Das verbindet Donald Trump und Franziska Teuscher

Donald Trump betreibt mit Twitter Machtpolitik. Er tut dies zwar rüde, ist aber authentisch. Berner Politiker schöpfen das Potenzial der sozialen Medien in der Regel hingegen nicht aus.

Eines muss man Donald Trump lassen: Der US-Präsident liegt als Twitterer unter Politikern ganz vorne.

Eines muss man Donald Trump lassen: Der US-Präsident liegt als Twitterer unter Politikern ganz vorne. Bild: Keystone

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«Nordkorea will Probleme. Wenn China uns nicht hilft, werden wird das Problem selbst lösen.» Mit solchen Kurznachrichten macht der neue US-Präsident Donald Trump Politik. Das ist zwar oft wirr und stets skurril, interessiert aber die Massen: Mit der Nachricht zu Nordkorea erreichte der Politiker am Dienstag auf Twitter über 27 Millionen Nutzer. Ungleich weniger «Follower» haben Berner Exekutivpolitiker. Doch sollten sie deswegen nicht auf die Nutzung von sozialen Medien verzichten, sagt Social-Media-Experte Jürg Kobel. Politiker könnten damit den Dialog mit den Bürgern pflegen und sich mit ihren Kernthemen profilieren. Voraussetzung dafür sei aber, dass regelmässig kommuniziert werde und eine Strategie vorhanden sei.

«Ein Politiker muss wissen, was er mit sozialen Medien erreichen will.» Inhaltlich müsse die Politik im Vordergrund stehen – es habe aber Platz für Privates. «Man muss authentisch sein.» Das interessiere die Nutzer. Authentisch ist der cholerische Trump, der hemmungslos austeilt: Feindliche Politiker sind «korrupt» und «abscheulich», kritische Zeitungen «erfolglos» und eine «Schande für die Medienwelt». Mit der Wahrheit nimmt er es nicht immer so genau. Machen es Berner Exekutivpolitiker im Netz besser? Der «Bund» hat die Twitter-Profile der Berner Regierungsräte und der Stadtberner Gemeinderäte analysiert.

Alec von Graffenried, Berner Stadtpräsident (GFL), @avongraffenried
Berns Stapi ist erst seit Juni 2016 online, dies, nachdem der damalige Kandidat für seine Abstinenz kritisiert worden war. Ihm ist es in kurzer Zeit und dank professioneller Hilfe gelungen, einen Stamm an Followern aufzubauen. Während die heute 1240 Leser im Wahlkampf täglich Bilder, Weisheiten und Lesetipps zu sehen und lesen bekamen, gibt sich von Graffenried seit der Wahl wortkarger. Er teilte mit, sich fortan nur noch zu Dingen zu äussern, die sein Amt betreffen. Zu sehen gibt es nun Bilder von Staatsbesuchen in Bern oder Hinweise auf einen bevorstehenden Auftritt – etwa jenen an der Eigenheimmesse neulich.

Fazit: Von Graffenried macht es nicht schlecht. Nach dem Schnellstart scheint der Elan aber verflogen zu sein. Das Potenzial wird so bei weitem nicht ausgeschöpft.

Barbara Egger, Regierungsrätin (SP), @EggerJenzer
Seit fast 15 Jahren ist sie Regierungsrätin – auf Twitter ist sie erst seit dem letzten September. Von der elektronischen Öffentlichkeit wurde dies nur sehr bedingt zur Kenntnis genommen: Egger folgen erst 108 Nutzer, obschon die kantonale Baudirektorin regelmässig «twittert». Es geht in erster Linie um drei Themen: die Ja-Kampagne zur Umfahrungsstrasse Aarwangen, die Mundartpopgruppe Jeans for Jesus ihres Sohns und die Fussballer der Berner Young Boys. Hin und wieder teilt Egger Artikel, die sie persönlich gut findet – etwa solche zur Situation der Linken in Europa.

Fazit: Egger macht vieles richtig, bietet Authentisches und Überraschendes. Vieles ist aber repetitiv. Zudem hat sie den richtige Zeitpunkt für den Einstieg in die sozialen Medien um Jahre verpasst.

Beatrice Simon, Regierungsrätin (BDP), @bernerfinanzen
Wie Egger hat sich auch Simon erst kürzlich bei Twitter registriert – unter dem amtlich wirkenden Namen «Bernerfinanzen». Gleichwohl äusserte sie sich zuletzt vor allem zum Sport, und dies durchaus launig. «Wichtige Mitteilung: Wegen der hohen Temperaturen wurde heute beschlossen, den Final im Eishockey als Wasserballturnier durchzuführen.» Zudem veröffentlichte Simon auch Bilder von Firmenbesuchen oder Artikel, die über ihre Direktion geschrieben wurden.

Fazit: Simon hat bisher den richtigen Mittelweg zwischen Relevanz und Lockerheit noch nicht gefunden. Viele ihrer Nachrichten wirken banal. Das registrieren auch die Twitternutzer. Nur eine zweistellige Zahl davon hat bisher auf «Folgen» gedrückt.

Pierre Alain Schnegg, Regierungsrat (SVP), @paschnegg
Das amtsjüngste Regierungsmitglied ist das Twitter-Urgestein im Gremium. Schnegg «twittert» bereits seit sieben Jahren. Seither verfasste der vormalige Unternehmer über 3000 Kurznachrichten, einst vor allem zum Thema Informatik, aber auch zu politischen Themen wie Sozialhilfemissbrauch oder Spitalwesen. Im Wahlkampf setzte Schnegg sein Profil mit 1005 Nutzern aktiv ein. Als Regierungsmitglied nutzt er Twitter nur noch selten. Und wenn, dann liefert er sich politische Diskussionen mit anderen Nutzern.

