Das Wahrzeichen von Biel wird zum Sanierungsfall

Das Kongresshaus gibt Biel etwas Grossstädtisches. Nun muss es für über 20 Millionen Franken saniert werden. Selbst ein Abbruch ist kein Tabu mehr.

Seit dem Bau der «Esplanade», die als Eisbahn genutzt wird, kommt die Architektur erst so richtig zur Geltung.

Seit dem Bau der «Esplanade», die als Eisbahn genutzt wird, kommt die Architektur erst so richtig zur Geltung.

(Bild: Adrian Moser)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Es muss sofort etwas geschehen mit dem Wahrzeichen der Stadt Biel: Von der Fassade des Bürohochhauses drohen Betonstücke in die Tiefe zu stürzen. Zudem sind sich die Ingenieure nicht sicher, wie lange die Spannkabel das spektakuläre Hängedach über dem Hallenbad noch tragen. Der Bieler Gemeinderat ortet «Gefahrenpotenzial» und kann eine «Gefährdung von Menschen» nicht mehr ausschliessen. 1,56 Millionen Franken fliessen nun in Sofortmassnahmen.

Doch damit nicht genug. Das in den Sechzigerjahren vom bedeutenden Architekten Max Schlup erbaute Ensemble aus Konzertsaal, Hallenbad, Restaurant, Kongressinfrastruktur und Hochhaus ist in einem schlechten Zustand und schreit nach einer umfassenden Sanierung. Um die Erdbebensicherheit zu gewährleisten, muss die Tragestruktur verstärkt werden. Zudem müssen die Schrägfassade des Saals, die Fenster des Hochhauses sowie die Bühnentechnik ersetzt werden. Zusammen mit vielen weiteren Massnahmen wird dies die Stadt über 20 Millionen Franken kosten.

Bedeutung wie Berner Münster

Das Bieler Kongresshaus ist ein Baudenkmal von nationaler Bedeutung. Für Benedikt Loderer, ehemaliger Chefredaktor der Architekturzeitschrift «Hochparterre» und heutiger Bieler Stadtrat, ist es für Biel ebenso wichtig wie das Münster für Bern. «Es steht für den Aufbruch Biels als Zukunftsstadt», sagt Loderer. Für viele wirkt das Kongresshaus «grossstädtisch» und wegen des Mangels an Bescheidenheit geradezu «unschweizerisch». Max Schlup erregte mit dem damals grössten Betonhängedach der Welt jedenfalls gar international Aufsehen.

Das Verhältnis der Bielerinnen und Bieler zu ihrem Wahrzeichen blieb über all die Jahre jedoch ein gespaltenes. Schon beim Bau wurden die Kosten massiv überschritten. Danach erregten sich die Gemüter immer wieder über Mängel des Gebäudes. Die erste Totalsanierung vor der Expo.02 wurde vom Stimmvolk denn auch erst im zweiten Anlauf genehmigt.

Nachdem 2016 das Areal des ehemaligen Gaswerks vor dem Kongresshaus von einem Parkplatz in einen öffentlichen Begegnungs- und Veranstaltungsort umgewandelt worden war und das Geviert gefühlsmässig von der Peripherie ins Zentrum rückte, hat sich das Blatt allerdings gewendet. Von der aufgeräumten Esplanade bietet sich jetzt plötzlich ein unverstellter Blick auf die kühne Konstruktion. Spektakuläre Fotos in den sozialen Medien zeugen vom wachsenden Stolz der Bevölkerung auf ihr umstrittenes Wahrzeichen. «Das Kongresshaus wird ganz neu wahrgenommen», sagt Architekt und Schlup-Kenner Ivo Thalmann. Er hat auch festgestellt, dass eine junge Generation Gefallen an der Architektur der Sechzigerjahre findet.

Kein Geld für «Betonklotz»

Dennoch sind die Stimmen, die einen Abbruch fordern, nicht verstummt. Wenn jetzt die grosse Sanierung gestemmt werden muss, bekommen sie sogar wieder Rückenwind. «Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende», sagt Pascal Fischer, Stadtrat der Kleinpartei Die Eidgenossen. Lieber breche man das Kongresshaus jetzt ab und baue etwas Neues, als noch viel Geld in den «Betonklotz» zu investieren. Auch für den parteilosen Andreas Sutter, einer der Doyens des Stadtrats, ist ein Abbruch denkbar, wenn die Sanierungskosten weiter steigen sollten.

Aber nicht nur einzelne Politiker denken über den Tabubruch nach. Selbst die Geschäftsprüfungskommission fordert den Gemeinderat auf, diese Variante zu prüfen. «Ein Abbruch steht für uns absolut nicht im Vordergrund», sagt Baudirektorin Barbara Schwickert (Grüne) zwar. Ganz ausschliessen kann sie das Szenario aber nicht. Sollte sich herausstellen, dass das Hängedach nicht mehr zu retten sei, müsse auch diese Variante ins Auge gefasst werden.

Erstaunlicherweise kommen Stimmen, die einen Abbruch des Kongresshauses fordern, immer aus bürgerlichen Kreisen, dabei war der Bau damals ein freisinniges Projekt. Erklären kann dies niemand so richtig. Gut möglich allerdings, dass es schliesslich weder um Parteipolitik noch um Architekturvorlieben gehen wird, sondern nur um nackte Zahlen. Ein Abbruch würde nach ersten Schätzungen etwa gleich viel kosten wie die Sanierung. Zudem würden damit gegen 100 Millionen Franken Buchwert vernichtet. Von den Kosten für den Ersatz des Hallenbades oder des Konzertsaals wagt man bei dieser Rechnung gar nicht mehr zu sprechen.

Der Bund

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