Das Ziel erreicht man nicht auf dem kürzesten Weg

Kirchen sind auf Velotouren markante Wegmarken – sie sollen zur Raststätte für Körper und Geist werden.

Kirche Niderscherli: Eine Velowegkirche auf der Radroute.

Kirche Niderscherli: Eine Velowegkirche auf der Radroute.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Markus Dütschler

Ein Kirchturm ist von weitem sichtbar. Das war von den Baumeistern durchaus so gewollt: Was als Erstes ins Blickfeld gerät, ist wichtig. Man denke nur an die Kathedrale von Vézelay im Burgund, die sich dem herannahenden Pilger über Kilometer ankündigt, lange bevor man vom Städtchen etwas sieht. Heute ist diese Funktion vielleicht etwas in Vergessenheit geraten. Das wollen die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn ändern. Zumindest wenn Velofahrerinnen und -fahrer durchs Land radeln, sollen sie sich nicht nur an den Kirchtürmen orientieren, sondern einen Halt im Gotteshaus einlegen: Kirche als Raststätte.

Bei einem solchen Projekt muss man nicht bei Adam und Eva anfangen, denn Velorouten gibt es bereits, signalisiert mit roten Wegweisern. So existiert etwa die Herzroute 99, welche die beiden grossen Seen im Westen und Osten verbindet: den Genfer- und den Bodensee. Der Weg führt durch den Kanton Bern. Was liegt näher für die Reformierten, als aufzuspringen? Laut Ralph Marthaler von Refbejuso, in der Kirchenzentrale zuständig für Kirche und regionale Entwicklung, passt das Angebot der offenen Kirchen gut zur Philosophie der Radler: «Man will die Strecke von A nach B nicht möglichst rasch zurücklegen, sondern über C und D fahren und dabei etwas erleben.» Menschen mit fernöstlichen Affinitäten würden sogar noch weiter gehen und sagen: Der Weg ist das Ziel.

Rast in der Kirche, geht das überhaupt? Reformierte Gotteshäuser haben den Ruf, stets geschlossen zu sein, obwohl es fast nur weisse Wände zu bewundern gibt – während katholische wahre Kunstsammlungen sind und immer offen stehen. Marthaler schmunzelt. Das seien Klischees, die längst nicht mehr stimmten. Drei von vier reformierten Kirchen seien tagsüber offen. Auch das WC sei meist zugänglich – auf einer Velotour sehr erwünscht. Der eine oder andere Cyclist wird sich – trotz verschwitztem Dress – ohne falsche Hemmungen in eine Kirchenbank setzen, sich ausruhen und über das Sinnbildliche des Unterwegsseins auf dem Lebensweg meditieren.

Kirche werde von vielen zu ausschliesslich mit dem Sonntagsgottesdienst gleichgesetzt, sagt Marthaler. Doch Kirche sei nicht nur die Gemeinde am eigenen Ort, sie sei überall präsent, auch unterwegs. «Wir sind offen, alle sind willkommen», das ist laut Marthaler die Botschaft. An einigen Orten finden Rastende Wasser vor oder Zettel mit einem Segensspruch für den Weg. In Walkringen gehört das Restaurant Sternen der Kirche, sodass die Raststätte für das leibliche Wohl gleich nebenan ist. Laut Marthaler ist es oft mit wenig Aufwand möglich, Bestehendes besser sichtbar zu machen.

Am gestrigen Pfingstmontag haben Kirchenmitarbeiter, auch solche aus Nachbarkantonen, sich an einer Probetour beteiligt, um den Weg aus der Sicht des «Konsumenten» zu erfahren. Gestartet wurde in Niederscherli. Der Weg führte nach Laupen, ins freiburgische Cordast zur reformierten Kirche, dann nach Murten in die französische Kirche. Möglicherweise wird der Weg im Luzernischen ebenfalls eingeführt. Der Kirchenveloweg ist laut Marthaler auch eine Möglichkeit, die Schönheiten von Randregionen ins Bewusstsein zu rücken und sie so zu stärken.

WC, Wasser, Segensspruch. Brauchte es nicht auch Ladestationen für ­E-Bikes, während sich der Reisende in der Kirche seelisch auflädt? Auf der Herzroute gebe es zahlreiche Gaststätten mit Ladestationen, sagt Marthaler. Leichter realisierbar erachtet er Velopumpen zum Füllen schlaffer Pneus. Das passt, gibt es doch Pneumatiker auch in der Kirche: Sie erforschen den Heiligen Geist, der an Pfingsten ausgegossen wurde: griechisch to pneuma und hebräisch ruach genannt: (Gottes-)Geist oder Windhauch.

www.refbejuso.ch; Verlauf der Veloroute 99: www.herzroute.ch.

Der Bund

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