Das Schulzimmer ist der Wald

In Oberburg und neu auch in Bern können Kinder im Wald lesen und schreiben lernen. Die Organisationen Waldkinder Bern und Waldkinder Emmental betreiben je eine Basisstufe.

Ihre Rucksäcke können die Waldkinder Bern nun auch mit Schulmaterial füllen. Der Kindergarten ist neu eine Basisstufe.

Ihre Rucksäcke können die Waldkinder Bern nun auch mit Schulmaterial füllen. Der Kindergarten ist neu eine Basisstufe.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Heute ist für sie der erste Schultag, doch in ein Schulhaus gehen sie nicht: Vier Erstklässlerinnen und Erstklässler besuchen im Reichenbachwald in Bern die Schule. Die Waldkinder Bern haben ihr bisheriges Angebot von Spielgruppe und Kindergarten erweitert und stehen neu als Wald-Basisstufe auch Kindern im ersten und zweiten Schuljahr offen. Im Modell Basisstufe werden Kinder ab dem ersten Kindergartenjahr bis zur zweiten Klasse gemeinsam unterrichtet. Die neue Gruppe umfasst 19 Kinder, weitere Anmeldungen habe man aus Platzgründen ablehnen müssen, sagt Daniela von Arx. Sie ist Kindergärtnerin und Teil des sechsköpfigen Kollektivs Waldkinder Bern, das den Betrieb leitet.

Die Wald-Basisstufe im Reichenbachwald wird privat geführt, ist aber vom Kanton bewilligt und erfüllt die Anforderungen des Lehrplans 21. Der Unterricht unterscheidet sich trotzdem von jenem herkömmlicher Schulen. Da ist zum einen natürlich der Schulraum. «Der Wald ist eine ideale Umgebung für Kinder», sagt von Arx. Er erlaube viel Bewegung, erfordere aber auch Geschicklichkeit. Sie hat bei den Wald-Kindergartenkindern beobachtet, wie sich die einen in der Natur sofort zurechtfinden, während die anderen erste Berührungsängste mit der Zeit abbauen, bis auch ihnen weder Wetter noch Würmer etwas anhaben können. Sie selbst hatte anfänglich Respekt vor der Winterkälte, aber schnell gemerkt: «Es ist eine Frage der richtigen Kleidung.»

Rechnen mit Tannzapfen

Punkto Schulstoff stelle der Wald bereits viele passende Hilfsmittel bereit: «Zählen und Rechnen kann man auch mit Tannzapfen oder Steinen», sagt von Arx, und wenn sich ein Kind zum Schreiben, Rechnen oder Lesen zurückziehen wolle, so stehe ein kleiner Bauwagen bereit, der auch geheizt werden könne. Falls das Wetter gar nicht mitspielt, weichen die Kinder auf einen Raum in der Nähe aus. Gekocht und gegessen wird draussen.

Bereits seit einem Jahr bieten die Waldkinder Emmental einen Waldkindergarten mit Basisstufe an. Ihre Gruppe im Wald in Oberburg umfasst 20 Kinder. Gemäss Angaben der Erziehungsdirektion gibt es im Kanton Bern neben diesen zwei bewilligten privaten Wald-Basisstufen aktuell zwei bewilligte private Wald-Kindergärten, in Biel und in Ringgenberg, die den Unterricht hauptsächlich im Wald durchführen. Sie alle müssen nebst den Anforderungen an Privatschulen oder private Kindergärten zusätzliche Voraussetzungen etwa zur Sicherheit des Waldplatzes, zu den Toiletten und zur Hygiene erfüllen.

Kein Stundenplan

Andernorts in der Schweiz bestehen teilweise langjährige Erfahrungen mit der Schule im Wald. In St. Gallen etwa gibt es seit bald 20 Jahren eine Wald-Basisstufe. «Von der dort geleisteten Pionierarbeit in Natur­pädagogik haben wir viel lernen können», sagt von Arx von Waldkinder Bern.

Die Basisstufe im Berner Reichenbachwald geht darüber hinaus aber eigene Wege. Sie setzt auf nicht-direktives Lernen und eine demokratische Schule. Was das bedeutet, erklärt von Arx: «Wir haben keinen Stundenplan; die Kinder gestalten den Tag selber.» Die Begleitpersonen unterstützen sie und sorgen für die passende Lernumgebung. «Im Bauwagen stellen wir Lernmaterial zur Verfügung, bei dem sich die Kinder selbstständig bedienen und ihre Fortschritte kontrollieren können.» Für alle gelte die Grundregel, zu allen freundlich zu sein. Weitere Regeln sowie Tagesprogramme würden gemeinsam diskutiert und basisdemokratisch bestimmt. So hätten es die Kinder schon im Wald-Kindergarten gehandhabt.

Als private Schule erhält die Wald-Basisstufe keine staatlichen Beiträge, für das Schulgeld kommen die Eltern auf, die Beiträge sind abgestuft und betragen gemäss Website zwischen 697 und 950 Franken pro Monat. «Ziel wäre, dass wir alle interessierten Kinder aufnehmen könnten, ob die Eltern Schulgeld zahlen können oder nicht, aber derzeit ist das unrealistisch», so von Arx.

Der Bund

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