Der Lehrer und sein «Zouber-Ängu»

Ein Berner Lehrer ging mit einer 15-jährigen Schülerin ins Bett. Dies kostete ihn seinen Job und seine Existenz. Wie konnte es so weit kommen?

In einem Schuhgeschäft kaufte der Mann für seine «Geliebte» High Heels und Stiefel (Symbolbild).

In einem Schuhgeschäft kaufte der Mann für seine «Geliebte» High Heels und Stiefel (Symbolbild). Bild: Keystone

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Das Obergericht hat einen Berner Lehrer sexueller Handlungen mit einem Kind und der Pornografie schuldig gesprochen. Das Obergericht bestätigte ein Urteil des Regionalgerichts vom November 2017. Der Mann wird zu einer Geldstrafe von 270 Tagessätzen verurteilt, weil er sich in finanziell schwierigen Verhältnissen befindet, wurde der Tagessatz auf den tiefen Wert von 30 Franken festgelegt. Die Geldstrafe ist aufgeschoben. Daneben muss der Mann, der nicht vorbestraft ist, aber eine Busse, eine Genugtuung von 2000 Franken an sein Opfer sowie die Verfahrenskosten zahlen. Das kürzlich publizierte Urteil ist noch nicht rechtskräftig, es kann noch weitergezogen werden.

Die sexuellen Handlungen liegen schon einige Jahre zurück, sie fanden an mehreren Wochenenden zwischen dem 26. Oktober 2013 und dem 5. Januar 2014 statt. Der Mann war damals 43-jährig und arbeitete zu 50 Prozent als Lehrer, daneben ging er einem selbstständigen Erwerb nach. Das Mädchen, das in einem Heim lebte, war 15-jährig. Die beiden kannten sich schon von früher, der Lehrer hatte das Mädchen in der 7. Klasse unterrichtet. Nun wollte sie bei ihm Gitarre lernen, nachdem sie wegen Magersucht während fast zweier Monate stationär behandelt worden war. Auch die Schule wollte sie wieder besuchen.

Heimleiter war informiert

Die Vormundin und der Leiter der Institution zeigten sich damit einverstanden, dass das Mädchen bei dem Lehrer übernachtete. Der Leiter soll sogar Andeutungen gemacht haben, dass es das Mädchen «manchmal bei älteren Männern versuchen würde». An den Wochenenden wurde aber nicht nur musiziert: Die beiden kochten zusammen, spielten Badminton, tranken Alkohol, rauchten – und es kam zu sexuellen Handlungen. Nach Ansicht des Gerichts bestand eine Liebesbeziehung, die Handlungen waren einvernehmlich. Der Mann sprach dagegen wenig glaubhaft «von platonischen Schwingungen» ohne Sexualität. Das Mädchen wiederum gab an, sie sei vergewaltigt und missbraucht worden. Auch das war für das Gericht nicht glaubwürdig.

Doch die zahlreichen Liebesbriefe und Karten, welche die beiden sich schickten, sprechen eine andere Sprache. Er nannte sie zum Beispiel seinen «Zouber-Ängu» und «Goldschatz» und unterschrieb mit «di Prinz». Sie nahm expliziten Bezug auf die körperliche Liebe, indem sie etwa schrieb, er werde bald kein Kondom mehr verwenden müssen, dann gehe es «richtig ab». Sie bezeichnete ihn auch als «sehr talentierten Liebhaber».

Das Mädchen hatte dem Mann auch bereits vor ihrer Beziehung Liebesbriefe geschickt. «Bezüglich der Beziehung zwischen der Privatklägerin und dem Beschuldigten lassen die gegenseitigen Briefe keinen Interpretationsspielraum offen», befand darum das Gericht. Es sei darum klar von einer gegenseitigen Liebesbeziehung auszugehen.

Hinzu kam Pornografie, denn der Mann kaufte der 15-Jährigen High Heels und Stiefel und fotografierte sie in aufreizenden Posen, wobei sie nur Unterwäsche trug. Die Fotos waren wohl für den Eigengebrauch bestimmt, jedenfalls gibt es keine Hinweise auf eine weitere Verbreitung.

«Schamlos» ausgenutzt

Zu Beginn des Jahres 2014 kam es zur Eskalation: Die Schülerin, die zu «impulsivem Verhalten» neigte, wurde eifersüchtig, als sie beim Mann den Liebesbrief einer anderen Frau vorfand. Sie drohte ihm damit, sein Leben «zur Sau» zu machen. Er sei am «Arsch», denn sie werde ihn anzeigen. Sie äusserte auch Morddrohungen und wünschte dem Bruder des Mannes den Tod. Zudem forderte sie, die in den Akten auch als labil bezeichnet wird, ihre Bilder zurück. Sie äusserte die Befürchtung, in der «Psychi» zu landen.

Sie vertraute sich einem Sozialpädagogen an, welcher die Polizei informierte. In der Folge kam es zu Befragungen, einer Hausdurchsuchung und dem Verfahren, das vor Gericht endete. Das Obergericht befand, der Mann habe das Vertrauensverhältnis im Wissen um das Schutzalter der Schülerin «schamlos» ausgenutzt, das sei verwerflich. Er hätte in der Lage sein müssen, sich abzugrenzen. Aufgrund des Altersunterschieds habe ein grosses Machtgefälle bestanden. Als Motiv sieht das Gericht den egoistischen Lustgewinn.

Ihm gehts «grottenschlecht»

Wegen der Vorfälle leitete die Erziehungsdirektion des Kantons Bern ein Verfahren betreffend Einstellung im Amt und Entzug der Unterrichtsberechtigung ein. Das Lehrerpatent wurde ihm entzogen, er arbeitete nicht mehr als Lehrer. Als Selbstständigerwerbender verdiente er zum Zeitpunkt des ersten Urteils 2017 noch etwa 3000 Franken im Monat. Er musste sich auch beim Sozialdienst anmelden. Seinen Zustand bezeichnete er psychisch, körperlich, seelisch und existenziell als «grottenschlecht». Burn-out, Erschöpfungszustände sowie Probleme mit einem Ohr führten zu zeitweiser Arbeitsunfähigkeit. Er konnte Rechnungen nicht mehr bezahlen und hatte Schulden.

Der Mann, der während zwanzig Jahren als Lehrer gearbeitet hatte, käme heute wohl nicht mehr mit einer Geldstrafe davon. Nach neuem Recht fiele aufgrund des Verschuldens «einzig eine Freiheitsstrafe als angemessene Strafe in Betracht», hielt das bernische Obergericht fest. (Der Bund)

Erstellt: 10.01.2019, 06:19 Uhr

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