Das fragile Paradies

Mühleberg ist mehr als AKW und Mülldeponie. Mühleberg ist auch ein landschaftliches Idyll, für dessen Erhalt sich Annemarie Büchler einsetzt.

Annemarie Büchler hat ein Gespür für die schleichenden Veränderungen im Umfeld ihres Refugiums.

Annemarie Büchler hat ein Gespür für die schleichenden Veränderungen im Umfeld ihres Refugiums. Bild: Adrian Moser

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Einmal hat Annemarie Büchler einen leeren Tresor im Wald gefunden. Diebe haben ihn in einem Geschäft der Region entwendet und in der Nähe ihres Wohnortes im Gebüsch deponiert. Aber Angst? Nein, Angst hat die einstige Zoopädagogin des Tierparks Dählhölzli in ihrem Haus am Waldrand bisher nie gehabt – auch nach dem Auszug ihrer beiden Kinder nicht. Schliesslich hat sie viel Besuch und kümmert sich regelmässig um die Grosskinder, die gerne auf dem Mejeried genannten Hof sind, was angesichts der ausserordentlichen Lage des Gebäudes nicht wirklich zu erstaunen vermag.

Wer durch den Waldweg hochkommt, kann fast nicht glauben, dass es in der AKW-Gemeinde Mühleberg ein solches Idyll gibt. Man glaubt sich in ein Märchen der Gebrüder Grimm versetzt: Vor dem alten Bauernhaus spuckt ein Brunnen unregelmässig Quellwasser. Das Riegelhaus mit Walmdach steht inmitten einer wild wuchernden Pflanzenwelt. Ein Stöckli und zwei Gartenabteile flankieren das Gebäude. Wo die Gärten enden und wo die Wiese anfängt, wird nicht auf Anhieb klar. Die Urtümlichkeit der Szenerie ist nur zum Teil dem Alter der Mittsiebzigerin geschuldet, die früher auch für vier Schafe, zwei Pferde und eine Reihe von Hühnern zu sorgen hatte.

Die Urtümlichkeit ist von Annemarie Büchler gewollt. Denn die Biologin ist eine leidenschaftliche Kämpferin für die Natur und gegen eine intensiv betriebene Landwirtschaft. Damit hat sie sich in den letzten 36 Jahren in der Gemeinde Mühleberg nicht nur Freunde geschaffen. Büchler ist aber derart fasziniert von ihrem kleinen Paradies, dass sie sich kaum Gedanken über ihr Ansehen im Dorf macht. Mit dem Begriff Aussenseiterin weiss sie auf Anhieb nicht viel anzufangen. Erst nach einer Weile sagt sie eher beiläufig. «Wahrscheinlich bin ich hier schon eine Aussenseiterin.»

Wo bleibt der Zaunkönig?

Reibungsflächen mit den Nachbarn gab und gibt es jedenfalls einige, wie auf einem Rundgang klar wird. Da ist etwa der Pächter von auswärts, der sein Maisfeld gegenüber Büchlers Obstgarten regelmässig mit Pestiziden besprüht. Oder der Nachbar unterhalb der Liegenschaft, der kaum Verständnis für die Hecke zeigt, die Büchler beim Einzug der Familie Anfang der Achtzigerjahre als Erstes pflanzen liess. Einmal fuhr er sogar mit der Mähmaschine rein, um Büchler zu provozieren. Sie liess sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen und installierte einen Zaun. Seither ist die Hecke akzeptiert, und in den letzten Jahren haben sich einige sogar lobend dazu geäussert. Heute stehen die Büsche der Hecke fast baumhoch und bilden mit Gestrüpp, Steinen und Totholz einen Rückzugsraum für zahlreiche Vogel- und Insektenarten. Das stellt Büchler nicht ohne Stolz in ihrer Stimme fest.

Trotz all ihrer Bemühungen musste sie in den letzten Jahren aber einen Artenschwund rund ums Haus feststellen. So seien etwa der Zaunkönig und die Bachstelze kaum mehr anzutreffen. Auch habe es seit zwei, drei Jahren viel weniger Schwalben als früher, was sie besonders erstaune. «All die Bauernhäuser in der Umgebung bieten doch eigentlich ideale Nistplätze für die Mehlschwalben.»

Anzeichen eines Umdenkens

Büchler ist sich bewusst, dass hinter dem Verschwinden einer Art nicht immer der Mensch steckt – zumindest nicht direkt. So ist sie etwa mit dem Züchten von Schwalbenschwanz-Raupen gescheitert, weil diese für Vögel eine Delikatesse sind. Auch hätten Katzen eine Zeit lang ihr Unwesen getrieben und zum Verschwinden von Vogelarten beigetragen. Die Katzen waren denn auch der Grund für Büchlers einzigen Auftritt an einer Gemeindeversammlung. Ihr Antrag auf eine Katzensteuer hatte aber keine Chance. Trotz dieser Erfahrung will sie mit einigen Gesinnungsgenossinnen eine Vereinigung zum Schutz der Natur zwischen Stadtgrenze und Saane gründen. «Wenn ich jünger wäre, würde ich in die Politik gehen.»

