«Das ‹Pyri› war für uns Parteilokal, Wohnzimmer, Universität»

Alle kennen Polo Hofer als Musiker – dabei hatte er einst im Berner Café des Pyrénées eine Partei gegründet.

Im «Pyri» sinnierte Polo Hofer gerne über die Welt und die Politik – hier 2003 bei einem Cüpli.

Im «Pyri» sinnierte Polo Hofer gerne über die Welt und die Politik – hier 2003 bei einem Cüpli. Bild: Adrian Moser (Archiv)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Polos Lebensmittelpunkt in Bern war das Café des Pyrénées, genannt «Pyri». In der Nach-68er-Zeit stürmte er einmal ins Lokal und sagte: «Hey, es sind Stadtratswahlen und an den Plakatwänden hängen die ewig gleichen ‹Gringe›, als hätte es 1968 nie gegeben.» So kam es zur Gründung der «Härdlütli», die 1971 für den Stadtrat kandidierten. Dies zumindest habe Polo später immer behauptet, sagt der einstige Härdlütli-Stadtrat Pier Hänni.

Die Härdlütli waren selber wohl am meisten erstaunt, dass sie auf Anhieb einen Sitz gewannen. Der Filmemacher Bernhard Giger führt den Erfolg auf den Genderfaktor zurück. Denn kaum ein Jahr nach Einführung des Frauenstimmrechts wurde mit Margrit Probst die einzige Frau auf der Liste der Härdlütli gewählt – oder zumindest die einzige Frau auf jenem legendären Wahlplakat des damaligen Fotografenlehrlings Giger, auf dem sich die Härdlütli nackt ihren Wählerinnen und Wählern empfohlen hatten. Kandidat Hofer landete auf dem zweiten Ersatzplatz. «Polo Hofer war damals in der breiten Öffentlichkeit noch nicht bekannt», sagt Giger. Für Schlagzeilen im «Blick» sorgte Probst, die als «Busenwunder von Bern» bezeichnet wurde.

Polo verzichtete auf Stadtratssitz

Polo habe stets gesagt, er sei der Gründer der Härdlütli gewesen, sagt Hänni. Er, Hänni, habe die Liste der Kandidierenden auf der Stadtkanzlei eingereicht – zehn Minuten vor Anmeldeschluss. Letztlich sei die Parteigründung ein Gemeinschaftswerk der damaligen «Pyri»-Runde gewesen. «Das ‹Pyri› war für uns Parteilokal, Wohnzimmer, Universität.»

Nach Realpolitik war den Härdlütli jedoch weniger zumute. «Es war die Zeit der Happenings», sagt Hänni. Probst trat nach einiger Zeit aus dem Rat zurück – und schliesslich rückte Hänni nach, da der Aktionskünstler Carlo Lischetti auf dem ersten Ersatzplatz nicht wollte und sich Polo bereits der Musik verschrieben hatte. Weil die Rumpelstilz damals noch in Interlaken für ihre erste Platte übten, fand ein Härdlütli-Treffen ausnahmsweise auf dem Rugen statt. «Ich war damals aber bereits auf dem Hippie-Trail in Asien», sagt Hänni. Auch er blieb im Rat isoliert, trat aber noch einmal auf der Liste der Demokratischen Alternative von Luzius Theiler zu den Wahlen an. Sein einziger Erfolg sei ein Vorstoss gegen die Streichung der Subventionen für den Gaskessel gewesen, sagt Hänni. «Wir haben eine Alternative zur herkömmlichen Politik gesucht.»

Die Kandidatur der Härdlütli sei kein Jux gewesen, und die Leute der Partei hätten seriös gearbeitet, sagt Stadtrat Luzius Theiler (GPB-DA). Doch Polo Hofer habe er nicht als tragende Figur in Erinnerung. Diesen kenne er vor allem aus dem «Pyri». Dort habe man ab 1974 am Stammtisch Politik gemacht. «Auch nach den Sitzungen des Grossen Rats traf man sich stets dort», sagt Theiler.

Visionäres Programm

Rückblickend ist die Bedeutung der Härdlütli denn auch weniger eine realpolitische. Ihr 10-Punkte-Programm von 1971 hatte aber visionären Charakter. Polo Hofer selber wies vor sechs Jahren in einem Talk in der Broncos-Loge mit Stolz darauf hin, dass sechs der zehn Forderungen des Härdlütli-Programms – zum Beispiel die Befreiung der Bären aus dem Bärengraben, die Offenlegung des Stadtbachs oder eine weitgehend autofreie Altstadt – später umgesetzt worden seien. Polo sei bis zuletzt politisch interessiert geblieben – bis zu seiner letzten CD «Welcome to the Sonderbar», sagt Hänni. Rund ein Drittel der Songtexte seien «massiv politisch», was in der Öffentlichkeit aber kaum wahrgenommen worden sei. «Der politische Polo wurde unter den Tisch gewischt.»

