Den stattlichen Hengst gab es mit Glück für 2400 Franken zu haben

Für 140'000 Franken wurden am Donnerstag die aufgepäppelten Pferde versteigert. Der Erlös steht eigentlich dem ehemaligen Besitzer Ulrich K. zu.

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Am Rednerpult vor den Stallungen hängt die Schweizer Flagge. Dahinter steht der Moderator der Auktion, Henri Spychiger, Ehrenpräsident des Schweizerischen Freibergerverbands, und schwitzt. Bereits zum dritten Mal muss er die Regeln erklären, auch auf Französisch. Diese lauten wie folgt: Für die Pferde dürfen die Interessenten maximal 500 Franken über den offiziellen Schätzwert bieten.

Die Versteigerung hat begonnen: Das Interesse an den gequälten Pferden aus Hefenhofen ist gross. (Video: Tamedia/SDA)

Danach entscheidet das Los. Das war bei den ersten zehn Pferden jedes Mal der Fall gewesen, denn das Interesse an der Auktion ist riesig: Aus der ganzen Schweiz sind Pferdefreunde, Bauern, Tierschützer und Schaulustige angereist, um der Auktion im Kompetenzzentrum des Armee-Veterinärdienstes in Schönbühl beizuwohnen. Auch das Interesse der Medien ist gross.

«Die Preise sind tief – aber man kauft auch die Katze im Sack»Bauer und Pferdehalter aus Solothurn

Verein gegen Tierfabriken präsent

Der Verein gegen Tierfabriken, eine radikale Tierschutzorganisation, nutzt das grosse Interesse der Öffentlichkeit für eine Plakat-Protestaktion vor dem zum Parkplatz umfunktionieren Truppenübungsplatz. Die Aktion kommt nicht bei allen Autofahrern gut an, und das kleine Grüpplein wird teilweise aufs Heftigste aus den Autos heraus beschimpft. Fragen des Journalisten will die Gruppe nicht beantworten.

Vor dem Eingang des Areals hat die Armee auf einer Infotafel die Fotos und Nummern aller zum Verkauf angebotenen Pferde ausgestellt. Eine Frau aus Solothurn notiert sich die Nummer einer braunen Stute. Darauf will sie später bieten, wie sie sagt. Die Preise findet sie «fair». Ein Pferdezüchter aus dem Aargau findet sie jedoch eher zu tief angesetzt. Er gibt jedoch auch zu bedenken, dass man ohne Kenntnis des Alters, des Ausbildungsgrades und der Krankengeschichte «die Katze im Sack» kaufe.

Insgesamt wurden am Donnerstag im Verlaufe des Tages alle 80 Pferde zum Maximalpreis verkauft. Vier Personen hatten vor der Verkaufsaktion den Behörden nachweisen können, dass dreizehn der in Hefenhofen TG gehaltenen Pferde ihnen gehörten. Bei den restlichen konnte die Herkunft nicht mehr geklärt werden. Entsprechende Papiere der Tiere vor ihrer Zeit bei der Armee gibt es keine. Es gelte deshalb: «Gekauft wie gesehen», so Moderator Spychiger zu Beginn der Versteigerung.

Wer kein Halfter besitze, könne von der Armee eines für 50 Franken beziehen. Der letzte Satz wird beim Publikum mit Gelächter quittiert. Zwischendurch gleicht die Stimmung einem Volksfest. Der Bären, die urchige Beiz auf der Armee-Anlage, macht heute wohl den Rekordumsatz seiner Geschichte. Die Wirtschaft hat zusätzliche Festbänke aufgestellt. Um 10 Uhr werden die ersten Biere verkauft.

Bei Pferd Nummer 4, einem stattlichen Hengst, schnellen viele Hände in die Höhe. 25 haben das Höchstgebot von 2400 Franken abgegeben. Nun entscheidet wieder das Los. Der Gewinner muss seine Personalien angeben, einen Kaufvertrag unterschreiben und bar bezahlen. Mit seiner Unterschrift verpflichtet er sich, das Pferd nicht zum «Verwendungszweck der unmittelbaren Schlachtung zu erwerben», so steht es im Vertrag.

«Die traumatisierten Pferde werden zu Discount-Preisen verschachert» Pferdehalterin aus Bolligen

Unter den Bietenden sind auch die beiden Organisationen Pferde in Not und Stinah (Stiftung Tiere in Not – Animal Help). Sie bieten fast immer mit – was bei den Privaten nicht immer gut ankommt. Eine Frau von Pferde in Not sagt, sie hätten bereits 300 private Interessenten gefunden, welche die Pferde aufnehmen könnten.

Geht der Erlös an Ulrich K.?

Nicht sämtliche Pferde sehen schlecht aus – denn alle wurden sie von den Rekruten frisiert und gewaschen. Ein Pferdezüchter aus Solothurn, um die 50 Jahre alt, in Bauernkluft und Strohhut, reagiert auf den Anblick der sauberen Tiere ungehalten. Das sei doch ein «Riesentheater», sagt er, «die Tiere sehen doch gut aus». Den ehemaligen Halter der Pferde, Ulrich K. habe man «fertiggemacht», sagte der Mann. Die Meinungen der Bauern und Tierschützer gehen hier zum Teil massiv auseinander. So kritisierte eine Pferdehalterin aus Bolligen die «überstürzte» Auktion und die «Verschacherung» der traumatisierten Pferde zu «Discount-Preisen».

Kritisiert wurde von den Tierschützern auch, dass der Erlös der Auktion dem Gesetz nach ausgerechnet Ulrich K. zustehe. Beim Kanton Thurgau bestätigt man dies, fügt aber hinzu, dass dies erst nach Abzug jeglicher Ausgaben des Kantons der Fall sei. Es sei «sehr unwahrscheinlich», dass nach Abzug der Kosten für Polizeieinsatz, Transport und Unterbringung der Pferde für Ulrich K. noch etwas übrig bleibe. Der Schätzwert der Pferde lag zwischen 100 und 2400 Franken. Daraus resultierte ein Gesamterlös von 140'200 Franken.

Tages-Anzeiger

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