Deal über Laufzeit von Mühleberg?

Entweder die Sicherheit des AKW nachrüsten oder 2017 abschalten: So lautete die Wahl für die BKW. Nun sondiert sie, ob sie das Werk ein paar Jahre länger laufen lassen kann, wenn sie nur teilweise nachrüstet.

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Simon Thönen@SimonThoenen

2019 werde das Atomkraftwerk Mühleberg abgeschaltet – diese Ansicht kursiert in BKW-Mitarbeiterkreisen. Und auch bei einem Konkurrenzunternehmen der BKW will eine Quelle wissen: Die BKW verhandle mit den Aufsichtsbehörden über eine Vereinbarung. Die BKW sichere eine Abschaltung von Mühleberg bis 2019 zu – falls die Behörden weitgehend oder teilweise auf geforderte Nachrüstungen der AKW-Sicherheit verzichten. Die BKW verzichte dann ihrerseits auf allfällige rechtliche Rekurse gegen Auflagen beziehungsweise Schadenersatzforderungen.

Langzeitbetrieb bis 2026?

Das mögliche Abschaltdatum erstaunt. Bisher galt: Mühleberg muss auf Geheiss des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) bis spätestens 2017 über umfangreiche zusätzliche Sicherheitssysteme verfügen. Entweder investiert die BKW und betreibt das AKW noch lange. Oder sie investiert nicht und schaltet Mühleberg 2017 ab.

Auf Anfrage bestätigt BKW-Verwaltungsratspräsident Urs Gasche, dass die Geschäftsleitung der BKW den Auftrag hat, auch ein drittes Szenario zu sondieren, das zwischen den zwei Optionen liegt, die bekannt sind: Die erste ist, dass die BKW «nicht mehr über den normalen Unterhalt hinaus investiert und das Kernkraftwerk Mühleberg 2017 abschaltet». Die zweite wäre: «Die BKW investiert und setzt die Auflagen des Ensi für den Langzeitbetrieb einwandfrei um.» In diesem Fall gehe er davon aus, «dass wir das Werk mit grosser Wahrscheinlichkeit bis mindestens 2026 betreiben könnten».

Noch nichts unterzeichnet

Als neue dritte Variante soll die Unternehmensleitung abklären, «ob eine Zwischenlösung möglich ist». Diese umschreibt Gasche so: «Die BKW würde den Teil der Nachrüstungen umsetzen, den das Ensi für eine kurz begrenzte Laufzeit fordert. Der Betrieb des Kernkraftwerks Mühleberg bis 2019 ist eine Option, die zu prüfen ist.» Er könne den Termin aber nicht bestätigen. Sicher sei: «Eine Vereinbarung wurde bisher nicht unterzeichnet.»

Die Atomaufsicht Ensi bestätigt auf Anfrage: «Die BKW ist mit uns im Gespräch wegen verschiedener Laufzeitszenarien.» Inhaltlich nehme man dazu gegenwärtig nicht Stellung, sagt Ensi-Sprecher Anton Treier: «Unsere Fachleute prüfen das.» Interessant ist immerhin, dass Treier von verschiedenen Abschaltterminen spricht. Es könnte demnach auch ein späterer Termin als 2019 sein.

Noch im Dezember 2012 hatte das Ensi sehr kategorisch festgehalten, «der Langzeitbetrieb» von Mühleberg sei nur «unter strengen Auflagen» zulässig. Das hiess damals: nur dann, wenn die zusätzlichen Sicherheitssysteme «bis spätestens 2017» gebaut sind und funktionieren. Warum lässt sich das Ensi nun auf Gespräche über weitere, spätere Termine ein? «Wir müssen Anliegen der Betreiber entgegennehmen und prüfen», sagt Treier. «Was wir dann entscheiden, werden wir zu gegebener Zeit bekannt geben.»

Kritiker: «Fehlendes Rückgrat»

«Völlig verfehlt» wäre ein Entgegenkommen für AKW-Gegner Jürg Joss: «Falls das Ensi auf politischen Druck oder aus Rücksicht auf finanzielle Interessen seine Auflagen aufweicht, kann man es als Sicherheitsbehörde nicht mehr ernst nehmen.» Dies gelte auch im Hinblick auf die anderen AKW. «Wenn das Ensi bei Mühleberg kein Rückgrat zeigen sollte, wird es dies auch bei Beznau nicht tun.» Der Reaktorblock I von Beznau ist mittlerweile das älteste AKW der Welt. Mit zunehmendem Alter der AKW steige die Wahrscheinlichkeit, dass technische Systeme ausfallen. «Ein paar Jahre mehr können in diesem Alter bereits eine grosse Verschlechterung bewirken.»

Konkret ist für Joss klar, dass wohl auf die wichtigste Nachrüstung verzichtet würde: die Installation eines neuen Reaktorkühlsystems, das von der Aare unabhängig ist. Sehr bedenklich wäre aber auch ein Verzicht auf das neue, erdbebenfeste System zur Kühlung des Beckens mit den abgebrannten Brennstäben, findet Joss. Denn die Becken müssen auch nach einer Abschaltung des Atomkraftwerks noch mindestens sieben Jahre lang gekühlt werden.

Prognose zu Strompreisen zentral

Gasche betont, dass die BKW momentan nur Szenarien prüft, aber noch keinen Entscheid gefällt hat. Es gebe gute betriebliche Argumente für die «optimierte Zwischenlösung», sagt Gasche: Die Personalplanung und zum Beispiel die Vorbereitungsarbeiten für den Nachbetrieb, die Phase nach der Abschaltung, wären einfacher zu handhaben.

Als Verwaltungsratspräsident sei er nicht an den laufenden Sondierungen beteiligt, sagt Gasche. Dies sei Aufgabe der Unternehmensleitung. Er erwarte von ihr eine fundierte Auslegeordnung zu allen drei Szenarien, «damit der Verwaltungsrat wie angekündigt bis Ende 2013 seinen Entscheid über die Zukunft von Mühleberg fällen kann». Dieser werde «primär betriebswirtschaftlich geprägt» sein und hänge damit unter anderem auch von den Prognosen über die Entwicklung der Strompreise ab.

Der Bund

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