Der auffällige Fleiss der Bolliger

Die politische Partizipation hat nicht nur mit der Zugkraft der Vorlage, sondern auch mit der Bevölkerungsstruktur zu tun.

In Bolligen leben viele alteingesessene und wohlhabende Hausbesitzer, die sich besonders für Politik interessieren.

In Bolligen leben viele alteingesessene und wohlhabende Hausbesitzer, die sich besonders für Politik interessieren.

(Bild: Urs Flüeler (Keystone, Archiv))

Simon Wälti

Was die Erfüllung der Stimmpflicht anbetrifft, so können nur wenige Gemeinden im Kanton Bern Bolligen das Wasser reichen. Die Gemeinde mit gegen 6300 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt bei der Stimmbeteiligung meist zehn Prozentpunkte oder mehr über dem kantonalen und dem eidgenössischen Schnitt. Ein Beispiel aus der Vergangenheit: Als es am 6. Dezember 1992 um den EWR-Beitritt ging, stimmten in Bolligen 87,5 Prozent der Stimmberechtigten ab. Gesamtschweizerisch lag dieser Wert bei 78,7 Prozent. Ein anderes Beispiel, das noch nicht sehr lange zurückliegt: Ende Februar 2016, als der Entscheid über die Durchsetzungsinitiative anstand, gingen in Bolligen 74,9 Prozent der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger an die Urne, der kantonale Durchschnitt lag bei 61,6 Prozent. In Bolligen sind rund 4800 Personen stimmberechtigt.

Konkurrenz in Muri

Rudolf Burger, früherer Gemeindepräsident von Bolligen, Politologe sowie Journalist, hat die Teilnahme der Stimmberechtigten an Gemeindeversammlungen, Abstimmungen und Wahlen in den Jahren von 1983 bis 2018 eingehend studiert und darüber eine rund 100-seitige Broschüre verfasst. Die stärksten Konkurrenten bei den Gemeinden mit mehr als 1000 Stimmberechtigten seien häufig Muri, Bremgarten und Kirchlindach, sagt Burger. «Es sind Gemeinden des gehobenen Mittelstandes. Es gibt relativ viele Hausbesitzer oder Wohnungseigentümer.» Einen Einfluss habe jeweils auch, ob zugkräftige kommunale Vorlagen zur Abstimmung gelangten.

Burger stützte sich auch auf eine 2010 veröffentlichte Studie über das Stimmverhalten der Bolligerinnen und Bolliger. Die Stichprobe umfasste 472 Personen und bezog sich auf die Jahre 2007 bis 2009.

«Gemeindeversammlungen kommen dem Ideal der deliberativen Demokratie nahe»Adrian Vatter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bern

Adrian Vatter, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bern, bestätigt den Befund: «Das Phänomen, dass gerade einkommensstarke Agglomerationsgemeinden mit vielen gut Gebildeten eine überdurchschnittlich hohe Beteiligung aufweisen, findet sich sowohl im Kanton Bern als auch in anderen Kantonen.» Hinzu komme, dass in diesen Gemeinden viele «Alteingesessene» wohnten, die sich besonders für Politik interessierten.

In all den Jahren ist die Begeisterung für die Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen in Bolligen nicht geschwunden: Tendenziell rückläufig ist aber die Beteiligung an Gemeindeversammlungen. Zudem nehmen deutlich weniger Frauen als Männer teil: Sie machen jeweils nur rund ein Drittel aus. Burger spricht von einem «eklatanten Unterschied». Die meist eher tiefe Beteiligung an Gemeindeversammlungen könne, sagt Vatter, den politischen Prozess infrage stellen. Aber: «Dafür kommen Gemeindeversammlungen dem Ideal der ‹deliberativen Demokratie› nahe, weil die Entscheide auf der Grundlage einer Diskussion der verschiedenen Argumente gefällt werden.» Die Gemeindeversammlung als «Urform der Demokratie» geniesse auch heute noch vielerorts eine grosse Popularität.

Es kann auch ausufern

Die Beteiligung bei einer Gemeindeversammlung hat auch Auswirkungen auf deren Länge: «Je weniger Leute anwesend sind, desto kürzer sind die Versammlungen meistens», sagt Rudolf Burger. Auch der Umkehrschluss ist gültig: Sind besonders viele Leute anwesend, kann es lange dauern. So geschehen an der Gemeindeversammlung vom 26. August 2008 zur Ortsplanungsrevision, an der 1303 Stimmberechtigte anwesend waren. Die Beteiligung von fast 28 Prozent ist für eine grössere Gemeinde ein wohl fast einmalig hoher Wert. Die Versammlung wurde damals um 1.15 Uhr abgebrochen, die restlichen Geschäfte wurden vertagt. Der Bolliger Bürgerfleiss ist manchmal sehr strapaziös.


Die Broschüre «Stimmbeteiligung in Bolligen in den 35 Jahren der Selbstständigkeit» von Rudolf Burger wird am Dienstag, 28. August, um 19.30 Uhr aneiner Vernissage im Reberhaus in Bolligen vorgestellt.

Der Bund

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