Politisch gestritten hat sich Polo Hofer auch immer wieder mit Jimy Hofer, der im Stadtrat einst als Parteiloser der SVP-Fraktion angehörte. Die beiden kennen sich aus Jugendjahren. «Wir waren nie gleicher Meinung», erinnert sich Jimy Hofer. Trotzdem seien sie ähnlich in der Art, hätten beide eine Partei gegründet, denselben inneren Antrieb und seien beide Querulanten in der Politlandschaft gewesen. «Wir haben nächtelang freudig in der Broncos-Loge gestritten, dem damals einzigen Lokal, das bis spät in die Nacht geöffnet war.»

Abschied im «Pyri»

Doch Polos liebste Kneipe blieb das «Pyri», wo er nicht nur politisiert hat. Zwanzig Jahre lang hat er dort jeweils am Dienstagnachmittag gejasst. «Wir haben uns zu dieser Zeit getroffen, weil es der ruhigste Tag im ‹Pyri› war», sagt Jass-Freund und Journalist Matthias Mast. «Doch es hat sich schnell herumgesprochen, dass Polo jeweils dort Karten spielte, und dann war es fertig mit der Ruhe, weil alle sehen wollten, wie der Polo jasst.» Sogar beim Kartenspiel habe er sich jeweils über die SVP ausgelassen. Im Übrigen sei Polo kein besonders guter Jasser gewesen, sagt Mast. «Jassen war mehr Mittel zum Zweck.»

Zum letzten Mal wurde Polo wohl an einem Dienstag im April im Café des Pyrénées beim Kartenspiel gesehen. In seiner Stammbeiz hat man am Montagabend in Erinnerung an ihn seinem Song «Im letschte Tram» zugehört. Rund vierzig Leute hätten kurz Andacht gehalten in der Kneipe, in der Polo Hofer seit den 60er-Jahren verkehrte. (Der Bund)

Erstellt: 26.07.2017, 06:53 Uhr

Polo Hofer - der Maler und Zeichner

Polo Hofer war nicht nur Musiker. Der gelernte Handlithograf hat auch immer gezeichnet und gemalt – und 2008 gar die Plakette für die Berner Fasnacht gestaltet. Auch das Cover der ersten Krokus-Platte («Ice-Breaker» )stammt von ihm. Hofers künstlerische Seite abseits der Musik zeigte sich im letzten Jahr gleich gegenüber des Pyri: Im Kornhausforum fand damals die Ausstellung «Saitensprünge – wenn Musiker malen» statt. «Die Idee trug Polo schon mehr als zehn Jahre mit sich herum», sagt Organisatorin Stefanie Stucki, die als Stefania Kaye selbst Musik macht – und auch selbst malt.

Neben der Musik fand Polo aber keine Zeit, seine Idee umzusetzen. So nahm Stucki die Sache an die Hand und organisierte die Austellung mit Bildern von Musikern wie Baze, Schmidi Schmidhauser oder Mario Capitanio. Hofer bekam die Ausstellung nur per Video zu Gesicht – zu weit war die Krebserkrankung bei der Eröffnung Ende August 2016 fortgeschritten. Trotzdem habe sich Hofer sehr gefreut, dass seine Idee Wirklichkeit wurde. Vor allem auch, dass dank seinem Namen auch unbekanntere Musiker eine Plattform bekamen. «Es ging bei Polo eben nie nur um ihn», sagt Stucki. Die nächste Ausstellung soll im November 2018 stattfinden. (zec)

Artikel zum Thema

«Anders als Gölä brauchte er keine Berner Flagge»

Interview Für Pedro Lenz waren die Liedtexte von Polo Hofer eine der grössten Inspirationen. Weil sie so normal klangen. Mehr...

«Es gibt kein ewiges Leben und auch keinen ewigen Tod»

2006 trafen sich Polo Hofer und Kurt Marti, um über Gott und die Welt zu reden. Daraus entstand ein Gespräch, das auch elf Jahre danach noch äusserst lesenswert ist. Mehr...

Er war der Kumpel des Schweizervolks

In die Geschichte wird Polo Hofer als Erfinder des Mundartrock eingehen, doch er war so viel mehr – ein Nachruf. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...