Fazit: Schnegg weiss eigentlich, wie man Twitter nutzt. Gleichwohl bleibt er als Mensch und Politiker wenig fassbar. Wäre er wieder aktiver, würde er im Internet mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Michael Aebersold, Stadtberner Gemeinderat (SP), @MA_Aebersold
Der neue Berner Finanzdirektor war schon als Grossrat auf Twitter aktiv. Damals äusserte er sich zu verschiedenen politischen Themen. Im Wahlkampf standen dann Wahlkampffloskeln hoch im Kurs. Seit dem Amtsantritt ist es still geworden auf Aebersolds Twitter-Profil.

Fazit: Aebersold weiss eigentlich, wie man sich mit einem guten Themenmix auf Twitter interessant machen kann. Doch er bleibt blass. Es wäre bei ihm mehr nötig, um Twitter als politisches Instrument nutzen zu können.

Franziska Teuscher, Stadtberner Gemeinderätin (GB), @fteuscher
Teuscher ist die Social-Media-Queen – so viele Follower wie sie hat keiner und keine der sieben anderen getesteten Politiker. Der Vergleich mit Donald Trumps 27 Millionen Follower mag wenig schmeichelhaft sein; für Berner Verhältnisse sind die 2802 ein guter Wert. Teuscher ist auch nach den Wahlen aktiv, twittert zu Themen aus ihrer Sozialdirektion wie auch zu grünen Anliegen. Dies durchaus prägnant, etwa wenn es um Sozialhilfekürzungen geht.

Fazit: Teuscher macht auf Twitter vieles richtig. Sie wirkt authentisch, kommunziert regelmässig, interagiert mit anderen Nutzern und bewirtschaftet Kernthemen.

Christoph Ammann, Regierungsrat (SP), @AmmannCh
Registriert bei Twitter war Ammann zwar schon länger. Seinen ersten Tweet verfasste er aber erst vor gut einem Jahr – wenige Wochen vor dem ersten Wahlgang zur Regierungsratswahl: zu spät, um dadurch Wähler zu gewinnen. Gewählt wurde Ammann trotzdem. Seither ist nichts mehr los auf seinem Twitter-Profil. In neun Monaten kamen nur fünf Tweets hinzu – darunter der Redetext seiner Ansprache an der «Industrienacht».

Fazit: So macht die Nutzung von sozialen Medien für Politiker wenig Sinn. Nutzer erfahren nur wenig Neues und Interessantes. Darum ist die Zahl der Follower mit 348 bescheiden geblieben.

Ursula Wyss, Stadtberner Gemeinderätin (SP), @uwyss
Der letzte Wahlkampf war auch bei Ursula Wyss der Grund, ein Twitter-Konto anzulegen. Im Wahlkampf schrieben sie und ihr Team Tweet um Tweet: Die Inhalte bezogen sich in aller Regel direkt auf die Kampagne. Das las sich etwa so: «Politikerin X empfiehlt Wyss, Politiker Y auch.» Seit der Wahlniederlage ist Wyss etwas ruhiger geworden. Sie ist aber weiterhin aktiv. Als Verkehrsdirektorin beackert sie etwa die Themen Veloverkehr und Umweltschutz.

Fazit: Wyss ist präsent; sie hat ein Konzept. Ihr Twitterauftritt ist solide, bietet aber wenig Überraschendes.

Politiker wollen keine Beratung

Die Regierungsräte Christoph Neuhaus (SVP), Bernhard Pulver (Grüne) und Hans-Jürg Käser (FDP) sind nicht auf Twitter aktiv, ebenso wenig Gemeinderat Reto Nause (CVP). Manche von ihnen sind auf anderen sozialen Medien aktiv – Neuhaus etwa auf Facebook. Dort teilt er auch Bilder seiner Tiere und die Resultate der von ihm gelösten Onlinerätsel.

Wie geht man beim Kanton mit «twitternden» Magistraten um? Es gebe für Regierungsräte keine spezifischen Vorgaben, sagt Regierungsratssprecher Christian Kräuchi. Bei Bedarf würde man die Regierungsräte aber coachen. Bisher habe aber noch niemand eine Beratung gewünscht. Sprich: Social Media ist Privatsache. So privat, dass nicht einmal Kräuchi wusste, dass manche Regierungsräte ein Twitterkonto betreiben.

(Der Bund)

Erstellt: 13.04.2017, 06:53 Uhr

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Twitter bei Politikern beliebt

Über soziale Medien können Nutzer im Internet miteinander kommunizieren und Inhalte austauschen. Das grösste Netzwerk ist Facebook mit weltweit 1,8 Milliarden aktiven Nutzern. Twitter.com ist mit gut 300 Millionen Nutzern vergleichsweise klein. Bei Politikern ist das Netzwerk aber beliebt, können sie doch dort ein politaffineres Publikum erreichen. Die Besonderheit von Twitter (Schweiz: total rund 1,3 Millionen Twitterer) ist, dass die einzelnen Kurznachrichten maximal 140 Zeichen umfassen. Zusätzlich können Bilder und Inhalte geteilt werden.

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