Das verletzliche Naturparadies

Die Sense ist der letzte unverbaute Fluss seiner Grösse und mäandriert durch eines der bedeutendsten Auenschutzgebiete der Schweiz.

Die Sense ist ein Fluss, der sich im Geschiebe ständig neue Wege sucht.

Die Sense ist ein Fluss, der sich im Geschiebe ständig neue Wege sucht. Bild: Adrian Moser

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Für viele Bernerinnen und Berner ist die Sense primär ein toller, natürlicher Naherholungsraum. Mal ist der Fluss lieblich träge. Mal tobt er bedrohlich reissend und aufgewühlt durch seinen Canyon. Nach jedem Hochwasser erscheint eine gänzlich verwandelte Naturlandschaft. Gemessen an der Zahl der in meditativer Musse aufgebauten Steinmännchen am Flusslauf müssen sich hier etliche auch an einem ausgezeichneten Kraftort wähnen.

Wers lieber wissenschaftlich als spirituell mag und Gewässerökologen fragt, wird auf eine andere Auszeichnung hingewiesen: Seit einer vergleichenden Untersuchung von 15 Alpenflüssen in der Schweiz, Deutschland und Österreich gilt die Sense als «wertvollster Alpenfluss Europas» (2011). Im Nachgang doppelte der WWF Schweiz mit einer Studie über den Zustand und die Schutzwürdigkeit der Schweizer Gewässer nach. Er kam wenig überraschend zum Schluss, die Sense verdiene als «bestbewertetes» Naturjuwel besonderen Schutz.

Vor diesem Hintergrund ist es geradezu erklärungsbedürftig, warum die Umweltorganisation nun zu einer weiteren Ode ansetzt: Der WWF startete am Mittwoch am Senseufer eine Sensibilisierungskampagne «für eines der letzten weitgehend intakten Flusssysteme der Schweiz» und rief die Aktionsgruppe Gewässerperle Sense ins Leben. Ein erster Grund für dieses Tun liegt in der Annahme der Umweltorganisation, dass der heutige, gute Schutz ohne permanenten Effort leicht erodieren könnte. Der zweite Grund ist weit schmerzhafter: Das «ausgezeichnete» Paradies erweist sich als verletzlich.

Nach Nase und Lachs die Forelle

Ein Indikator dieser Verletzlichkeit ist der Kollaps des Fischbestands im «besten aller Flüsse». Die Fischereistatistiken der Kantone Freiburg und Bern belegen über die letzten zwei Jahrzehnte hinweg einen Fangrückgang bei den Forellen von 80 Prozent.

Ursache dafür sind womöglich die rapiden Klimaveränderungen, die den im Gantrischgebiet entspringenden, kühlen Bergfluss – aus Fischperspektive – regelrecht hochkochen lassen. Laut Gewässerökologe Pascal Vonlanthen erhitzte sich das Wasser der Sense heuer auf 24 Grad. Das ist toll für Badende und tödlich für Forellen. Die Temperaturlimite, bei der der Fisch noch überleben kann, ist damit erreicht. Lachse und Nasen sind aus dem Fluss schon vor Jahren ganz verschwunden. In der Folge sieht man am Fluss auch keine Gänsesäger mehr.

Angst vor Kraftwerkplänen

Umso mehr gelte es jetzt, «jegliche weitere Beeinträchtigung» des hochsensiblen Auengebiets zu vermeiden, argumentiert Herbert Känzig, der Präsident der Freiburger Sektion des WWF. Känzig spielt damit auch auf die Kraftwerkpläne am Oberlauf der Sense, bei Zollhaus, an. Dort entwickelten die BKW Pläne für ein Kleinwasserkraftwerk, sistierten diese aber 2014. Laut Känzig muss «die Reaktivierung solcher Kraftwerkpläne unbedingt vermieden werden». Das Kraftwerk der BKW wäre zwar ausserhalb des heutigen Auenschutzperimeters zu liegen gekommen, hätte aber Art und Zustand des Flusses einschneidend verändert. Die Lesart des WWF: Weil die meisten unter Druck stehenden und bedrohten Arten entlang von Gewässern zu finden sind, ist der Schutz des «Ausnahmegewässers» Sense doppelt wichtig.

