Der fragliche Nutzen teurer Umfahrungen

Fachberichte stellen den Nutzen von teuren Verkehrssanierungen im Oberaargau und im Emmental infrage.

Für die Umfahrung von Aarwangen müsste auch eine neue Brücke über die Aare gebaut werden. Sie wäre insgesamt fast 500 Meter lang.

Für die Umfahrung von Aarwangen müsste auch eine neue Brücke über die Aare gebaut werden. Sie wäre insgesamt fast 500 Meter lang. Bild: zvg (Fotomontage)

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Etliche Kommissionsmitglieder dürften ihre Sommerferien verkürzt haben. Denn an der Sitzung der Bau-, Energie-, Verkehrs- und Raumplanungskommission (BAK) des Grossen Rats vom 18. August stehen umstrittene und gewichtige Geschäfte auf der Agenda.

So neben Standplätzen für Fahrende auch die Projektierungskredite für die Verkehrssanierungen im Emmental und im Oberaargau. Ein Strassenpaket, dessen Realisierung insgesamt knapp 560 Millionen Franken kosten würde. Bereits Anfang September entscheidet der Grosse Rat.

Die vorgeschlagenen Strassensanierungen orientieren sich an den Wünschen der lokalen Bevölkerung. Das Mitwirkungsverfahren Ende 2015 wurde wie ein Abstimmungskampf ausgetragen – und Baudirektorin Barbara Egger (SP) interpretierte es auch wie ein Abstimmungsergebnis. Jede Region und Gemeinde soll laut Regierungsrat erhalten, was sie gewünscht hat: neue Umfahrungsstrassen im Oberaargau und um Oberburg und Hasle im Emmental.

In Burgdorf hingegen will man, auch hier wie vor Ort gewünscht, auf die Umfahrung verzichten und stattdessen die Lage auf den bestehenden Strassen mit einem Paket von günstigeren Massnahmen verbessern.

Wo bleibt die Gesamtsicht?

Doch bezahlen wird die Verkehrssanierungen der Kanton – und zu einem noch offenen kleineren Anteil der Bund. Es stellt sich deshalb über die Region hinaus die Frage nach dem Verhältnis von Kosten und Nutzen. Auch dies hat die Baudirektion von Egger durch Experten des Planungsbüros Ernst Basler + Partner AG untersuchen lassen.

Günstige Variante «erbringt grösseren Nutzen als die Umfahrung».Fachanalyse zur Umfahrung Aarwangen.

Sie bewerteten für jede Region die teuren Umfahrungsstrassen und die massiv günstigere Alternative: Sanierungen im bestehenden Strassenraum, die sogenannte Variante Null plus. Ihre Analysen mit dem sperrigen Titel «Übergeordneter Beilagenbericht Bewertung» lagen bei der Mitwirkung auch öffentlich auf.

Einzelne Mitglieder der BAK haben die zwei Expertenberichte von 2015 wieder angefordert, und sie werden nun allen Kommissionsmitgliedern zugesandt. Sie können in der Tat einen Beitrag zu einer Gesamtsicht leisten.

Zweifel an Umfahrung Aarwangen

Schlecht schneidet in der Fachanalyse die 136 Millionen Franken teure Umfahrung von Aarwangen im Oberaargau ab – also die inzwischen vom Regierungsrat vorgeschlagene Lösung. Dies gegenüber Null plus, der günstigeren Sanierungslösung auf den bestehenden Strassen.

«Die Variante Null plus erbringt per Saldo einen grösseren Nutzen als die Variante Umfahrung», halten die Experten fest. Dies gelte insbesondere unter Einbezug der Kosten. Hier weise «Null plus im Verhältnis zwischen Nutzenpunkten und Kosten das bessere Ergebnis auf».

Anders sieht es erst aus, wenn man volkswirtschaftliche Faktoren wie die Erreichbarkeit einer Region einbezieht, die jedoch sehr schwer bezifferbar sind. Die Experten schrieben zwar explizit, dass «beide Varianten volkswirtschaftlich vorteilhaft» seien. Unter diesem Aspekt ist jedoch der Nutzen der Umfahrungsstrasse ein wenig grösser.

