Der defensive Oberländer

Berner Wahlen

Der Sozialdemokrat Christoph Ammann ist ein Volkswirtschaftsdirektor, der auch bei den Bürgerlichen gut ankommt. Offen bleibt, was er der eigenen Partei bringt.

An seinem Amtssitz am Münsterplatz in Bern empfängt Christoph Ammann regelmässig internationale Delegationen – und erklärt ihnen den Kanton Bern.

An seinem Amtssitz am Münsterplatz in Bern empfängt Christoph Ammann regelmässig internationale Delegationen – und erklärt ihnen den Kanton Bern.

(Bild: Adrian Moser)

Dölf Barben@DoelfBarben

Wahrscheinlich ist Christoph Ammann die Art von Politiker, welche die SP im Kanton Bern braucht, um überhaupt eine Chance zu haben. Und deshalb kam er 2016 auch zum Zug. Denn nur einer wie er war in der Lage, eine Ersatzwahl in den Regierungsrat gegen die SVP zu gewinnen. Gross war der Vorsprung auf Lars Guggisberg nicht – er betrug nur rund 6000 Stimmen.

Der 49-jährige Haslitaler politisiert am rechten Rand der SP. Das erlaubte es vielen Bürgerlichen, ihn zu unterstützen. Insbesondere die BDP, den Albtraum eines SVP-Trios im Regierungsrat vor Augen, stellte sich praktisch unverhohlen hinter ihn. Ammanns Hang zur Mitte erleichtert ihm nun auch seine Arbeit als Volkswirtschaftsdirektor. Bei den Bürgerlichen kommt er gut an. «Er macht einen soliden Job und versucht, die Interessen der Wirtschaft ohne Scheuklappen zu vertreten», sagt Adrian Haas, Chef der FDP-Fraktion im Grossen Rat und Direktor des Handels- und Industrievereins HIV.

Regierungsrat Christoph Ammann antwortet auf drei Behauptungen.

Und: Ammann sei «noch eine Nuance stärker der Sache verpflichtet» als sein Vorgänger Andreas Rickenbacher. Der habe zuweilen einen Ball nach links gespielt, sagt Haas. Der Sache verpflichtet sein. Mit allen reden, allen zuhören. Tragfähige Lösungen suchen. Erfolge erst vermelden, wenn sie abgesichert sind. Das sind Sätze, die der Volkswirtschaftsdirektor in seinem geräumigen Büro am Münsterplatz von sich gibt. Er sitzt entspannt am Sitzungstisch aus Glas und klingt nicht viel anders als vor zwei Jahren, als das Interview noch in der Cafeteria des Rathauses stattgefunden hat.

Es sind Sätze eines typischen Exekutivpolitikers. Und das ist Ammann zweifellos. Schon als 30-Jähriger wurde er in Meiringen Gemeindepräsident. Die Zeit im Grossen Rat von 2006 bis zu seiner Wahl wirkt im Rückblick so, als wäre er bloss kühl gestellt worden für den Regierungsrat. Als Parlamentarier keine Provokationen, keine Angriffe mit rotem Kopf. Auffällig war nur seine Unauffälligkeit. Ihm, dem Zurückhaltenden, dem Sachbezogenen, kommt weiter zupass, dass er in der Volkswirtschaftsdirektion nicht in den Turbulenzzonen der kantonalen Politik agieren muss – ganz anders als Pierre Alain Schnegg von der SVP, sein ebenfalls vor zwei Jahren gewählter Kollege. Zudem hat Ammann bisher nicht viel falsch gemacht. Er gilt als fleissig, verlässlich und effektiv.

Und er legt Wert auf Korrektheit. Das Kollegialitätsprinzip ist ihm extrem wichtig. So wichtig, dass er darauf verzichtet, den Fragebogen der Wahlhilfeplattform Smartvote auszufüllen. Für ein Regierungsmitglied in einer Minderheitsposition sei Smartvote unbrauchbar, sagt er.

