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«Das Berner Modell ist kein Luxusmodell»

Minderjährige Asylsuchende sind gefährdet, wenn sie nicht getrennt von Erwachsenen betreut werden, sagt die Vertreterin des UNO-Flüchtlingshilfswerks in der Schweiz.

Frau Klug, warum kommen mehr und mehr minderjährige Asylsuchende nach Europa?

Zurzeit gibt es weltweit 20 Millionen Flüchtlinge und über 65 Millionen Vertriebene. Mehr als die Hälfte davon sind Kinder. Von den humanitären Krisen sind vor allem Frauen und Kinder betroffen. Auch wenn nur die wenigsten nach Europa kommen, steigt deren Zahl doch an. Die meisten Kinder kommen mit ihren Familien, einige aber auch allein.

Wie hoch ist der Anteil Jugendlicher unter den Flüchtlingen in Europa?

Für diese Kinder und Jugendlichen gibt es den Begriff der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden, kurz UMA. Diese Abkürzung lässt leicht vergessen, dass wir über schutzsuchende Kinder ohne Begleitung sprechen. Über deren Anteil gibt es keine globalen Statistiken. Bekannt ist, dass 92 Prozent aller Kinder, die über die Mittelmeerroute kommen, unbegleitet sind. Vertreibung und Flucht führen häufig zur Trennung von Familien. Oft steckt aber auch die bewusste Entscheidung einer Familie hinter einem UMA-Schicksal. Die Familien erhoffen sich, wenigstens den Kindern eine Zukunft zu verschaffen.

Die UMA im Kanton Bern stammen vor allem aus dem Kriegsland Afghanistan und aus Eritrea. Was bewegt Jugendliche aus Eritrea zur Flucht?

In Eritrea werden Jugendliche in einen zeitlich unbegrenzten Militärdienst eingezogen. Das ist kein Militärdienst wie in der Schweiz. Die Betroffenen wissen nicht, ob und wann sie je wieder entlassen werden. Zudem sind Übergriffe und Gewalt im Dienst auf der Tagesordnung.

Früher brachte man die Jugendlichen mit den Erwachsenen unter. Warum geht das nicht mehr?

Schweizweit setzt sich allmählich das Bewusstsein für die besonderen Bedürfnisse der UMA durch. Die Trennung der Kinder von alleinreisenden männlichen Erwachsenen ist ein internationaler Mindeststandard. Dabei geht es vor allem um den Schutz der Kinder vor sexuellen Übergriffen oder vor Menschenhandel. Immer wieder verschwinden Kinder aus Flüchtlingsunterkünften, auch in Europa, auch in der Schweiz. Es gibt aber eine staatliche Schutzpflicht. Die Staaten müssen geeignete Massnahmen treffen, damit dies verhindert wird. In einer grossen Unterkunft mit alleinstehenden Männern ist die Schutzpflicht des Staates nicht gewährleistet.

Ist die Unterbringung von UMA im Kanton Bern vorbildlich?

Ich kenne das Berner Modell aus eigener Anschauung. Es ist vorbildlich, aber kein aussergewöhnliches Luxusmodell. Vorbildlich ist die räumlich getrennte Unterbringung von Erwachsenen und UMA und ein alters- und bedürfnisgerechtes Betreuungskonzept, das auch von anderen Kantonen aufgegriffen wurde.

Die Referendumsbefürworter sprechen von einer Luxuslösung.

Dem ist eben nicht so. Einige Kantone wie Bern oder Basel haben schnell auf die steigende Zahl von Jugendlichen reagiert. Andere Kantone ziehen nun aber nach. Letztes Jahr hat die Sozialdirektorenkonferenz (SODK) Richtlinien zur Betreuung herausgegeben. Was Bern macht, entspricht diesen Vorgaben.

Wie ist die Situation der UMA in Deutschland oder Italien?

Die Standards sind in vielen Ländern unzulänglich, vor allem in Griechenland und etwas weniger auch in Italien. Aber auch in Westeuropa gibt es Lücken in der Betreuung der Kinder. Vielerorts hat man das Problem aber erkannt und ist dabei, Verbesserungen einzuführen.

Ein UMA kostet 171 Franken pro Tag. Die Referendumsbefürworter sagen, manch ein Rentner in der Schweiz würde sich über so viel Geld freuen.

Solche Vergleiche sind unzulässig. Es geht um eine besonders verletzliche Gruppe von Kindern. Sie sind ohne den Schutz ihrer Eltern in einem fremden Land, dessen Sprache und Kultur sie nicht kennen. Sie wurden aus allen sozialen Zusammenhängen gerissen. Die meisten dieser Kinder sind stark traumatisiert. Da braucht es einen anderen Betreuungsschlüssel, etwa eine Präsenz von Betreuern auch in der Nacht.

Was passiert, wenn diese Jugendlichen keine Betreuung haben?

Es kann zu physischen oder psychischen Schäden kommen. Es ist davon auszugehen, dass die meisten dieser Kinder länger in der Schweiz bleiben. Es ist daher auch für die Gesellschaft von Interesse, dass sie sich schnell integrieren. Da ist es sinnvoll, wenn sie kindgerecht untergebracht sind und Bezugspersonen haben, denen sie vertrauen können. Die Sprache erlernen, der Besuch einer Schule – das ist essenziell für die Integration. Damit wird verhindert, dass die Kinder in die Sozialhilfe, in Kriminalität oder in Extremismus abdriften. Dort würden Kosten entstehen, die wesentlich höher sind als die Kosten einer kindgerechten Betreuung.

Sie haben den Menschenhandel angesprochen. Wie gross ist diese Gefahr?

Die europäische Polizeibehörde Europol hat im Januar 2016 festgestellt, dass in den vorhergehenden anderthalb bis zwei Jahren mindestens 10'000 UMA nach ihrer Ankunft in Europa verschwunden sind. In der Schweiz wurden in den letzten vier Jahren 240 Kinder als vermisst gemeldet. Allein im Jahr 2015 verschwanden 76 Kinder aus hiesigen Asylheimen. Aus Erfahrung weiss man, dass einige von ihnen später bei ihren Familien auftauchen. Andere hingegen bleiben unauffindbar.

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