Schlechter Kompromiss?

Bezüglich der Verkehrssanierung im Emmental kommen dieselben Experten zu anderen, aber ebenfalls aufschlussreichen Schlüssen. Zunächst fällt auf, dass sie zwar Umfahrungsstrassen um Burgdorf, Oberburg und Hasle als die Optionen mit dem grössten Nutzen bezeichnen.

Allerdings sei die Differenz zu den kostengünstigen Varianten Null plus lediglich gering. Der Verzicht auf sämtliche Umfahrungsstrassen und die Verbesserungen im bestehenden Strassenraum werden ausdrücklich als «valable Option» charakterisiert.

Schlechter als die zwei konsequenten Lösungen – Umfahrungsstrassen überall oder nirgends – schneidet die Kompromissvariante ab, die der Regierungsrat nun vorschlägt. Sie biete «keinen der wesentlichen Vorteile» der konsequenten Lösungen.

In der Tat ist zum Beispiel die Befürchtung vorhanden, dass sich die beiden grundsätzlichen Optionen nicht einfach kombinieren lassen. Null plus setzt auf eine Steuerung und Verstetigung des Verkehrsflusses, neue Umfahrungsstrassen ermöglichen dagegen freiere Fahrt für mehr Autos.

Es ist jedoch zu erwarten, dass der Grosse Rat aus politischen Gründen an der Kompromisslösung im Emmental festhalten will. Orientiert er sich an der Fachanalyse, müsste er zumindest die Umfahrung von Hasle überdenken. Zwar ermöglicht diese, so die Experten, eine städtebauliche Aufwertung. Die Kostenwirksamkeitsanalyse spreche aber gegen die Umfahrung von Hasle. (Der Bund)

Erstellt: 10.08.2016, 06:34 Uhr

Strassenpaket für 560 Millionen Franken

Anfang September wird der Grosse Rat erst über die Projektierungskredite für die Umfahrungsstrassen und Strassensanierungen im Emmental und im Oberaargau entscheiden. Damit stellt er allerdings die Weichen für ein Strassenpaket, das laut vorläufigen Schätzungen 557 Millionen Franken kosten würde.

Im Oberaargau soll eine neue Umfahrungsstrasse die Ortschaft Aarwangen vom Durchgangsverkehr zwischen Langenthal und der Autobahn entlasten. Die Umfahrungsstrasse würde westlich von Aarwangen verlaufen. Die hohen Kosten von 136 Millionen Franken sind darauf zurückzuführen, dass sowohl ein Tunnel als auch eine neue, fast 500 Meter lange Brücke Teil dieser Umfahrung wären. Die Brücke würde die Aare und ihre Ufer weiträumig überspannen.

Im Emmental schlägt der Regierungsrat einen Mix unterschiedlicher Lösungen vor, die zusammengerechnet 421 Millionen Franken kosten würden. Die Ortschaften Hasle und Oberburg sollen neue Umfahrungsstrassen erhalten. Besonders kostspielig ist der Tunnel, der für die Umfahrung von Oberburg nötig würde.

Auf die Umfahrung der Stadt Burgdorf soll hingegen – zumindest vorerst – verzichtet werden. Die dafür vorgesehene Umfahrungsstrasse, die Burgdorf im Westen grossräumig umfahren hätte, stiess bei der Bevölkerung von Burgdorf auf Opposition. Befürchtet wurde die Zerstörung des natürlichen Erholungsgebiets der Stadt. In Burgdorf soll mit einem Bündel von Massnahmen die Verkehrslage auf den existierenden Strassen verbessert werden.

So sind neue Unterführungen unter der Bahn vorgesehen. Mit Ampeln soll der Verkehr besser gesteuert werden, der ÖV und die Velofahrer werden separate Spuren erhalten. Solche Massnahmen, die viel weniger kosten als Umfahrungsstrassen, wurden auch an den anderen Standorten geprüft. Den Ausschlag gab jedoch, dass die Bevölkerung dort Umfahrungsstrassen wünscht.

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