Wirtschaftsnaher Brückenbauer

Als Andreas Rickenbacher in den Regierungsrat gewählt wurde, war er erst 38-jährig. In seiner Amtszeit konnte er das Vertrauen der Wirtschaft gewinnen – im eigenen Lager ist er aber nicht unumstritten.

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Adrian Sulc@adriansulc
Basil Weingartner@bwg_bern

Berührungsängste mit der Wirtschaftswelt kennt Andreas Rickenbacher nicht. Als die CSL Behring Ende Juni in Lengnau den Spatenstich für ihr neues Biotech-Werk feierte, griff der SP-Regierungsrat strahlend zur bereitgestellten Schaufel. Es war eines seiner Prestigeprojekte, die Fabrik in den Kanton Bern zu holen. Rickenbacher reizte alle Möglichkeiten aus, um den Verwaltungsrat des australischen Pharmaunternehmens zu überzeugen – inklusive Besuch bei Bundesrat Johann Schneider-Ammann und einer Steuerbefreiung von zehn Jahren. Dies reichte schliesslich, um den Hauptkonkurrenten Singapur auszustechen.

Nach dem besagten Spatenstich in Lengnau begab sich Rickenbacher ins Festzelt, genehmigte sich Wurst und Bier und gesellte sich zu Uwe E. Jocham, dem künftigen Chef der Fabrik. Die beiden waren zu Scherzen aufgelegt, und es dauerte nicht lange, bis Jocham Rickenbacher wegen seines Parteibuchs aufzog. Der Volkswirtschaftsdirektor ist sich solche Sticheleien gewohnt, und so antwortete er routiniert und nicht ohne Ernst, dass es für eine funktionierende Wirtschaft auch Sozialpartnerschaft brauche. Diese Episode zeigt zwei Dinge: Wirtschaftsvertreter wie Jocham haben Rickenbacher als einen von ihnen akzeptiert und sehen es ihm nach, dass er politisch etwas vom bürgerlichen Kurs seiner Vorgänger abgekommen ist. Und: Rickenbacher vertritt eine Sozialdemokratie, welche den Kapitalismus nicht überwinden, sondern nur zähmen und sozialverträglich gestalten will. Diese Überzeugung ist auch eine Folge seiner früheren Tätigkeit als selbstständiger Unternehmer.

Erster Wirtschaftsdirektor der SP

Im Lysser Büro einer von ihm aufgebauten Agentur für Marketing, Kommunikation und Management wartete Rickenbacher am 9. April 2006 stundenlang auf das Wahlresultat – der regelmässige Griff in eine Kartoffelchipspackung beruhigte die Nerven. Doch Stunden später war der Coup perfekt. Anders als von vielen erwartet stellten nicht sechs Bürgerliche die Mehrheit im Regierungsrat, sondern vier linke Politiker – einer davon war der studierte Ökonom Rickenbacher. Der damals erst 38-jährige Seeländer verfügte zu jenem Zeitpunkt bereits über 12 Jahre Grossratserfahrung; zuletzt präsidierte er die SP-Fraktion. Fortan war er der erste sozialdemokratische Wirtschaftsdirektor des Kantons Bern. «Wir wussten schon vor seiner Wahl um Rickenbachers Affinität zur Wirtschaft – aber auch um seine Fähigkeit als Brückenbauer», erinnert sich die damalige SP-Präsidentin Irène Marti Anliker zurück. Letztere Fähigkeit wird quer durch das ganze Parteienspektrum geschätzt. Durch die Stimmbürger wurde Rickenbacher seither zweimal mit äusserst soliden Wahlergebnissen bestätigt.

Kritik kommt von links

Da er linke Anliegen wie die Erbschaftssteuer oder den Ausbau der flankierenden Massnahmen auf dem Arbeitsmarkt ablehnt, zog sich Rickenbacher den Unmut des eigenen politischen Lagers auf sich. «Er steht für eine eher konservative Wirtschaftspolitik ein», sagt Grossrat Blaise Kropf (Grüne). Der Wirtschaftsdirektor habe im Gesamtregierungsrat zudem den einen oder anderen Entscheid gegen rechts kippen lassen. Trotz dieser Kritik: «Rickenbacher ist eine wichtige Stütze des Regierungsrats und einer der wenigen in der aktuellen Regierung, der den strategischen Überblick bewahrt», sagt Kropf. Um etwas bewirken zu können, sei die Nähe zur Wirtschaft schlicht unerlässlich, sagt die amtierende SP-Präsidentin Ursula Marti. Und bewirkt hat Rickenbacher einiges – zumindest im Rahmen der begrenzten Einflussmöglichkeiten, die ein Wirtschaftsdirektor hat. Etwa die Schaffung einer gemeinsamen Wirtschaftsförderung mit den Westschweizer Kantonen oder die Ansiedlung von ausländischen Firmen. ?Die dabei verwendeten Hilfsmittel der Steuerbefreiung sorgten wiederholt für Kritik – ebenso die fehlende Transparenz der Steuergeschäfte. Unter anderem mit der Förderung der Cleantech-Industrie konnte Rickenbacher im eigenen Lager Sympathien zurückgewinnen. Das Platzen der Solar-Blase traf dann aber eben jenen Wirtschaftszweig ?und beschnitt den Erfolg. Seit 2014 präsidiert Rickenbacher die Konferenz der Volkswirtschaftsdirektoren (VDK). «Er hat sich stark für die Arbeitsplätze im Kanton Bern eingesetzt – obwohl die Lage im Kanton nicht einfach ist», sagt VDK-Geschäftsleitungsmitglied Kaspar Schläpfer (FDP).

Der Bund

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