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Dem Duft der Pflanzen auf der Spur

Matthias Erbs Geschichte ist die eines Bergbauernbuben, der früh weggezogen ist aus seinem Dorf im Simmental, hinaus in die Welt. Und der wieder zurückgekehrt ist – als Professor.

Matthias Erb und Christelle Robert wohnen in der zweiten Wochenhälfte mit ihren Kindern auf dem Generationenbetrieb. Wenn sie nicht dort sind, schauen seine Eltern zu den Tieren.
Matthias Erb und Christelle Robert wohnen in der zweiten Wochenhälfte mit ihren Kindern auf dem Generationenbetrieb. Wenn sie nicht dort sind, schauen seine Eltern zu den Tieren.
Manu Friederich
Erbs betreiben Mutterkuhhaltung mit insgesamt 20 bis 25 Tieren. Adlemsried ist eine Bäuertgemeinde - ein Weiler - ob Boltigen, auf der Sonnenseite des Simmentals.
Erbs betreiben Mutterkuhhaltung mit insgesamt 20 bis 25 Tieren. Adlemsried ist eine Bäuertgemeinde - ein Weiler - ob Boltigen, auf der Sonnenseite des Simmentals.
Manu Friederich
Am Max Planck Institut für Chemische Ökologie in Jena konnte Matthias Erb selber eine Forschungsgruppe aufbauen.
Am Max Planck Institut für Chemische Ökologie in Jena konnte Matthias Erb selber eine Forschungsgruppe aufbauen.
zvg
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Das mit dem Staubsauger-Roboter wäre ein netter Anfang: Er löst sich von der Ladestation und rollt ein paar Zentimeter auf den Parkettboden des Wohnzimmers hinaus. Dann scheint er es sich anders zu überlegen und zieht sich wieder zurück. Womöglich sind ihm zu viele Leute in der neu renovierten, geräumigen und hellen Wohnung.

Oder doch zuerst die Galloway-Rinder? Wie Christelle Robert im eleganten Mantel neben ihrem Mann durch den Neuschnee hinunter zum Freilaufgehege stapft, wo Matthias Erb mit einem kräftigen Handgriff den Seilknoten öffnet, mit dem das Tor gesichert ist.

Nein: Es muss die Sache mit der Nase sein. Das Riechen, das Duften: Das sind die Begriffe, die für beide Geschichten, die man über Matthias Erb eigentlich schreiben müsste, von Bedeutung sind. Zwei Geschichten, weil der 35-jährige Mann zwei Leben miteinander verbindet, die auf den ersten Blick kaum zu vereinbaren sind. Erb ist Bergbauer in Adlemsried, einer Bäuertgemeinde ob Boltigen im Simmental, dort, wo er aufgewachsen ist. Und er ist Biologieprofessor an der Universität Bern.

«Das kann man riechen»

Dann also die Nase. Wer aus der Berglandwirtschaft stamme, sei sich gewohnt, «mit relativ wenig Informationen ein Optimum herauszuholen», sagt Matthias Erb. Eine feine Nase und «so etwas wie ein sechster Sinn» seien besonders nützlich. Wenn beispielsweise ein Tier krank sei, «kann man das riechen». Als Forscher habe er schon oft von solchen Erfahrungen profitiert. Ihm sei stets bewusst, wie viel einem die Nase über die Umwelt mitteilen könne.

Eben erst habe er es wieder erlebt – bei der Forschung an einer «spannenden, invasiven Pflanze», die sehr viele Duftstoffe über die Wurzeln abgebe. «Man riecht das», sagt er und wiederholt den Satz: «Man riecht es, sofern man an der Pflanze riecht.» Diese Pflanze sei als Forschungsgegenstand seit längerem bekannt, aber noch nie habe sich jemand wirklich für ihre Duftstoffe interessiert. Eine feine Nase gekoppelt mit Instinkt als Forschungswegweiser? Ja, sagt Erb. Es sei gut möglich, dass er dank seiner Herkunft Entdeckungen mache, die ihm sonst nicht gelängen.

