Der Mann der vielen Anläufe

Der Grünliberale Michael Köpfli will als Regierungsrat «alte Zöpfe» abschneiden und gegen «Klientelpolitik» kämpfen. Im Parlament findet er dafür bisher selten eine Mehrheit.

Kantonspolitiker im Bundeshaus: Michael Köpfli leitet die Geschäftsleitungssitzung der Grünliberalen Schweiz.

Kantonspolitiker im Bundeshaus: Michael Köpfli leitet die Geschäftsleitungssitzung der Grünliberalen Schweiz. Bild: Franziska Rothenbühler

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Michael Köpflis Einstieg in die Politik war fulminant. 2008 wurde er, gerade mal 25-jährig, in den Berner Stadtrat gewählt. Sogleich begann er, die Berner Kita-Finanzierung umzukrempeln. Vier Jahre später war es vollbracht: In zwei Abstimmungen sprach sich das Volk für einen freien Kita-Markt mit Betreuungsgutscheinen und gegen die Kita-Initiative der SP aus. Eine kleine Sensation.

Natürlich hat der heute 35-Jährige das nicht allein geschafft. Anfangs hat Kathrin Bertschy das Projekt für die Grünliberalen betreut. Und die Abstimmungserfolge waren nur möglich, weil auch die Bürgerlichen mitmachten. Das sei nicht zuletzt Köpflis Verdienst, sagt Bertschy: «Er hat das Talent, in der Politik eine Führungsposition zu übernehmen. Er versteht die Argumente der anderen, kann Konflikte benennen und bezieht alle ein.»

Bertschy mit Köpfli – die beiden sind ein Team, seit sie sich 2007 am ersten Treffen der Grünliberalen Bern kennen gelernt haben. Ein Team, das 2011 auf eine harte Probe gestellt wurde. Doch dazu später.

«Im Stile eines Parlaments-Weisen»

Nicht alle nahmen den Jungparlamentarier Köpfli so positiv wahr wie Bertschy. Ein halbes Jahr nach seiner Wahl schrieb ein «Bund»-Redaktor: «Die jungen Wilden, sie werden den Angejahrten und Alteingesessenen bestimmt die Kutteln putzen, so die Hoffnung.» Doch Köpfli schreite «im Stile eines Parlaments-Weisen» ans Rednerpult, um seine Ratskollegen über Nebensächlichkeiten zu belehren. Auch bei den Linken kam Köpfli teilweise schlecht an, ganz besonders, weil er sich als kinderloser Ökonomiestudent ausgerechnet das Kita-Thema vorknöpfte.

Er liefere die Kinder dem Raubtierkapitalismus aus, warf man ihm vor. Die Gutschein-Befürworter hätten das Volk getäuscht, sagte Stadträtin Lea Kusano (SP). Inzwischen aber herrscht bis weit ins linke Lager Konsens darüber, dass das System funktioniert. Kusano sass mit Köpfli in der Arbeitsgruppe, die die Einführung begleitet hat. Heute sagt sie über ihn: «Er ist ein verlässlicher Partner.»

Man durfte annehmen, dass Köpflis Karriere so steil weiterverlaufen würde, wie sie begonnen hat. Doch es kam anders. Ein entscheidender Tag war der 23. Oktober 2011. Erst zum zweiten Mal in ihrer Geschichte traten die Grünliberalen bei eidgenössischen Wahlen an. Von drei auf zwölf Sitze im Nationalrat, grosser Jubel. Gejubelt hat auch Köpfli, doch nicht über seine eigene Wahl. Kathrin Bertschy und Jürg Grossen zogen für die Berner in den Nationalrat ein. Köpfli bekam 26 486 Stimmen, fast gleich viele wie die beiden, aber eben nur fast.

Bertschy und Grossen sind inzwischen landesweit bekannt und streiten sich in der «Arena» mit der Schweizer Polit-Elite über die Ehe für alle und die zweite Gotthardröhre. Köpfli kämpft noch immer gegen Subventionen für Viehschauen.

Die Zunge kommt kaum hinterher

Köpfli empfängt im Generalsekretariat der Grünliberalen Schweiz. Seit zwei Jahren ist er Generalsekretär der Partei. Diese Funktion ist für einen talentierten Politiker kaum das Ziel der Träume, doch sie ermöglicht ihm, trotz der Wahlniederlage auf nationaler Ebene mitzugestalten. Zum 23. Oktober 2011 sagt er: «Klar, es hat nicht viel gefehlt, aber das wurmt mich eigentlich nicht mehr.»

