Den Bauern drohen Ernteausfälle

Hitze und Trockenheit setzen vielen Bauern im Kanton Bern zu. Bauernpräsident Jörg Rüegsegger rechnet mit teils gravierenden Ernteeinbussen.

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Von Karotten keine Spur, dafür viel öder Boden: Die gesäten Rüebli wollen noch nicht spriessen. «Die Erde ist bis weit hinab sehr trocken», sag­t Annakatharina Zbären. Die Gemüsegärtnerin steht auf dem Feld, auf das die Sonne unbarmherzig herabbrennt, und begutachtet die Pflanzen. Manchen spricht sie gut zu: «Du schaffst das.» Zbären ist Teil der «Radiesli»-Organisation, einem kooperativen Zusammenschluss von Leuten, die gemeinsam Gemüseanbau betreiben. Neben einem kleinen Bauernhof in Worb wird gemeinschaftlich auf einem eine halbe Hektare grossen Feld gearbeitet und geerntet.

In den letzten Tagen sei es speziell trocken und warm gewesen. «Gerade die Jungpflanzen benötigen jetzt viel mehr Wasser als sonst.» Wenn es weiterhin so trocken bleibe wie jetzt, könne es vorkommen, dass die Karotten und Pastinaken dieses Jahr ausfallen oder nicht schön wachsen. Doch für Stress sorgt das bei Zbären nicht: «Wir haben keine Krise.» Man könne gut auf anderes Gemüse ausweichen, wenn eine Ernte ausfalle. Und im Gegensatz zu grösseren Betrieben, die Grossverteiler beliefern, «sind wir nicht darauf angewiesen, dass das Gemüse perfekt geformt ist».

Nachtschichten für Bewässerung

Andernorts im Kanton Bern ist die Lage prekärer. Etwa beim Gemüseproduzenten Thomas Hurni aus Gurbrü bei Kerzers. «Die grösste Herausforderung momentan? Die Pflanzen am Leben zu erhalten», sagt er. Zwar bestehe ein gutes System zur Bewässerung der Pflanzen. Doch wenn es wochenlang so heiss und trocken sei wie jetzt, komme auch dieses an seine Kapazitätsgrenzen. «Die Bewässerungspumpen sind oft ausgebucht.» Ausserdem haben die Kantone Freiburg und Bern kürzlich verboten, dem Fluss Biberen Wasser zu entnehmen. Durch eine Sonderbewilligung kann Hurni seine Felder jede zweite Nacht mit Wasser aus der Biberen bewässern.

Manchmal reicht das aber nicht, und einige Parzellen vertrocknen. Die Nachtschichten und die Organisation der Bewässerung fordern einiges ab: «Es ist bei uns gerade sehr hektisch.» Nicht nur der mangelnde Regen, auch die hohen Temperaturen sind problematisch. Die Hitze bewirke, dass etwa der Eisbergsalat nicht mehr «schön rund» wachse. «Genügt unser Gemüse den Qualitätsrichtlinien des Marktes nicht mehr, muss es vernichtet werden.»

Ernteausfälle im Gemüseanbau

Hurni ist nicht allein. Viele Gemüsebauern leiden unter der Trockenperiode und müssen Einbussen verkraften. Der Präsident der Genossenschaft der Gemüseerzeuger Seeland, Ueli Kilchhofer, prognostizierte unlängst in der «SonntagsZeitung», es werde Ernteausfälle geben, wenn die Bewässerung weiter eingeschränkt werden müsse. Die Trockenheit stellt aber nicht alle landwirtschaftlichen Branchen vor Herausforderungen. So ist die Lage etwa im Obstbau weniger schlimm als im Gemüseanbau, weil die Obstbäume mit einer effizienten Tropfenbewässerung versorgt werden. Sogar positiv wirkt sich die Wetterlage auf Steinobst, Trauben und Beeren aus, die durch viel Sonneneinstrahlung optimal reifen können.