Behörde mit offenem Ohr

Mit der Veredelung der Sense zur «Gewässerperle» wollen die Umweltschützer auch «die Behörden sensibilisieren». Diese zeigen keine Abwehrreflexe. Marius Achermann vom Amt für Natur und Landschaft des Kantons Freiburg beispielsweise geht vielmehr weitestgehend mit den Naturschützern einig. Die Rolle der Sense als «Hotspot der Biodiversität» stellt er kein bisschen infrage. Genau wegen dieser Bedeutung habe man vor Jahren «gar ein Betretungsverbot für gewisse Gebiete in Erwägung gezogen».

Gleichzeitig fürchtet Achermann keine neuen Kraftwerkspläne: Der mäandrierende und geschiebereiche Fluss habe schlicht ein zu bescheidenes Gefälle. Die Nachrecherche bestätigt: Planungen für die hydrologische Nutzungen an den Senseoberläufen laufen derzeit keine.

Das nachdoppelnde Engagement des WWF mag damit zusammenhängen, dass Schutz immer ein verhandelbares Gut ist – selbst bei mit Superlativen behafteten Gewässern wie der Sense. Wer sein Gedächtnis etwas fordert, dürfte sich beispielsweise daran erinnern, wie sehr der heutige Schutz der Sense das Ergebnis eines zäh erstrittenen Gesinnungswandels ist. Der «wertvollste Alpenfluss Europas» war über lange Jahre kein spiritueller Kraftort, sondern ein martialischer. Streckenweise war das Flusstal nämlich militärisches Übungsgelände: Schützenpanzer preschten durchs Flussbett und Infanterietruppen nahmen mit scharfer Munition die «unwirtschaftlichen Hänge» der Senseschlucht ins Visier.

Militär ist weg, aber wir sind da

Das Militär ist heute «draussen». «Drinnen» sind in steigender Zahl Erholungssuchende. Aus umweltschützerischer Sicht sind sie mitunter das neue Dilemma. Schutz lässt sich dann dauerhaft aufrechterhalten, wenn viele Menschen den ökologischen Wert des zu Schützenden kennen und teilen. Je mehr aber den geschützten Raum selber erfahren wollen, desto grösser wird der Druck auf das zu Schützende.

Behördenvertreter Achermann und Umweltaktivist Känzig sagen es mit fast identischen Worten: Mag sein, es genüge derzeit, keine weiteren Parkplätze an der Sense zu bauen. Diese Forderung steht im Raum, weil die Armee einige panzertaugliche Zufahrten in den Flussgraben gepflügt hat. Will man dort reguläre Parkplätze schaffen, müsste man diese gegen die dynamischen Erosionskräfte der Sense schützen – also das unterbinden, was diese sich ständig erneuernde Biosphäre ausmacht. (Der Bund)

Erstellt: 24.08.2017, 07:02 Uhr

Schutz in Raten

Das Auenschutzgebiet der Sense ist das Ergebnis eines langen Prozesses. Die Kantone Bern und Freiburg schieden zwar bereits 1966 ein gemeinsames, die Kantonsgrenze überschreitendes Schutzgebiet aus. Die gleichzeitige militärische Nutzung des Sensegrabens durch Brückenlegerpanzer und Infanterietruppen führte aber zunehmend zu Widersprüchen.

Der für die Sense «qualitätssichernde» Durchbruch war die 1992 in Kraft getretene Auenschutzverordnung: Seither gilt der Senselauf zwischen Thörishaus und Zollhaus als Auenschutzgebiet von nationaler Bedeutung. Die Erarbeitung der konkreten Nutzungs- und Schutzreglemente für das bernische und das freiburgische Senseufer dauerte dann allerdings Jahre. Das Regelwerk wurde erst 2003 abgeschlossen.

Gegenwärtig laufen nun Anstrengungen, den «unnatürlichsten» Teil der Sense umzugestalten, den begradigten Unterlauf: Das 2016 vorgestellte Projekt «Sense 21» hat unter anderem zum Ziel, dem eingepferchten Senseunterlauf wieder einen Gewässerraum von 100 Metern Breite zuzugestehen.

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