Das «Hochrisikospiel» von Wileroltigen

Die von Wileroltigen geplante Grossdemonstration gegen den Transitplatz für Fahrende macht dem kleinen Dorf plötzlich Angst: Ein seriöses Polizeiaufgebot wird nötig – auch wegen der Heisssporne im eigenen Lager.

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Hypernervös: So darf man die aktuelle Gemütslage der Wileroltiger Behörde umschreiben. Sie wirbt seit Wochen um Gefolgschaft bei ihrem Kampf gegen den auf Wileroltiger Boden geplanten Halteplatz für ausländische Fahrende. Sie will am 14. August mitten im Dorf mit einem landsgemeindeähnlichen Grossaufmarsch der Regierung demonstrieren, dass Wileroltigen den sogenannten Transitplatz um keinen Preis will. Hypernervös ist die Gemeindebehörde, weil sie nicht mehr sicher sein kann, dass sie die selber geweckte Oppositionsbewegung ohne weiteres zu lenken vermag. Vorgestern und gestern sah sich das Wileroltiger Bürgerkomitee nämlich genötigt, per Zensur gegen die Eskalation in den sozialen Medien vorzugehen. Und für den 14. August gehen Gemeindepräsident Christian Grossenbacher und der ortsansässige BDP-Grossrat Daniel Schwaar davon aus, dass sich zu den 370 Dorfbewohnern leicht 1500 auswärtige Protestierende gesellen könnten.

Fünf bis zehn Prozent Extreme?

Erst jetzt, zehn Tage vor dem Showdown, wird dem Dorf also vollends bewusst, dass es womöglich vor einem «Hochrisikospiel» steht. Die Mischung machts aus: Mit Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) ist quasi ein Publikumsmagnet mit Feindbildcharakter eingeladen, und die meisten «Festgäste» sind Auswärtige, die aus unterschiedlichsten Gründen aufs Trittbrett der Wileroltiger Protestbewegung steigen. Grossenbacher braucht jetzt subito ein überzeugendes Sicherheitsdispositiv, um die Sicherheit des eingeladenen – und gleichzeitig angegriffenen – Regierungsrats zu gewährleisten und um die Heisssporne im eigenen Lager im Zaun zu halten. «Ja, genau solche Fragen stellen wir uns im Moment», bestätigt der Gemeindepräsident. Man müsse in Eile abklären, wer welche Verantwortung trage, gelte es doch, «die fünf bis zehn Prozent Extremen, die es immer hat», im Blick zu behalten.

Höchstwahrscheinlich heisst das: Wileroltigen wird fürs eigene «Dorffest» bei der Kantonspolizei sehr kurzfristig einen sehr seriösen Polizeiaufmarsch bestellen und wohl auch bezahlen müssen. Vorgespräche haben noch keine stattgefunden. Grossenbacher spricht von einem «Horror»: Die örtliche Milizbehörde und die mit bloss 140 Stellenprozent dotierte Gemeindeverwaltung seien längst völlig überfordert. Aber Spielraum gibts nicht mehr. Absagen lässt sich die «Landsgemeinde» kaum noch. Würde sie abgesagt, kämen die Leute doch. Ziel für die verbleibenden Tage ist es, alle im Dorf auf die Devise «keine physische Gewalt, keine verbale Gewalt» einzuschwören. Schwaar: «Wir müssen sicherstellen, dass aus unserem Anliegen nicht eine ganz hässliche Sache wird.» Wileroltigen sei zwar sehr unzufrieden, sagt Schwaar. Aber es brauche «gegenseitigen Respekt»: Respekt vor Neuhaus, der eine schwierige Aufgabe zu lösen habe. Respekt vor den Fahrenden, «die ja letztendlich doch irgendwo einen Platz brauchen».

«Schweiz ist ein Honigtopf»

Bei einer Hauseinfahrt in Wileroltigen bringt Rüedu Schneider unterdessen auf einer Folie mit einem Filzstift die letzten Striche an: «Keine Gewalt», ist zu lesen. Schneider ist im Bürgerkomitee Kein Transitplatz Wileroltigen zuständig für Transparente. «Wir dulden keine Gewalt und sind gegen Rassismus», sagt der pensionierte Mann, der früher im Dorf die Beiz geführt hat. In seiner Garage steht weiteres Material, das am 14. August aufgestellt werden soll. Zu sehen sind vergrösserte Fotos von mit Kot verunreinigten Parkplätzen und illegal deponiertem Abfall. Armin Mürner, Präsident des Bürgerkomitees, freut sich über das grosse «Engagement» im ganzen Dorf. Er kämpfe nicht nur gegen den Transitplatz, sondern auch gegen die Behörden. Diese liessen sich von den Fahrenden auf der Nase herumtanzen, sagt Mürner, denn eigentlich sei als Abfahrtstermin der 31. Juli vereinbart gewesen. Mürner und Schneider befürchten eine «Lawine» von Fahrenden. «Die Schweiz ist ein Honigtopf, richtet man Plätze ein, dann kommen jedes Jahr mehr Fahrende.»

Auch auf dem Bauernhof der Familie Stooss wird eifrig gearbeitet, fast im Akkord. 1300 Fähnli mit der Aufschrift «Stop Fahrende» sind in Produktion. Vater Fritz schneidet Haselstecken, an denen die Fähnli lustig im Wind flattern sollen, Sohn Philipp sorgt mit Spritzpistole und Schablone für den Aufdruck auf den Bannern. In Wileroltigen prangen überall Transparente: an der Autobahn, an den Zufahrten zum Dorf, auf den Feldern, an den Häusern. Auf einigen steht das Wort Zigeuner, das eine rassistische Konnotation hat. Mit der Verwendung des Worts Zigeuner habe sein Komitee nichts zu tun, versichert Mürner. «Alle Sprüche des Komitees werden genau angeschaut, da sind wir pingelig.»

Auf der anderen Seite der Autobahn, in einem Zipfel des Gemeindegebiets, befindet sich der Platz mit den Fahrenden. Es sind deutlich weniger als noch im Juli, vielleicht fünfzig bis sechzig Wohnwagen stehen auf dem Feld neben dem Rastplatz. Die rund 200 Fahrenden, die derzeit noch dort sind, stammen aus Frankreich. Vor seinem Wohnwagen sitzt Alphonse Leblanc und spricht von «Discrimination» und «Racisme». Leblanc meint die Transparente, aber auch den Umstand, dass Lastwagenfahrer häufig laut hupen, wenn sie vorbeifahren. Am 1. August wurden Feuerwerkskörper in der Nähe gezündet und wohl auch auf das Gelände der Fahrenden geworfen. Man habe keine Angst, sagt Leblanc, aber wenn man ihn und die Fahrenden weiter nerve, könne es sein, dass er zum Telefon greife. «Dann stehen auf einmal tausend Wohnwagen hier.»

Leblanc beklagt sich über den Mangel an Toiletten. Die WC-Anlage der Raststätte ist geschlossen, «wegen Vandalismus» steht auf einem Schild. Man habe mobile Toiletten verlangt, diese seien aber nicht aufgestellt worden. Leblanc gibt auch zu verstehen, dass man nicht mehr lange zu bleiben gedenke. «On va partir», sagt er: zwischen dem 10. und 12. August.

Der Bund

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