«Da hat Bern einen Anspruch»

Überhaupt ist der von seinen sozialdemokratischen Grossvätern und von freigeistigen Eltern geprägte Meiringer erst in letzter Zeit vermehrt in Erscheinung getreten. Er konnte Fortschritte vermelden bei seinen wichtigsten Anliegen. So hält die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa, eine Institution der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH, nun doch am Ableger in Thun fest. Dieser Erfolg ging auch auf Ammanns Konto und verlieh ihm Selbstvertrauen. Er fordert nun, Bern müsse in der Medizin ETH-Standort werden. Auch diese Forderung hat ihm Schlagzeilen eingetragen. Wegen der ETH-Milliarden, welche Zürich und Lausanne erhalten, sei Bern benachteiligt. Ammann sieht sich nicht als Bittsteller.

Er sagt: «Da hat Bern einen Anspruch; den habe ich angemeldet.»Dem Germanisten, der des Lateinischen mächtig ist und bis 2016 am Gymnasium Interlaken als Rektor arbeitete, geht es – vorab auf der Achse Biel-Bern-Thun – um Innovationspolitik und besonders um die Stärkung des Medizinstandorts. Sein Vorzeigeprojekt ist das Forschungszentrum Sitem-Insel AG in Bern. Bemerkenswert an diesem Projekt, das vor seiner Zeit aufgegleist wurde, sei, dass der Grosse Rat es gewagt habe, 25 Millionen Franken für ein Bauprojekt aufzuwerfen, ohne dessen künftige Nutzung zu kennen, sagt er.

Ammann konnte die Bundesfinanzierung sichern, und bereits steht fest, dass die Firmen Ypsomed und CSL Behring dort Forschungsabteilungen mit Dutzenden Arbeitsplätzen einrichten werden. Doch was bringt ein Regierungsrat seiner Partei, der bei politischen Äusserungen das Risiko scheut und so nüchtern agiert, dass man ihn als Wählerin und Wähler fast vergisst? Dass es auch anders geht, zeigt Pierre Alain Schnegg, der immer wieder mit pointierten Äusserungen auffällt. Ammann wehrt sich gegen den Vorwurf, farblos zu sein. «Ich bin nicht bloss ein Verwalter, ich bin das nie gewesen.»

Er lasse sich einfach nicht gern in die Karten blicken. Und es widerstrebe ihm, Projekte anzupreisen, die noch nicht reif seien. «In meinem Kompetenzbereich», sagt Ammann, «da setze ich durchaus linke Akzente.» Als Beispiele nennt er die Bio-Offensive und das Berner Pflanzenschutzprojekt – «ein Vorzeigeprojekt», das es in diesem Ausmass nirgends sonst gebe in der Schweiz.

«Er versucht, viel herauszuholen»

Und was sagt seine Partei? Vermisste sie nach links gespielte Bälle ihres neuen Regierungsrats, etwa während der hart umkämpften Spardebatte letztes Jahr? SP-Kantonalpräsidentin Ursula Marti verneint. Ammann nehme das Kollegialitätsprinzip zu Recht sehr ernst. Er sei äusserst loyal, auch gegenüber der Partei. «Wir wissen, dass er für uns so viel herausholt, wie möglich ist», sagt sie. Aber die Bürgerlichen seien in der Mehrheit und nicht bereit für Kompromisse.

Die Parteipräsidentin weiss, dass es durchaus von Vorteil sein kann, wenn ein Vertreter aus einer ländlichen Region für die SP im Regierungsrat sitzt, selbst wenn er bei einigen Themen etwas nach rechts abweicht. «Ammann hat ein ausgeprägtes Gespür für das Verhältnis von Stadt und Land», sagt sie. Wenn er sage, Stadt und Region Bern seien als Wirtschaftsmotor des Kantons sehr wichtig, klinge das viel glaubwürdiger, als wenn das sonst jemand sage.

Der Bund

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