Der Artenschwund im Mejeried betrifft nicht «nur» Vogel- und Schmetterlingsarten, sondern auch den Dachs, der immer seltener in die Fotofalle tappt, die Büchler im Wald installiert hat. Warum das Wildtier ausbleibt, kann sie sich nicht erklären. Immerhin hat eines ihrer Grosskinder vor kurzem aber erstmals ein Hermelin in der Hecke gesichtet.

In Sachen Artenvielfalt sieht Büchler denn auch nicht nur schwarz. Sie stellt diesbezüglich sogar ein steigendes Bewusstsein fest. So habe zumindest einer der benachbarten Bauern eine Fachausbildung in biologischem Landbau begonnen. Und das Verständnis für naturnahe Waldränder mit Unterholz und Gestrüpp scheine allmählich zu wachsen – wobei auch die Ausgleichszahlungen für die Pflege von Waldrändern eine Rolle spielen dürften. Einen Katalysator fürs Umdenken bei vielen Bauern sieht Büchler in der Trockenheit. «Die Zunahme von Trockenperioden und Ertragsausfällen dürfte den einen oder anderen dazu bringen, über eine Umstellung auf ökologische Landwirtschaft nachzudenken.»

Nein, Angst hat Annemarie Büchler weder vor Dieben noch vor der Zerstörung der Umwelt, auch wenn sie sich gegenüber globalen Veränderungen wie dem Klimawandel bisweilen ohnmächtig fühlt. Wichtig sei, dass jeder dort etwas unternehme, wo er etwas bewirken könne. «Beim Artenschwund ist das eher möglich als beim Klimawandel.» Im eigenen Garten hätten es die Leute selber in der Hand, ob sie Pestizide einsetzten oder nicht, sagt Büchler.

An den Küsten der Welt

Vielleicht ist Heimat der Ort, an dem man sich für eine Verbesserung der Lebensbedingungen einsetzt. In diesem Sinne ist das Mejeried mehr Heimat für Büchler als jeder andere Ort auf der Welt. Sie kann das beurteilen, hat sie doch nach ihrer Pensionierung auf einem Segeltörn die Küsten der Welt gesehen. Im Rahmen eines vom Umweltprogramm der UNO mitfinanzierten Projekts hat sie mit Kolleginnen und Kollegen über Jahre hinweg Küstenbewohner über Umweltgefahren aufgeklärt und Strände gesäubert. Dabei hat sie faszinierend schöne Landstriche und einsame Inseln kennen gelernt. Aber nirgendwo habe sie das Gefühl gehabt, dass sie hätte bleiben wollen.

«Ich brauche den Blick auf die Berge», sagt Büchler. Im Mejeried kann sie diesen sowohl Richtung Alpen als auch Richtung Jura geniessen. In der Stadt Bern hingegen ist eine solche Aussicht ein grosses Privileg. In die Stadt zieht es Büchler denn auch schon lange nicht mehr – auch nicht in die stadtnahe Siedlung Halen in Herrenschwanden, wo sie zuvor gelebt hatte. «Ich bin hier zu Hause.» (Der Bund)

Erstellt: 13.08.2018, 06:12 Uhr

Gemeinde der Gegensätze

Mühleberg ist landesweit als Standort des ersten Atomkraftwerks bekannt, das 2019 ausser Betrieb genommen wird. Bernerinnen und Berner denken bei Mühleberg vielleicht noch an die Wohlensee-Staumauer oder die Deponie Teuftal. Mit über 26 Quadratkilometern Fläche ist Mühleberg aber auch die flächenmässig grösste Gemeinde im einstigen Amtsbezirk Laupen.

Die rund 2900 Einwohner im dünn besiedelten Gebiet verteilen sich auf nicht weniger als 34 Ortsteile. Trotz des ländlichen Charakters der Gemeinde liegt deren Zentrum aber bloss 30 S-Bahn- und Postauto-Minuten vom Berner Hauptbahnhof entfernt. Annemarie Büchlers Kinder mussten einst zehn Minuten mit dem Velo durch den Wald in die Schule in Allenlüften fahren. (bob)

«Bund»-Sommerserie

Die Welt mag aus den Fugen sein. Auch die Schweiz ist nicht immer so, wie es wünschbar wäre. Doch es gibt den Ort, an dem man sich wohlfühlt, der einem ein Stück Heimat ist. Menschen aus dem Kanton Bern zeigen uns einen Ort, den sie besonders mögen. Und sie sagen, weshalb sie dieses Refugium niemals aufgeben würden. (lok)

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