Der Broker schaffte keinen «Mehrwert» für die Kunden, sondern für sich selbst

Gewerbsmässiger Betrug: So sieht es auch das Obergericht. Es glaubte dem Partyliebling nicht, dass er die Gelder der Kunden anlegen wollte, um deren Vermögen zu mehren.

Immer wieder erleichtern gewerbsmäßige Betrüger Kunden um ihr Geld. (Symbolbild)

Immer wieder erleichtern gewerbsmäßige Betrüger Kunden um ihr Geld. (Symbolbild) Bild: Christian Beutler/Keystone

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Wenn der heute 50-jährige Mann an einer Party auftauchte, war die Stimmung gut. Auch bei Botschaftsempfängen war der witzige und geistreiche Kulturkenner ein gern gesehener Gast. In diesem gediegenen Milieu lernte er die künftigen Opfer seiner Betrügereien kennen. Die Geschädigten sagten im Verlauf der Ermittlungen aus, er habe sich als Erbe eines grossen Vermögens samt Liegenschaften und als Kunstbesitzer ausgegeben und Fotos von seiner angeblichen Luxuswohnung am Zürichberg herumgezeigt. Laut Anklage war der in Bern Wohnhafte mittellos, hoch verschuldet und unterstützungsbedürftig.

«Kunden über Risiken im Bild»

Der Angeschuldigte bestritt jegliche Betrugsabsicht, sowohl vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland im Sommer 2016 als auch gestern vor dem bernischen Obergericht. Die Interessenten seien auf ihn zugekommen und hätten ihr Geld bei ihm anlegen wollen. Er habe sie über die Risiken aufgeklärt und die Gelder – darunter sechsstellige Summen – tatsächlich angelegt, um für die Kunden einen «Mehrwert» zu erreichen. Er vermochte jedoch der Strafkammer unter dem Vorsitz von Oberrichter Samuel Schmid nicht plausibel zu erklären, wo er das Geld platziert hat, auch als Schmid ihn verbal in die Zange nahm. Es gebe dafür verschiedene Möglichkeiten, sagte der Angeschuldigte nur vage.

Staatsanwältin Gabriela Mutti legte in ihrem Plädoyer dar, wie es nach ihrer Erkenntnis abgelaufen ist. Die Bankauszüge zeigten, dass der Angeschuldigte mit dem Geld seinen aufwendigen Lebensstil finanziert habe und immer stärker in einen Schuldensog geraten sei. Wenn die Opfer unruhig geworden seien, habe er sie mit Teilzahlungen besänftigt, oft mit Geld von anderen «Anlegern». So habe er quasi ein Loch gestopft und ein neues aufgerissen. Sein Lebensstil habe auf diesem Handeln gefusst, weshalb es gewerbsmässiger Betrug sei. Er habe weiter Urkundenfälschung begangen, indem er den Opfern selbst fabrizierte Dokumente mit der angeblichen Performance ihrer Anlagen präsentierte. Dieses Lügengebäude hätten die Geldgeber, die ihm vertrauten, nicht durchschauen können.

«Naive, unvorsichtige Opfer»

Der Verteidiger Florian Kaufmann sah dies naturgemäss anders und stellte die Opfermitverantwortung in den Mittelpunkt. Wer einem anderen ohne die geringsten Sicherheiten oder kritische Fragen freiwillig so viel Geld überlasse, handle fahrlässig und naiv. Oft vergässen Geldgeber ob der Aussicht auf gute Renditen jegliche Vorsicht. Sein Mandant sei kein Betrüger, sondern habe die ausstehenden Beträge stets anerkannt und versprochen, sie zurückzuzahlen. Für Geldforderungen seien im Übrigen Zivilgerichte zuständig. Sein Mandant verfüge über ein Aktienpaket, mit dessen Verkauf alle Ausstände beglichen werden könnten, sodass gar kein Schaden vorliege. Vor Gericht war der Wert des Pakets einer nicht kotierten Firma umstritten. Für die 70-tägige Untersuchungshaft verlangte der Anwalt eine Entschädigung. Der Angeschuldigte sagte, er schlage sich derzeit mit bescheiden entlöhnten Gelegenheitsjobs durch.

Die Vorinstanz hatte ihn wegen gewerbsmässigen Betrugs und Urkundenfälschung zu 30 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, 12 davon unbedingt. Das Obergericht bestätigte dieses Urteil gestern vollumfänglich. (Der Bund)

Erstellt: 14.11.2017, 21:03 Uhr

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