Das Flüchtlingsdrama von Lyss

Rund 300 Jahre nachdem sich die Hugenotten durch die Schweiz gekämpft haben, können Teilstücke ihrer Route nachgewandert werden.

«Protestantische Flüchtlinge» von Albert Anker (1831–1910).

«Protestantische Flüchtlinge» von Albert Anker (1831–1910).

(Bild: Privatsammlung)

Naomi Jones

Vor 330 Jahren spielte sich im Kanton Bern eine Tragödie ab, wie wir sie heute in viel grösserem Ausmass vom Mittelmeer kennen. Zwei völlig überfüllte Flüchtlingsboote zerbrachen und kenterten auf der Aare kurz vor Lyss. Dabei starben 111 von 137 Passagieren. Die etwa zehn Meter langen flachen Boote, sogenannte Weidlinge, ähnlich den Berner Fähren, seien aus unbekannten Gründen zusammengebunden gewesen, sagt die Historikerin Margrit Wick-Werder. Als das erste auf einen Baumstrunk im Wasser aufgefahren sei, sei es zerbrochen. Das zweite sei gekentert, als sich die Flüchtlinge auf das andere Boot zu retten versuchten. «Die Aare zwischen Aarberg und Büren war damals ein schwieriges Gewässer, das sich nach jedem Hochwasser veränderte.»

Das Unglück geschah gemäss neuerer Forschung am 5. September 1687. Die Flüchtlinge waren Hugenotten aus Frankreich. Mindestens 15 Tote konnten sogleich geborgen werden. Sie wurden bei der alten Kirche in Lyss begraben. Die andern habe der Bernische Rat noch neun Tage lang suchen lassen, sagt Wick-Werder. Doch wisse man nicht, wie viele Leichen noch gefunden wurden. Viele Tote seien vom starken Strom mitgetragen worden.

Flüchtlings-Kunstwerk für Hugenotten

An das Schiffsunglück erinnert heute das neue Teilstück des europäischen Hugenottenwegs zwischen Aarberg und Lyss. Das Teilstück wird am 16. September offiziell eröffnet. Der Weg entlang der alten Aare ist aber bereits ausgeschildert und mit Informationstafeln bestückt, wie Florian Hitz erklärt. Er ist der Koordinator des Projekts Hugenottenweg im Seeland. In Lyss erinnere ein Kunstwerk, das zwei Künstler zusammen mit Flüchtlingen aus der nahen Unterkunft geschaffen haben, an den Unfall. Und auf dem Friedhof werde ein Gedenkstein gesetzt.

Der Europäische Hugenottenweg beginnt in Le Poët-Laval im Département Drôme und führt über die Schweiz nach Bad Karlshafen bei Kassel. In der Schweiz sei der Weg aber erst von Genf bis Yverdon und ab Schaffhausen wieder ausgeschildert, sagt Hitz. Dazwischen sei die Route der Hugenotten in der Schweiz zwar bekannt, aber noch nicht ausgeschildert. Dies soll sich nach und nach ändern. Als Nächstes sei die Fortführung des Weges von Lyss nach Büren an der Aare geplant.

Berner Strassen erinnern an Hugenotten

Nachdem 1685 das Edikt von Nantes aufgehoben worden war, verliessen etwa 150'000 Hugenotten Frankreich Richtung Norden. Von Genf aus reisten sie zu Fuss und wenn möglich per Schiff durch das Waadtland, das damals noch zum Kanton Bern gehörte, nach Bern. Von dort aus ging es weiter über Aarberg, Lyss und Büren an der Aare nach Aarau. Rund 20'000 Hugenotten liessen sich in dieser Zeit in der Schweiz nieder. Die protestantischen Kantone verteilten sie nach einem bestimmten Schlüssel unter sich auf. Bern nahm die Hälfte aller hugenottischen Flüchtlinge auf.

Hugenotten waren französische Protestanten. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden sie vom katholischen König Frankreichs stark unterdrückt. Dies bewirkte eine erste Fluchtwelle. 1598 gewährte das Edikt von Nantes den Hugenotten religiöse Toleranz in Frankreich. 1685 wurde das Edikt wieder aufgehoben. Nun setzte die zweite grosse Auswanderungswelle ein.

Die Hugenotten verbreiteten die französische Kultur in ganz Europa und belebten die Wirtschaft, insbesondere die Uhrenindustrie. Sie brachten den Baumwolldruck in die Schweiz und gründeten Seidenfabriken. In Bern erinnern noch der Seidenweg und die Maulbeerstrasse daran. Am Seidenweg stand einst eine Seidenfabrik, an der Maulbeerstrasse war vermutlich die Maulbeerplantage, auf der Seidenraupen gezüchtet wurden.

DerBund.ch/Newsnet

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