Nicht nur die Branche, auch der Standort spielt eine Rolle: Besonders in Talgebieten und an Südhängen habe die Trockenheit teils gravierende Konsequenzen, sagt Hans Jörg Rüegsegger, Präsident des Berner Bauernverbands. Stark betroffen seien die Gebiete Oberaargau, Seeland, unteres Emmental, Mittelland, Aare- und Gürbetal. Am meisten litten Karotten, Kartoffeln, Zuckerrüben und Mais. Rüegsegger berichtet, dass das Gras vertrocknet, die Zuckerrüben und Kartoffeln nicht mehr wachsen und Getreide notreif wird. Im Berner Jura und im Oberland hingegen sei die Trinkwasserversorgung die grössere Sorge. Jetzt wünsche man sich Regen. Doch falle dieser zu schnell und zu heftig aus, sei das auch nicht optimal: Die Erde nehme den Platzregen nicht auf. «Dann droht Oberflächenwasser.» (Der Bund)

Erstellt: 22.07.2015, 06:59 Uhr

Seeland: Bevölkerung soll Wasser sparen

Die Worte auf dem Flugblatt der Gemeinde Seedorf sind unmissverständlich: «Es herrscht Notstand.» Aus diesem Grund sei es «absolut verboten», Wasser für das Bewässern des Gartens und des Rasens, fürs Waschen von Autos oder auch für das Füllen von Schwimmbädern zu brauchen. Und: Bauern dürfen derzeit ihre Felder nicht bewässern.


Diese Massnahme sei nötig, weil die Reservoirs nicht mehr zum Ausgleich gebracht werden können, wie das «Bieler Tagblatt» gestern schrieb. In Zahlen ausgedrückt heisst das: Derzeit fliessen insgesamt 900 Liter pro Minute in die Reservoirs, wie Gemeindepräsident Hans-Peter Heimberg zum «Bund» sagte. Am Abend, wenn die Leute von der Arbeit nach Hause kommen, steige der Verbrauch aber auf 1500 Liter pro Minute. Das habe zur Folge, dass sich die Reservoirs in der Nacht nicht mehr auffüllten. Die Grundversorgung ist gemäss Heimberg aber nach wie vor sichergestellt, «duschen, waschen und kochen können die Leute weiterhin».


Auch in den Gemeinden Twann-Tüscherz, Ligerz und La Neuveville ist die Situation angespannt. Weil sich die tägliche Auslastung der Wasseraufbereitungsanlage La Plage verdoppelt hat, ruft der Gemeindeverband Wasserversorgung Twann-Tüscherz, Ligerz, La Neuveville (TLN) dazu auf, «den Wasserverbrauch so weit wie möglich einzuschränken». So wird die Bevölkerung beispielsweise gebeten, zu duschen anstatt zu baden, auf das Waschen von Fahrzeugen zu verzichten und Waschmaschinen und Geschirrspüler nur dann laufen zu lassen, wenn sie voll sind. Eine Massnahme wird beim Schlendern durch die Dörfer ersichtlich: TLN hat etliche Brunnen abgestellt, die an die Trinkwasserversorgung angeschlossen sind. Für die Weinbauern bestehen derzeit keine Einschränkungen.



Grundwasserspiegel sinkt


Im Kanton Bern gibt es rund 400 Wasserversorgungen, ein Grossteil davon wird mit Grundwasser gespeist. Wie die Situation in den einzelnen Reservoirs aussehe, könne er nicht sagen, sagt Heinz Habegger, Vorsteher des kantonalen Amts für Wasser und Abfall (AWA). Dennoch: Von einem grundsätzlichen Problem könne derzeit nicht gesprochen werden. Die Grundwasserspiegel liegen zurzeit auf dem langjährigen Mittelwert, dies vor allem dank der starken Niederschläge im Mai. Die Grundwasserspiegel stiegen damals teilweise bis zu einem Meter über das durchschnittliche Niveau, sagte Habegger. Er räumt aber ein, dass die «Tendenz sinkend» sei.
(lsb)

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