Der Kanton Bern testet ambulante Palliativmedizin

Unheilbar kranke Menschen zu Hause sterben lassen: Dies möchte der Kanton bald häufiger ermöglichen.

Lieber zu Hause sterben als im Krankenhaus: Der Kanton testet ambulante Möglichkeiten der Palliative Care.

Lieber zu Hause sterben als im Krankenhaus: Der Kanton testet ambulante Möglichkeiten der Palliative Care. Bild: Symbolbild/Keystone

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Der Hausarzt und die Mitarbeiter des Pflegeheims, in dem Anneliese Winter (Name geändert) lebt, stossen an ihre Grenzen. Die schwerhörige Rentnerin leidet an Diabetes, Gefässverschlüssen und einer Parkinson-Erkrankung. Sie hat starke Schmerzen, deren Auslöser unklar ist. Oft verweigert sie die Einnahme ihrer Medikamente, da sie deren Wirkung nicht spüre. Auch ihre depressiven Symptome lassen sich nicht lindern. Der Hausarzt und die Mitarbeiter des Pflegeheims rufen schliesslich ein mobiles Palliative-Care-Team zu Hilfe.

Ein anderer Fall, ebenso aus dem Kanton Bern: Matthias Eichmann (Name geändert) hat eine psychomotorische Beeinträchtigung und leidet an Atembeschwerden. Er verweigert die Nahrungsaufnahme. Seine Betreuer sind uneins, ob sie ihn zum Essen zwingen sollen. Deshalb kontaktieren auch sie ein mobiles Palliative-Care-Team.

Solche spezialisierten mobilen Palliativdienste können bei Bedarf von Ärzten, Spitex-Organisationen und Sozialdiensten angefordert werden. Bedingung ist, dass die Patienten unheilbar krank sind und eine komplexe Behandlungssituation vorliegt (siehe Co-Text).

Informationslücken bei Ärzten

Die gerufenen mobilen Palliativ-Care-Teams unterstützen Ärzte und Pflegende mit ihrer Erfahrung und ihrem Fachwissen in der Palliative Care. Dabei sind sie im Normalfall ausschliesslich beratend und anleitend tätig. Die Verantwortung für die Behandlung bleibt bei den Versorgenden der Grundbetreuung.

«Dank der mobilen Teams können Kosten gespart werden, weil einige aus medizinischer Sicht unnötige Spitalaufenthalte vermieden werden», sagt Hans-Peter Kohler, FDP-Grossrat und Präsident der Gesundheits- und Sozialkommission. Dadurch, dass mobile Palliative-Care-Teams bei den Patienten zu Hause oder in Alters- und Pflegeheimen zum Einsatz kommen, müssen weniger Patienten ihre letzte Lebensphase in einem Spital verbringen. Ebenfalls bilden die Teams eine wichtige, kommunikative Brückenfunktion beim Übergang von einer stationären zu einer ambulanten Betreuung.

Bisher gibt es solche mobilen Teams aus Ärzten, Krankenpflegern und Freiwilligenorganisationen nur im Berner Jura und in der Region Thun. Es handelt sich dabei um die Équipe mobile des soins palliatifs der Kantone Bern, Jura und Neuenburg (Emsp-Bejune) und das Palliative-Care-Netzwerk Thun.

Der Kanton möchte nun mit einem Modellversuch die Verbreitung mobiler Palliative-Care-Angebote fördern. Im Gegensatz zu den bestehenden Diensten, die durch Spitäler betrieben werden, sollen die neuen spezialisierten mobilen Palliativdienste «gemeinsam durch Spitäler und Spitex-Organisationen geführt werden», sagt Andrea Hornung, Abteilungsleiterin Alter des kantonalen Alters- und Behindertenamts. Wie viel der Modellversuch kosten wird, und welche Regionen abgedeckt werden, kann Hornung nicht angeben. Dies solle der Modellversuch zeigen. Die Einladung zur Bewerbung werde «voraussichtlich Anfang nächsten Jahres» erfolgen. Hornung geht davon aus, dass sich vor allem Spitäler und Spitex-Organisationen melden werden, die bereits in der spezialisierten Palliative Care aktiv sind. Bei einem positiven Evaluationsergebnis der angenommen Offerten könne die Dienstleistung nach drei Jahren ordentlich beschafft werden.

Laut Christine Rossé, beratende Krankenpflegerin bei Emsp-Bejune, seien Ärzte und Spitex-Organisationen «sehr zufrieden» mit den Dienstleistungen des mobilen Palliative-Care-Teams. Sie könne sich nicht daran erinnern, dass in den vergangenen vier Jahren ein Arzt Behandlungsvorschläge abgelehnt habe.

Jedoch seien nicht alle Ärzte und Spitex-Organisationen über das Angebot der mobilen Teams informiert, bedauert Rossé. Auch Monica Fliedner, Co-Leiterin des Universitären Zentrums für Palliative Care am Inselspital, stellt an Schulungen und Gesprächen fest, dass Hausärzte immer wieder positiv überrascht seien, «was durch die Unterstützung der Palliative Care alles möglich ist». Laut Kohler haben Ärzte zwar keine Berührungsängste vor der Palliative Care, doch sei das Wissen über die mobilen Teams eingeschränkt, weil das Angebot noch nicht überall existiere. (Der Bund)

Erstellt: 22.07.2016, 07:11 Uhr

Palliative Care

Die Massnahmen der Palliative Care richten sich an Menschen mit unheilbaren, lebensbedrohlichen oder chronisch fortschreitenden Krankheiten. Der Schwerpunkt liegt in der Zeit, in der die Heilung als nicht mehr möglich erachtet werde oder kein primäres Ziel mehr sei, so die Schweizerische Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Begleitung. Im Fokus stehen dann die Linderung von Beschwerden sowie eine psychologische und spirituelle Begleitung der Patienten, idealerweise unter Einbezug der Angehörigen. «Das Ziel ist eine strukturierte Vorausplanung des Lebensendes zu erstellen», sagt Monica Fliedner, Co-Leiterin des Universitären Zentrums für Palliative Care am Inselspital. «Deshalb ist es wichtig, dass das interprofessionelle Palliativ-Care-Team frühzeitig Kontakt mit den Patienten aufnehmen kann.» Die meisten Patienten können im Rahmen der Grundversorgung (u.?a. Angehörige, Spitex, Alters- und Pflegeheime) betreut werden. Etwa 20 Prozent der Patienten benötigen spezialisierte Palliativ Care, weil ihre Behandlung komplex oder ihr Zustand instabil ist. Gemäss den nationalen Leitlinien wird spezialisierte Palliative Care nur beigezogen, wenn der Patient oder ihm nahestehende Personen dies wünschen.
(jmw)

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