Die Eltern helfen tatkräftig mit

Damit keine Missverständnisse entstehen: Erb kann neben seiner Anstellung am Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Bern selbstverständlich nicht zu 100 Prozent auf seinem Bauernhof arbeiten. Und doch ist er kein Hobby-Bergbauer. Der Bauernhof, für den er die Verantwortung trägt, gilt als Gewerbebetrieb mit Subventionen und allem drum und dran. Es sei ein Experiment, sagt er, und es funktioniere nur, weil es ein Generationenbetrieb sei und seine Eltern und seine Frau tatkräftig mitarbeiteten. Und weil er so konzipiert sei, dass möglichst wenig Arbeit anfalle – also auf Fleisch- und nicht auf Milchproduktion ausgerichtet sei.

Wirtschaftlich betrachtet sei es ein «knappes Nullsummenspiel», sagt Erb. Aber das sei gar nicht der Punkt. «Es geht eher darum, eine Tradition fortzuführen.» Der Hof in Adlemsried hätte sonst kaum eine Überlebenschance gehabt. Eigentlich müsse man es so betrachten, dass seine Frau und er mit ihren Einkommen ihre landwirtschaftliche Tätigkeit subventionierten. Christelle Robert, eine Französin, ist ebenfalls Biologin mit Doktorhut. Sie ist als Wissenschaftlerin an der Universität Neuenburg tätig; durch ein Verbundprojekt arbeitet sie eng mit Erbs Abteilung zusammen. Die Wege der beiden hatten sich schon während ihrer Ausbildungszeit gekreuzt.

Wohnungswechsel am Mittwoch

Das berufliche Doppelleben fordert von ihnen einiges ab. Von Montag bis Mittwoch leben sie mit ihren kleinen Kindern in Bern. Die zweieinhalbjährige Lisa besucht die Montessorischule; der anderthalbjährige Valentin wird zu Hause von einer Nanny bertreut. Normalerweise am Mittwochabend fährt die ganze Familie nach Adlemsried. Donnerstags und freitags pendeln Christelle Robert und Matthias Erb nach Bern, meistens mit dem Zug. Seine Eltern und eine Betreuerin schauen an diesen Tagen zu den Kindern. So kann er von Donnerstag bis Sonntag am Morgen und am Abend die Tiere selber versorgen.

Mit 32 Jahren Professor

Erb durchlief seine Ausbildung mit viel Tempo. Nach der achten Klasse wechselte er als Wochenaufenthalter ans Gymnasium Hofwil. An der ETH Zürich studierte er Agronomie, am Imperial College in London erwarb er den Master in nachhaltiger Landwirtschaft, an der Universität Neuenburg schrieb er seine Dissertation zum Thema Interaktion zwischen Pflanzen und Schädlingen, und schliesslich gelangte er nach Jena ans Max Planck Institut für Chemische Ökologie, wo er, ausgestattet mit Fördermitteln des Nationalfonds und der EU, seine erste eigene Forschungsgruppe aufbauen konnte. 2014, als 32-Jähriger, wurde er als Professor nach Bern berufen. Hier beschäftigt er sich mit der Frage, wie Pflanzen Duftstoffe aufnehmen. «Dass sie Duftstoffe wahrnehmen können, wissen wir. Wir wissen aber noch nicht, wie sie es tun

Doch warum sind Matthias Erb und Christelle Robert überhaupt nach Bern zurückgekehrt, obschon sie an die Universität von Oxford hätten gehen können, wie er sagt? Seine Kindheit in einer Bergbauernfamilie, sein starker Bezug zur Natur und seine Verwurzelung im Simmental: Das alles habe bei diesem Entscheid eine wichtige Rolle gespielt. Die Familie, seine Eltern, das Generationenübergreifende hier in Adlemsried: «Das bedeutet für uns Lebensqualität – wir wollten nicht ein Leben lang internationale Nomaden bleiben».

Und eines dürfe man nicht unterschätzen, sagt Erb. Auch wenn die Universität Bern nicht den gleichen Ruf geniesse wie jene in Oxford – «sie ist hochkompetitiv und kann sich mit der internationalen Spitze messen». Hier arbeite eine ganze Reihe international anerkannter Topwissenschaftler. «Wir haben unseren Entscheid noch nie bereut.»

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