«Dann ist die Aare ganz weg»

Bleibt nach Frühling und Sommer auch der Herbst praktisch regenlos, droht laut Klimahistoriker Oliver Wetter ein Teufelskreis in Gang zu kommen.

Derzeit ist auch die Aare eher tief.

Derzeit ist auch die Aare eher tief.

Naomi Jones

1540 wurde Europa von einer grossen Dürre heimgesucht. Sind wir bald wieder dort?
Ich denke zurzeit oft an die Dürre von 1540. Noch sind wir nicht dort. Wenn aber nach dem heissen Sommer und dem warmen Herbst auch der Winter trocken bleibt, könnten wir ein ähnlich extremes Ereignis wie 1540 erhalten.

Ist das denn wahrscheinlich?
Theoretisch ist das möglich. Denn je trockener der Boden ist, desto weniger Wasser verdunstet. Dadurch wird das Klima immer heisser und trockener und die Grosswetterlage bleibt beständiger. Das ist ein sich selbstverstärkender Mechanismus, ein Teufelskreis.

Ab wann spricht man von einer Dürre?
Das kommt auf den Beobachter an und darauf, welche Auswirkungen er misst. Von einer landwirtschaftlichen Dürre sprechen wir, wenn die Bauern zu wenig Wasser haben. Das war in diesem Jahr der Fall. Wir können auch von einer meteorologischen Dürre sprechen, das sind Jahre mit einem Minimum an Niederschlag. Schliesslich gibt es die sozioökonomische Dürre.

Was versteht man darunter?
1540 führte der Rhein so wenig Wasser, dass die Mühlen nicht mehr funktionierten. Daher stiegen die Mehl- und Brotpreise. Wo die Obrigkeit die Preise nicht fixierte oder ihre Lager öffnete, hatten die ärmeren Leute Mühe, den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Besteht auch heute die Gefahr einer sozioökonomischen Dürre?
Grundsätzlich sind wirtschaftliche Auswirkungen auch heute denkbar. 2003 mussten die französischen Elektrizitätswerke die Stromproduktion um über 50 Prozent reduzieren, weil die Flüsse zu warm waren, um die Atomkraftwerke zu kühlen. Das führte zu Stromausfällen und zu hohen wirtschaftliche Kosten.

Immer wieder stellt sich die Gretchenfrage: Klimawandel oder Wetter?
Das Klima und sein Wandel zeigen sich in der Statistik. Früher waren Dürren wie 1540 absolute Ausnahmen, die alle 500 bis 1000 Jahre auftraten. Aufgrund des menschgemachten Klimawandels sind sie heute viel häufiger zu erwarten.

Wie häufig?
Seit den 1980er Jahren gibt es nur noch Wärmeanomalien, wenn also das Klima wärmer ist als in vergleichbaren Perioden anderer Jahre. Es gibt seit bald 40 Jahren keine Kälteanomalien mehr. Die aktuelle Dürre passt ins statistische Bild. In 30 Jahren wird man statistisch gesehen alle zwei Jahre mit einem Sommer wie 2018 rechnen müssen.

Womit müssen wir weiter rechnen?
Sommer wie Winter werden wärmer. Im Winter haben wir mehr Regen und weniger Schnee. Der Regen ist kürzer aber intensiver und bringt Hochwasser. Dieses fliesst ab, statt im Boden gespeichert zu werden. Wenn in 80 Jahren die Gletscher weg sind, die unsere Flüsse mit Schmelzwasser speisen, gibt es in einem Sommer wie 1540 keinen Abfluss mehr. Die Aare ist dann ganz weg.

Gibt es auch positive Seiten?
Wir werden einen guten Wein haben. Den Wein aus dem Jahr 1540 kann man heute noch trinken. Die Stadt Würzburg mauerte im 30-jährigen Krieg ein paar Flaschen ein, um sie vor den Schweden zu verstecken. In den 1950er-Jahren wurde eine geöffnet und getrunken. Der Wein war immer noch gut.

DerBund.ch/Newsnet

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