Der Elbenfreund im Berner Oberland

Er schuf den «Herrn der Ringe» und den «Hobbit». Das Modell für sein fantastisches Universum hatte der Schriftsteller J. R. R. Tolkien als jugendlicher Wanderer in der Schweiz gefunden.

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Auf der Suche nach schweizerischen Motiven im Werk von John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973) kommt man auch auf einem Umweg ans Ziel. Der Umweg: ein Essay mit dem hinter- und auch etwas unsinnigen Titel «Jungfrauen im Nachthemd - Blonde Krieger aus dem Westen» (2003), in dem der österreichische Autor Guido Schwarz Tolkien faschistoide Züge vorwirft.

Es gibt sie eben immer noch: diese Fantasykritik aus dem Geist des ironisch getarnten Bierernsts, der einem die Freude an einer märchenhaften Weltschöpfung verderben will. Hier ist sie wieder, sozusagen als Verwechslung von Mittelerde und Erde, von Elb und Nazi.

Ein Landschaftsgärtner-Ideal

Wobei Schwarz nicht immer ganz unrecht hat; der grundsätzlich multikulturelle Anstand des Autors und Philologieprofessors Tolkien hat ein paar Anteile von reinrassiger, erzblonder Gnadenlosigkeit. Ausserdem teilt er uns die reizende Geschichte mit, wie seine Mutter einmal den «Kleinen Hobbit» las und auf die nette Allegorie kam: «Die Hobbits sind eigentlich die Schweizer.» Und da sind wir doch bei unserem Thema.

Die real existierende Beziehung Tolkiens zur Schweiz ist auf eine konservativ-romantische Art landschaftsgärtnerisch geprägt. Nicht viel mehr als die literarisch inspirierende Erinnerung eines englischen Touristen an eine Naturkulisse von interesseloser Erhabenheit. Erwägungen über das Hobbithafte der Schweizer Eingeborenen wurden nicht angestellt. Sicher ist, dass Tolkien im Jahr 1911, also als 19-Jähriger, der noch keine mittelirdische Geografie entwickelt hatte, zusammen mit elf Kameraden die Schweiz bewanderte. Der Weg führte unter anderem ins Lauterbrunnental, und Tolkien muss da die Erfahrung von ästhetischer und klimatischer Vollendung gemacht haben. Jedenfalls ist der Indizienbeweis, dass er gerade jenes Tal später elbisch mystifizierte, so ziemlich lückenlos.

Das Berner Oberland zwischen Lauterbrunnen und Stechelberg erscheint im «Hobbit» (1937) und im «Herrn der Ringe» (1954) als Rivendell (deutsch: Bruchtal), als Heimat von Elrond, dem Elbenfreund, in unsterblicher Pracht. Und es sind Musik und Gesang in Elronds Halle des Feuers und ringsherum plätscherndes Wasser und der Duft von Bäumen und Blumen in allem. Der Fluss, der Rivendell durchfliesst, heisst Bruinen auf Elbisch oder Lautwasser in der Sprache der Menschen, und ein «Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur» (Ullstein 1981) empfiehlt dem Wanderer die Gegend vor allem im Herbst. Die Elben dort seien freundlicher als anderswo.

Silberhorn und Celebdil

In Rivendells Osten ragt hoch das Nebelgebirge. Manche Interpretatoren, einmal im schweizerischen Schwung, haben da Eiger, Mönch und Jungfrau hineinprojiziert, und vielleicht hatten sie recht. Eine Primärquelle verweist mindestens auf eine Inspiration durch das der Jungfrau vorgelagerte Silberhorn; «die Silberzinne - Celebdil - meiner Träume», so schrieb Tolkien noch 1968 an seinen Sohn, und wir erinnern uns: An der Flanke dieses Bergs zerschmetterte Gandalf der Graue den Balrog, jenen Feuerdämon aus den Tiefen des Ersten Zeitalters; sodass Eis und Glut, in denen dann Gandalf der Weisse geschmiedet wurde, im Grund berneroberländisch waren.

Überhaupt: Gandalf. Er scheint berglerische Verwandtschaft zu haben, wenn auch nicht schweizerische, streng genommen. In Tolkiens Nachlass fand sich eine Postkarte, auf der steht: «The Origin of Gandalf». Sie zeigt das Gemälde «Der Berggeist» (um 1925) des Allgäuers Josef Madlener, das in seiner Herzigkeit nur schwer auszuhalten ist: ein bärtiger Alter mit blauem Hut, der unter Tannen ein Reh streichelt, ein wenig sanfter Rübezahl, ein bisschen Schillers «Bergesalter» («Und mit seinen Götterhänden / Schützt er das gequälte Tier»). Und wenn das Gandalf ist, dann nicht jener, der Blitze schleudert in der Schlacht um Minas Tirith, sondern der, der gern mit Hobbits ein Pfeifchen raucht. Die Stimmung ist ausgesprochen vorälpisch.

Der Wohlklang und die Freiheit der Sprache

Dass aber die Hobbits Schweizer seien, wie die Mutter Schwarz vermutete, ist zu bezweifeln. Dann wäre ja Tolkien, der von sich sagte, er sei «in allem ein Hobbit, nur nicht in der Grösse», selbst ein Schweizer und in der Logik von Guido Schwarz ein verschroben-heimeliger Fröntler. Und das wäre das saublödeste Klischee über einen mittelenglischen Fantasten, der zu anständig und zu altmodisch war fürs Faschistoide, vielleicht nicht als Verfassungs-, aber sicher als Herzensdemokrat mit einem Traum vom alten angelsächsischen Freibauerntum. Und mit einer Neigung zum englischen Frühstück, zu farbigen Westen und zu selbst bestellten Gärten, wo keine Maschine geduldet war ausser dem Handrasenmäher.

Ohnehin war der wahre Sehnsuchtsort des Menschen und Philologen Tolkien nicht eine Gegend, sondern der Wohlklang und die Freiheit der Sprache, oder genauer: die friedliche Gemeinschaft jener, die in selbst erfundenen Elbenzungen reden. Einen von ihnen traf er als junger Leutnant 1916 an der Somme-Front, einen kleinen Mann, der während eines Vortrags über die Kunst, Menschen aufzuspiessen, plötzlich verträumt lächelte und sagte: «Ja, ich glaube, ich werde den Akkusativ mit einem Präfix ausdrücken.»

Der Bund

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