Das Strahlen-Messnetz bleibt Stückwerk – wegen Rekurs der AKW-Betreiber

Ein neues Messnetz misst die Radioaktivität in den Flüssen bei AKW. Das auch geplante Messsystem für die Luft bleibt aber wegen eines Rekurses der AKW-Betreiber blockiert.

Das neue Messnetz «Uranet» ist in Betrieb und misst die Radioaktivität in den Flüssen bei AKW.

Das neue Messnetz «Uranet» ist in Betrieb und misst die Radioaktivität in den Flüssen bei AKW.

(Bild: Keystone Alessandro Della Bella)

Simon Thönen@SimonThoenen

Die gute Nachricht ist: Seit gestern ist das neue Messnetz «Uranet» in Betrieb, welches die Radioaktivität in den Flüssen Aare und Rhein unterhalb der Atomkraftwerke automatisch misst. Es funktioniert nach einer monatelangen Testphase nun regulär, wie das zuständige Bundesamt für Gesundheit (BAG) mitteilte. Damit wird eine grosse Lücke geschlossen, welche die Behörden erst nach der Katastrophe von Fukushima erkannten.

Radioaktiv verseuchtes Wasser erwies sich in Japan als riesiges Problem. Dasselbe wäre in der Schweiz bei einem AKW-Unfall zu erwarten. Denn viele Gemeinden, so etwa Biel, beziehen ihr Trinkwasser zu einem grossen Teil aus Flüssen und Seen. «Falls ein Fluss etwa nach einem schweren Unfall in einem Kernkraftwerk radioaktiv stark belastet würde, wird die Nationale Alarmzentrale direkt alarmiert», schreibt das BAG. Erst dies wird es den Behörden ermöglichen, nach einem AKW-Unfall die Entnahme von Trinkwasser aus Flüssen und Seen rechtzeitig zu stoppen.

Die neuen Sonden im Wasser sind jedoch nur ein Teil des geplanten «Uranet». Das BAG sollte auf Geheiss des Bundesrats auch sein völlig veraltetes Messsystem für die Luft ersetzen.

Betreiber wollen nicht zahlen

Dieses neue Messsystem für verstrahlte Luft jedoch bleibt durch eine Beschwerde der AKW-Betreiber, darunter auch der bernische Konzern BKW, blockiert. Die Betreiber wehren sich vor Gericht dagegen, dass das BAG ihnen einen Teil der Kosten für das Messnetz auferlegt hat (siehe «Bund» vom 8. Mai 2014). Das BAG will den AKW-Betreibern nach dem Verursacherprinzip Kosten von gut fünf Millionen Franken für das ganze Messnetz verrechnen.

Dass überhaupt ein Teil von «Uranet» nun installiert werden konnte, war nur möglich, weil der Bund diesen vorfinanziert hat. Dabei beschränkte sich die Eidgenossenschaft aber auf die vordringlichsten Messsonden im Wasser (einige wenige Sonden für die Luft sollen folgen). Für die Luft existieren zwar auch andere Messnetze. Sie sollen aber durch ein neues System auf dem aktuellen Stand der Technik ergänzt werden.

Bisher hat das Bundesverwaltungsgericht noch nicht über den Rekurs der AKW-Betreiber gegen die Kostenbeteiligung entschieden, wie Sybille Estier vom BAG auf Anfrage bestätigt. «Wir wollen das Messsystem für die Radioaktivität in der Luft bis Ende 2017 installieren», sagt Estier. Dazu wäre aber ein Entscheid des Gerichts im Sinne des BAG bis im nächsten Frühjahr nötig. Entscheidet das Gericht später oder zugunsten der Betreiber, sind weitere Verzögerungen zu erwarten. Ebenso, falls die Betreiber einen für sie negativen Entscheid vor Bundesgericht weiterziehen würden.

Panne der Sonde bei Mühleberg

«Uranet» liefert Messwerte im 10-Minuten-Takt. Das Publikum kann via Internet aber nur die Tages-Mittelwerte vom Vortag abrufen – bei Unfallereignissen werden die Bürger also keine tagesaktuellen Werte sehen. «Vielleicht werden wir zu einem späteren Zeitpunkt die aktuellen 10-Minuten-Werte aufschalten», sagt Estier. Eine Sonde funktionierte gestern übrigens nicht: Treibholz hat ein Kabel der Sonde beim Hagneckkanal unterhalb des AKW Mühleberg beschädigt. Die Sonde soll demnächst wieder funktionieren.

Werte im Internet: www.radenviro.ch

Der Bund

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