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Das absolute Mehr allein nützt nichts

Für Mittekandidaten wie Michael Köpfli (GLP) ist es nahezu unmöglich gewählt zu werden. Und sollte er das absolute Mehr erreichen – braucht es ein zweites Wunder.

Hans Kipfer von der EVP ist nebst Michael Köpfli der aussichtsreichste Mittekandidat.
Hans Kipfer von der EVP ist nebst Michael Köpfli der aussichtsreichste Mittekandidat.
Franziska Scheidegger

Die Rede kommt dieser Tage da und dort auf die Möglichkeit eines zweiten Wahlgangs. Wie wahrscheinlich ist es, wird dann etwa gefragt, dass Michael Köpfli, der Kandidat der Grünliberalen, oder Hans Kipfer von der EVP einen zweiten Wahlgang erzwingen können? Einen zweiten Wahlgang, der es erlauben würde, die beiden grossen Blöcke zu knacken, den bürgerlichen Vierer und den rot-grünen Vierer.

Auch wenn es unmöglich ist, in die Zukunft zu blicken, so lässt sich doch eines feststellen: Einen zweiten Wahlgang wird es bei den Regierungsratswahlen am übernächsten Sonntag kaum geben. Auch diesmal nicht. Sehr, sehr wahrscheinlich ist es, dass die Angelegenheit in einem einzigen Wahlgang erledigt wird – und sogar noch Leute auf der Strecke bleiben, die das absolute Mehr erreicht haben.

Prominente Verlierer

Für Köpfli und Kipfer, die aussichtsreichsten Mittekandidaten, sieht es deshalb nicht gut aus. Aus zwei Gründen:

  • Erfahrungsgemäss machen die Kandidaten der beiden grossen Blöcke das Rennen unter sich aus. Wer auf einer dieser beiden Listen steht, hat dank des Majorzwahlsystems einen natürlichen Vorsprung. Denn starke Kandidaten ziehen schwache im Schlepptau mit. Zwischen dem letzten Block- und dem ersten Mitte-Kandidaten klafft jeweils eine Lücke. 2014 war diese zwischen Philippe Perrenoud und Marc Jost (EVP) über 26'000 Stimmen breit (siehe Grafik). Speziell damals: Perrenoud wurde gewählt, obschon er weniger Stimmen hatte als Manfred Bühler. Der Grund: Der Jura-Sitz wird nach einer besonderen Regel vergeben. 2010 war die Lücke 18'000 Stimmen breit, 2006 und 2002 waren es nahezu 50'000 Stimmen.
  • Erfahrungsgemäss erreichen bei bernischen Regierungsratswahlen alle Kandidatinnen und Kandidaten der beiden Blöcke das absolute Mehr. Das heisst: Es gibt mehr Leute, welche die nötige Anzahl Stimmen hätten, als Sitze zu vergeben sind. 2010 übersprang auch Albert Rösti – der heutige Präsident der SVP Schweiz – diese Marke, landete aber nur auf Rang 8. 2006, als Rot-Grün die Wende schaffte, hatten drei bürgerliche Frauen die Hürde gemeistert – Eva Desarzens (FDP), Monique Jametti Greiner und Annelise Vaucher (beide SVP) – und waren trotzdem nicht gewählt. 2002 blieben demgegenüber drei rot-grüne Kandidaten auf der Strecke, obschon sie das absolute Mehr erreicht hatten: Franziska Teuscher (Grüne), Chantal Bornoz-Flück (SP) und Bernhard Pulver (Grüne). Pulver schaffte es erst vier Jahre später.

Sogar Albert Rösti erreichte einmal das absolute Mehr. Es nützte nichts.

Die grosse Ausnahme bildeten die Wahlen von 1986, als ausserordentlich viele Kandidaten ins Rennen stiegen. Im ersten Wahlgang konnten nur sieben der damals noch neun Sitze besetzt werden; im zweiten Wahlgang siegten dann Leni Robert und Benjamin Hofstetter von der Freien Liste, was Bern erstmals eine rot-grüne Regierungsmehrheit bescherte.

Eine Ausnahme bildete auch der Freisinnige Sylvain Astier, der 2010 das absolute Mehr nicht erreichte, obschon er dem bürgerlichen Block angehörte.

Was heisst das für Köpfli/Kipfer?

Für Mittekandidaten ist es somit äusserst schwierig zu reüssieren. Ihr Hauptproblem ist nicht einmal das absolute Mehr. Die noch grössere Schwierigkeit besteht für sie darin, diese Hürde zu meistern und gleichzeitig mindestens zwei der acht Kandidaten der Hauptblöcke zu schlagen.

Was hingegen keine Erfolg versprechende Taktik wäre: auf einen zweiten Wahlgang zu spekulieren. Ein solcher ist unter den gegebenen Umständen äusserst unwahrscheinlich. Dies wiederum hängt mit den Besonderheiten des Wahlsystems zusammen, das nebst Bern auch andere Kantone anwenden. Im Wesentlichen gibt es zwei Methoden, wie das absolute Mehr berechnet wird. Bei der ersten Methode wird auf die Zahl der gültigen Wahlzettel abgestellt. Diese Zahl wird halbiert; die nächsthöhere Zahl ist das absolute Mehr. Bei der anderen Methode – in Bern gilt diese – sind nicht die Wahlzettel, sondern die Kandidatenstimmen massgebend. Deren Anzahl wird durch die Zahl der Sitze (7) geteilt, das Ergebnis wird halbiert, und die nächste Zahl ist das absolute Mehr.

Würden alle Wählerinnen und Wähler sämtliche sieben Linien ausfüllen, kämen beide Methoden aufs Selbe heraus. In der Praxis bleiben viele Linien leer. Das heisst, das absolute Mehr rutscht abwärts – und ist leichter zu überwinden. Gegen diese Methode ist bereits geklagt worden, weil es möglich ist, gewählt zu werden, ohne dass ein Kandidat tatsächlich die Mehrheit der Wähler hinter sich hat. Das Bundesgericht hat die Methode aber geschützt.

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