Der Kanton Bern, regiert von Lehrern

Eine Berufsgruppe gibt den Ton an: Fast jeder zweite der seit 1945 gewählten Regierungsräte hat vor seinem Amtsantritt als Lehrer gearbeitet.

hero image

(Bild: Karikatur: Orlando)

Adrian Schmid@adschmid

Hans-Jürg Käser (FDP), Dori Schaer (SP), Peter Widmer (FDP), Hermann Fehr (SP): Sie alle haben etwas gemeinsam. Bevor sie Regierungsrat wurden, waren sie Lehrer. Seit 1945 wurden im Kanton Bern 48 Regierungsrätinnen und Regierungsräte gewählt, mindestens 21 von ihnen haben vor ihrer Wahl unterrichtet. Kein anderer Berufsstand ist und war in der Regierung besser vertreten.

Eben erst wurde wieder ein Lehrer gewählt. Christoph Ammann (SP) ist Rektor und Gymnasiallehrer in Interlaken. Und es könnte ein weiterer dazukommen. Für den zweiten Wahlgang am 3. April schickt die SP Roberto Bernasconi ins Rennen. Er ist Lehrer und Leiter einer Grundschule im Berner Jura. Wenn er gewählt würde, hätten gleich sechs von sieben Regierungsräten eine Lehrer-Vergangenheit. Nur Beatrice Simon (BDP) hat keine – sie ist aber mit einem Lehrer verheiratet.

In vielen Kantonen sind derzeitig ein bis zwei Lehrer in der Regierung vertreten, dennoch ist die Lehrer-Dichte im Kanton Bern aussergewöhnlich hoch.

Lehrer aus der SP – aber nicht nur

Warum so viele Lehrer? «So einfach erklärbar ist das wohl nicht», sagt Regierungspräsident Hans-Jürg Käser, der früher Sekundarlehrer war. Das Links-rechts-Schema etwa liefert keine Begründung, wie das Beispiel des freisinnigen Käser zeigt. Die meisten Lehrer im Regierungsrat waren zwar Sozialdemokraten, regelmässig wurden aber auch bürgerliche Lehrkräfte gewählt. Gemäss Käser seien sich Lehrer gewohnt, aufzutreten und Zusammenhänge aufzuzeigen. «Das ist für einen Regierungsrat sicher kein Nachteil.»

«Der Lehrerberuf bringt einen gewissen Status und einen Bekanntheitsgrad mit sich», sagt Adrian Ritz, Professor für Public Management an der Universität Bern. Zumindest zu Beginn einer politischen Laufbahn sei dies hilfreich. Doch die Leitung eines Klassenverbands oder eines Lehrerkollegiums sei kaum vergleichbar mit einer Direktion.

Die Erfahrungen, die man dazu benötige, sammle man nicht im Lehrerberuf. Käser bestätigt dies: Er habe als Regierungsrat vor allem von seiner militärischen Führungserfahrung profitiert – und seinen früheren politischen Tätigkeiten als Stadtpräsident von Langenthal und Chef der FDP-Fraktion im Grossen Rat. Ritz sagt: «Von ihrem beruflichen Erfahrungshintergrund her sind Lehrer als Regierungsräte nicht besser geeignet als Personen anderer Berufsgruppen.»

Der erste Firmenboss

Hinter den Lehrern folgen Juristen – Anwälte, Richter oder Notare. Dieser Berufsgruppe gehört jeder fünfte Regierungsrat seit 1945 an. Rund ein halbes Dutzend Regierungsmitglieder waren vor ihrer Wahl als Parteisekretäre tätig respektive arbeiteten in der Kantons- oder Bundesverwaltung.

Die Ärzte oder Unternehmer im Regierungsrat kann man an einer Hand abzählen. Mit SVP-Kandidat Pierre Alain Schnegg nimmt nun ein ehemaliger Firmenboss am zweiten Wahlgang teil. Bis vor ein paar Jahren führte er einen Informatikbetrieb mit über 100 Angestellten. Mittlerweile hat er die Firma verkauft. Heute ist er Verwaltungsratspräsident der Spitäler im Berner Jura mit 700 Mitarbeitenden. Kurz: Einen Unternehmer wie Schnegg gab es im Regierungsrat noch nie.

(Tabelle für Mobile: hier klicken)

Denn die Firmeninhaber, die bislang in die Regierung gewählt wurden, standen in keinen derart grossen Unternehmen in der Verantwortung. Der scheidende SP-Regierungsrat Andreas Rickenbacher war Chef seiner eigenen Beratungsfirma. Dora Andres (FDP) führte ein eigenes Beratungsbüro mit einer fixen Angestellten und zwei Aushilfen. Im Wahlkampf 1998 pries sie sich als «Unternehmerin» an. Ex-SVP-Regierungsrat Werner Luginbühl war einst Geschäftsführer eines Ingenieurbüros. Von 1966 bis 1978 amtete Simon Kohler als Erziehungsdirektor. Davor war der Freisinnige Inhaber eines Treuhandbüros und eines Uhrensteinfabrikationsbetriebs in Courgenay. Die Gemeinde liegt heute im Kanton Jura.

Argument Geld

Warum so wenig Unternehmer? Gemäss Adrian Ritz tragen sie eine grosse Verantwortung in ihren Betrieben. «Ein Regierungsamt ist damit schlecht vereinbar.» Viele Firmenchefs könnten die Geschäftsführung nicht einfach abgeben. Zudem seien erfolgreiche Unternehmer finanziell unabhängig; als Regierungsrat müssten sie wohl eine Gehaltskürzung in Kauf nehmen.

Von Regierungsratskandidaten werde politische Knochenarbeit verlangt, und Regierungsräte müssten mit Kritik aus Politik und Medien rechnen. «Es stellt sich die Frage, ob ein kantonales Regierungsamt wirklich attraktiv genug ist», sagt Ritz. Unternehmerische Dynamik und Innovation könnten einer Verwaltung guttun. «Doch eine Verwaltung ist keine Firma.» Nicht der Markt gebe die Richtung vor, sondern politische und rechtliche Strukturen. «Unternehmer müssen fähig sein, sich umzustellen.»

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt