Das fahrende Volk als dazugehörig sehen

Nur wenn Plätze für Jenische geschaffen werden, kann ein Boden für die wichtige Debatte über die Zukunft der Minderheit entstehen.

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Marc Lettau

Wir staunen. Als die fahrenden Jenischen im April auf der Kleinen Allmend aufkreuzten, galten sie als «Illegale». 
Sie wurden nummeriert und polizeilich abgeführt. Jetzt, nachdem die gleichen Jenischen die zwischenzeitlich geschaffenen provisorischen Plätze sauber und pünktlich verlassen haben, ist etwa der Leiter der Gewerbepolizei Bern «jederzeit bereit, ein Plädoyer zugunsten der fahrenden Jenischen zu halten». Dazwischen liegen gut vier Monate.

Nur: Wachsendes Verständnis alleine reicht nicht aus, um das delikate Verhältnis zwischen der Minderheit und dem Staat zu verbessern. Ihr Misstrauen gegenüber jeglicher Form von Obrigkeit sitzt tief, genährt von der kollektiven und erniedrigenden Erfahrung, wie Behörden aller Ebenen über Jahrzehnte hinweg die Verfolgung und Ausgrenzung von «Vaganten», «Zigeu­nern» und anderen Tunichtguten gebilligt, begünstigt oder gar gefordert haben – bis hin zu der von irrigen Theorien angetriebenen Aktion «Kinder der Landstrasse».

Der ständige Bittsteller

Will sich der Staat – in unserem Falle der Kanton Bern – wirklich von diesem Kapitel abgrenzen, muss er entschiedener handeln, zumal vor dem Eklat auf der Kleinen Allmend ein Jahrzehnt liegt, in dem Bern Papier produzierte, aber die Zahl der Plätze weiter sank. Werden jetzt Fahrende lediglich von einem Provisorium zum nächsten gewiesen, verändert sich deren Alltag nicht wirklich: Die Fahrenden bleiben in der Rolle der ständigen Bittsteller; und der Stammtisch im Bären findet laufend Gründe, dies daneben zu finden – denn schliesslich bekommen wir sesshaften Normalos ja auch nichts geschenkt.

Je entschiedener also Kanton und Gemeinden die vom Bundesgericht bereits 2003 verlangten Halteplätze definitiv schaffen helfen, desto entschiedener nehmen sie das fahrende Volk aus dem Kreuzfeuer ungerechtfertigter Kritik. Bereits die Erfahrung der letzten Monate war ja für viele verblüffend: Die Jenischen wollen gar nichts gratis. Sie bezahlen für ihren Aufenthalt. Das Einzige, was sie darüber hinaus wollen, ist Akzeptanz.

Es ist nicht die Aufgabe von Kanton und Gemeinden, die Jenischen voller Empathie zu umarmen. Die pri­märe Aufgabe lautet, rechtsstaatlich zu handeln, also das Urteil des Bundesgerichts umzusetzen, um gesellschafts­politisch einen Schritt weiterzukommen. Anders entspannt sich die Lage nicht.

Heikles Thema Schule

Wie empfindlich gestört das Verhältnis zwischen denen, die fahren, und denen, die «oben» sind, nach wie vor ist, zeigt das Thema Schule. Die Bewegung der Schweizer Reisenden etwa, die sich auf der Kleinen Allmend so clever in Szene gesetzt hat, widersetzt sich vehement einem angedachten Schulprojekt für ihre Kinder. Die Reisenden empfinden das Schulprojekt als «Ausdruck absoluter Fremdbestimmung», als «inakzeptabel», ja gar «menschenverachtend». Das irritiert natürlich die Mehrheit, aber aus Scham vor der Vergangenheit wird die Debatte gescheut, auf wie viel Bildung (und somit Chancengleichheit) fahrende jenische Kinder denn sollen zählen dürfen. Das ist nicht gut.

Nicht der Plätze wegen, sondern genau solcher Debatten wegen muss «die Obrigkeit» entschiedener handeln. Dann gelingt es vielleicht, den Zweifelnden unter den Jenischen aufzuzeigen, dass – um beim gewählten Beispiel zu bleiben – ein besserer Schulsack kein Angriff auf die jenische Identität ist. Mehr Raum fürs Lernen kann ja auch die jenische Sprache und somit die jenische Identität stärken helfen

Anspruch einer selbstbewussten Willensnation

Aber warum sollen wir Sesshaften uns überhaupt mit der Minderheit der Jenischen herumschlagen? Es ist simpel: Den Jenischen die versprochenen Nischen zu gewähren und die lange ausgebliebene Anerkennung entgegenzubringen, trägt zu dem bei, was wir gerne und selbstbewusst Willensnation nennen. Eine Minderheit ohne grosses Lamento als dazugehörig zu betrachten, belegt den Willen und den Mut, die Vielfalt als Beleg des kulturellen Reichtums der Schweiz zu sehen. Bei jenen, die ein rätoromanisches Idiom sprechen, haben wir das irgendwie begriffen. Bei jenen, die im Scharotl unterwegs sind, ists offenbar schwieriger. Warum eigentlich? Weil sie uns Unbeweglichen daran erinnern, dass 
es auch noch andere Lebensweisen gibt? Das ist zwar im ärgsten Fall anstrengend, aber weder schlecht 
noch schlimm.

Der Bund

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