«Das Smartphone kann schnell zur verletzenden Waffe werden»

Mit seinem Buch über Cyberbullying rückt der Schulsozialarbeiter Felix Rauh ein Thema in den Fokus, das Eltern oft hilflos zurücklässt.

Ein scheinbar harmloser Chat kann durch Verbreitung ernsthafte Folgen haben.

Ein scheinbar harmloser Chat kann durch Verbreitung ernsthafte Folgen haben.

(Bild: Keystone Martin Rütschi (Symbolbild))

Ihr Buch «Fit und fair im Netz» bietet Strategien zur Prävention von Cyberbullying an. Können Sie anhand eines konkreten Beispiels erklären, worum es geht?
Ein Jugendlicher und eine Jugendliche nähern sich einander im Chat an. Sie entwickeln Sympathien füreinander, tauschen sich über gemachte und geplante sexuelle Erfahrungen aus, und schliesslich schickt der Junge seiner Chatpartnerin ein Nacktfoto von sich. Aus Überforderung und Scham zeigt die Empfängerin das Foto einer Freundin. Diese verbreitet das Foto aus Belustigung im Gruppenchat. Höhnische Kommentare lassen nicht lange auf sich warten. Durch unüberlegtes Chatten mit dem Schwarm wurde aus dem jungen Mann ein Opfer von Cyberbullying. Dieses muss jedoch nicht sexuell motiviert sein, es kann auch durch Verrat, Rufmord und Ausgrenzung im Netz entstehen.

Wie verbreitet ist Cyberbullying eigentlich ?
Die Wissenschaft tut sich aufgrund methodischer und definitorischer Schwierigkeiten noch sehr schwer damit, die Häufigkeit von Cyberbullying zu bestimmen. Es sind schon Fälle aus der Primarschule bekannt. Für Jugendliche in der Sekundarschulzeit besteht jedoch ein erhöhtes Risiko. Sie haben mit starken neurologischen Veränderungen zu tun, nabeln sich gleichzeitig von den Eltern ab und versuchen ihre Rolle in der Gleichaltrigengruppe zu finden. In dieser Phase sind viele Jugendliche im vorausschauenden Denken und in der Risikoeinschätzung eingeschränkt.

Was können die Folgen von Cyberbullying sein?
Mögliche Folgen sind starke Verunsicherung, die Entstehung von Ängsten, Traumata bis hin zu Suizidgedanken. Die Betroffenen haben das Gefühl, dass das Onlinemobbing jederzeit wieder losgehen kann. Was einmal im Umlauf ist, verschwindet nicht einfach aus dem Netz. Die Grenzen zwischen klassischem «Schulhof-Mobbing» und Cybermobbing sind zudem fliessend. Eine Trennung von on- und offline existiert heute bei Jugendlichen nicht mehr so, wie wir Erwachsene es kennen.

Wie hängt das Problem von Cybermobbing mit dem Social-Media-Boom zusammen?
Apps wie Snapchat versprechen Jugendlichen eine Vertraulichkeit, die sie nicht halten können. Wenn ich zurückschaue, hatten vor zehn Jahren noch längst nicht alle Teenager ein Handy. Heute haben fast alle mobiles Internet. Zudem entwickeln sich Geräte und Apps viel schneller als unsere Gesellschaft. Die Entwicklung überrumpelt uns, und wir müssen lernen, mit den Möglichkeiten und Konsequenzen zurechtzukommen.

Müssen Eltern ihre Kinder in einem verantwortungsvollen Umgang mit neuen Medien schulen?
Ja, ich appelliere an alle Eltern, diese Verantwortung wahrzunehmen. Wir können Jugendlichen nicht so ein potentes Gerät zur Verfügung stellen und hoffen, dass es schon irgendwie gut kommt. Jugendliche wirken vielleicht technisch kompetent, doch emotional sind sie oft überfordert. Das Smartphone wird dann schnell zur verletzenden Waffe. Der Begriff Digital Native ist veraltet, oft wäre Digital Naive treffender.

Heranwachsende wissen heute oft mehr über neue Medien als ihre Eltern. Können Eltern überhaupt als Ratgeber fungieren?
Kinder wachsen heute zwar schon mit bestimmten Technologien auf, Eltern haben dafür Lebenserfahrung und müssen ihren reichen Erfahrungsschatz an ihre Kinder weitergeben. So helfen sie diesen, schwierige Situationen selber zu meistern.

Ab welchem Alter sollten Kinder an die neuen Medien herangeführt werden? Viele Angebote und Apps sind ab 13 Jahren zugelassen. Schützende Einstellungen für Kinder können jedoch mit nur einem Klick umgangen werden. Meine Haltung ist, dass Kinder im Primarschulalter kein Smartphone brauchen, weil es sie überfordert.

Was können Eltern tun?
Eltern sollten zu allererst ihr eigenes Nutzungsverhalten reflektieren. Es ist anzuraten, klare On- und Offline-Zeiten zu definieren und zudem manuelle und musische Tätigkeiten des Kindes zu fördern. Ein Gleichgewicht zwischen online und offline macht es möglich, das Internet als Bereicherung zu erfahren.

Sollten Heranwachsende nicht auch eigenverantwortlich einen sicheren Umgang mit dem Internet üben?
Es geht um ein Sowohl-als-auch. Jugendliche machen zwangsläufig eigene Erfahrungen, die sie Grenzen erfahren lassen. Trotzdem sollte man als Eltern nicht ganz auf das Trial-and-Error-Prinzip vertrauen. Sonst wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder selber zu Tätern oder Opfern werden.

Der Bund

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