Einzig in diesem Moment wirkt Köpfli ein kleinwenig unsicher, braucht er Wörter wie «eigentlich», die signalisieren, dass es ihn eigentlich doch noch ein bisschen wurmt. Sonst ist er so, wie man ihn kennt: selbstsicher und rhetorisch brillant. Er spricht schnell. Trotzdem bekommt man den Eindruck, die Zunge komme den Gedanken kaum hinterher.

2015 wechselte Köpfli vom Stadt- ins Kantonsparlament. Mit seinem Vorwärtsdrang läuft er dort immer wieder auf. Er wünscht sich eine liberale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in der der Einzelne viele Freiheiten und viel Verantwortung hat. «Klientelpolitik» und «alte Zöpfe» sind ihm ein Graus. Das Herzensanliegen des Freidenkers ist die Trennung von Kirche und Staat. Mit seinen Mitkämpfern hat er zwar erreicht, dass der Kanton die Pfarrerlöhne nicht mehr direkt zahlt – indirekt tut es dieser aber weiterhin. Auch für seinen Vorstoss gegen das Salzmonopol fand er keine Mehrheit.

Und dann sind da noch die Viehschauen. Sie zeigen exemplarisch, was Köpfli stört am Grossen Rat. Mit 2,7 Millionen Franken pro Jahr subventioniert der Kanton die sogenannte Regional- und Tiervermarktung. Im November stand der Beitrag mal wieder zur Diskussion. Die Regierung schlug vor, ihn um 0,2 Millionen zu reduzieren. Die SP forderte 0,4 Millionen. Und Köpfli? Streichen! Von 2,7 Millionen auf null. Landwirtschaftspolitik sei Bundessache, sagte er. Am Ende war es wie oft: Köpfli hatte die Argumente, die anderen hatten die Mehrheit.

Viele würden unter diesen Umständen den Kompromiss suchen. Doch dafür sind Köpfli seine Werte zu wichtig. Kathrin Bertschy sagt: «Es gibt Themen, da will man keinen Kompromiss, weil der Status quo so ungerecht ist, dass ein Kompromiss nicht infrage kommt.»

Gerechtigkeit – ist es das, was Köpfli antreibt? «Ich würde eher von Fairness sprechen», sagt er. Ihn störe es einfach, wenn ein grosser Teil des Parlaments sein eigenes Portemonnaie im Blick habe, statt dasjenige der Bevölkerung. Köpfli ist im Baselbiet in einem politischen Elternhaus aufgewachsen. Seine Mutter sass für die SP im Gemeindeparlament. Anfangs war er «intuitiv gleicher Meinung». Dann begann er zu hinterfragen, studierte Volkswirtschaft, erfuhr im Stadtrat bei den Diskussionen um den Bärenpark und die Stadtbauten, «welch grosse Rolle Partikularinteressen in Parlamenten spielen». Er sei kein emotionaler Typ. «Aber das hat mich bewegt.»

«Das Blockdenken aufbrechen»

Köpfli verfolgt seine Ziele mit Geduld und Ausdauer. Während des Gesprächs sagt er immer wieder diesen Satz: «In der Politik braucht es oft mehrere Anläufe.» Funktioniert hat das bei den geschützten Notariatstarifen, die der Grosse Rat vor zwei Jahren doch noch aufgehoben hat. Köpfli betont, dass er sehr wohl kompromissbereit sei, wenn es darauf ankomme. So habe er bei der Umsetzung der Kita-Gutscheine diverse Änderungsanträge zurückgezogen.

Dass Köpfli seinen Blick fürs Machbare schon in diesem Jahr im Regierungsrat unter Beweis stellen kann, ist unwahrscheinlich. Zu stark sind die Blöcke links und rechts. Doch genau mit diesem Anspruch tritt Köpfli an: Er will «das Blockdenken aufbrechen». Er wird nicht so schnell aufgeben. Schliesslich braucht es in der Politik oft mehrere Anläufe. (Der Bund)

Erstellt: 06.03.2018, 06:43 Uhr

Das Foto

im Bundeshaus

2011 fehlten ihm knapp 500 Stimmen zur Wahl in den Nationalrat. Trotzdem ist Michael Köpfli seit zwei Jahren regelmässig im Bundeshaus anzutreffen. Als Generalsekretär der Grünliberalen Schweiz leitet er dort die Sitzungen der Geschäftsleitung, der als Vizepräsidentin auch seine langjährige Polit-Partnerin Kathrin Bertschy angehört. Man darf Köpfli als Berufspolitiker bezeichnen. Er wehre sich nicht gegen diesen Begriff, sagt er. Allerdings mache er als Generalsekretär nicht primär Politik, sondern habe die Funktion eines Geschäftsführers.

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Alle Texte: bernerwahlen.derbund.ch.

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