Leistungsvertrag auszuweiten. Neben den öffentlichen Organisationen haben gemäss Angaben der GEF rund 40 private Spitex-Organisationen sowie rund 260 freischaffende Pflegefachpersonen einen Leistungsvertrag mit dem Kanton Bern.

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