Das Sparpaket fordert erste Opfer

Im Herbst will der Kanton bis zu 300 Millionen Franken einsparen. Als Konsequenz sistiert Regierungsrat Schnegg Verbesserungen bei der Pflege von schwer kranken Menschen.

Ein letzter Wunsch: Kranke sterben lieber im Heim (im Bild) als im Spital.

Ein letzter Wunsch: Kranke sterben lieber im Heim (im Bild) als im Spital. Bild: Keystone/Keystone

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Alte, unheilbar kranke Menschen sind die ersten Betroffenen des grossen Sparpakets, das der Kanton Bern schnüren will. Zwischen 200 und 300 Millionen Franken sollen dabei eingespart werden. Wie und wo genau soll zwar erst im Herbst beschlossen werden. Der Direktor der Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF), Pierre Alain Schnegg (SVP), hat in seiner Direktion aber bereits vorsorglich angeordnet, alle Budgetposten zu prüfen, «die nicht niet- und nagelfest» sind, wie es ein Kaderangestellter der Direktion gegenüber dem «Bund» sagt.

Doch im Gesundheits- wie auch im Sozialwesen sind viele der Kosten gebunden. Weil man diese «nicht beeinflussen» könne, «rücken wenige andere Möglichkeiten zur Kostensenkung in den Fokus», schreibt GEF-Generalsekretär Yves Bichsel in einem Brief, der dem «Bund» vorliegt. Gemeint sind damit vor allem Posten, die noch in der Projektierungsphase sind. Adressat des Briefes sind die Spitäler und die Spitexverbände im Kanton. Es ist deren bereits aufgegleistes Modellprojekt im Bereich ambulante Palliativversorgung, das auf Eis gelegt wird. Der Auftrag zum Projekt war von der GEF selbst gekommen. Noch im letzten September kündigte die GEF an, das Projekt im Sommer 2017 umsetzen zu wollen.

«Grosses Sparpotenzial»

Das Projekt der ambulanten Palliativversorgung sah vor, Strukturen aufzubauen, mit denen unheilbar kranke Menschen zu Hause oder im Pflegeheim gepflegt werden können. Dies als Ergänzung zu den bestehenden Spitex- und Hausarztangeboten. In ganz schwierigen Fällen sei die Versorgung heute nicht ausreichend, sagt Annamaria Müller, vom Spitalamt der GEF. «Dies etwa, wenn Menschen unstillbare Schmerzen haben oder wegen ihres Leidens unter schweren Angstattacken leiden.

Solche Patienten müssen heute im Spital versorgt werden. Oft sterben die Menschen auch dort. Für Fachpersonen ist klar, das für die Betroffenen nicht ideal ist. Bei Projekt der ambulanten Palliativversorgung gehe es laut Müller denn auch darum, «mehr Menschen ein Sterben in Würde zu ermöglichen».

Marcel Schenk, Geschäftsleiter von Pro Senectute Kanton Bern, bringt denn auch «wenig Verständnis» für die Sistierung auf. Er bedaure, dass «ein gutes Projekt kurz vor der Umsetzung» gestoppt werde. Dieses helfe kranken Menschen, länger zuhause zu bleiben. Zudem könne mit der ambulanten Versorgung Geld gespart werden. Das findet auch Steffen Eychmüller, Professor für Palliative Care an der Universität Bern. Er ist mit seinem Institut zusammen mit dem Lindenhofspital, dem Spitalzentrum Biel und der Spitex am Projekt der GEF beteiligt. In einer Arbeit beziffert er die Einsparmöglichkeiten auf jährlich 15 Millionen – mittelfristig gar auf bis zu 400 Millionen Franken. Er stützt sich dabei auf eine Langzeitstudie aus Katalonien und die demografische Entwicklung. Die Kosten für die ambulante Versorgung im gesamten Kanton beziffert er derweil auf sechs bis zehn Millionen Franken pro Jahr. Er hoffe auch deshalb, dass das «sehr sinnvolle Vorhaben» fortgeführt werde. Auch müsse man den Schwerkranken Alternativen bieten.

Was ist sonst noch betroffen?

Wie geht es nun weiter mit dem Projekt? Annamaria Müller sagt, dass das sinnvolle Projekt nach Möglichkeit später doch noch realisiert werde. Regierungsrat Schnegg wollte sich am Mittwoch trotz mehrfachem Nachfragen nicht zum Thema äussern. So ist derzeit auch noch unklar, welches die anderen Projekte sind, die laut «Bund»-Informationen in der GEF derzeit gestoppt worden sind. Auch in der zuständigen Grossratskommission waren die Sistierungen kein Thema. Das sorgt dort für «Verwunderung» und «Irritationen». So sagt etwa SP-Grossrätin Andrea Lüthi, sie hätte sich ein transparenteres Vorgehen seitens der GEF gewünscht. (Der Bund)

Erstellt: 23.03.2017, 06:59 Uhr

Palliative Care

Wer unheilbar krank ist, braucht aufgrund der Symptome oft eine spezialisierte Pflege. Ziel der sogenannten Palliativen Medizin (von lateinisch, palliare, mit einem Mantel bedecken) ist denn auch nicht die Heilung, sondern die bisher in schweren Fällen meist stationäre Behandlung der Symptome. Mit dieser soll den Patienten bis zuletzt eine möglichst hohe Lebensqualität ermöglicht werden. Dies etwa, indem mit starken Medikamenten die oft vorhandenen Schmerzen gelindert werden.

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